Willkommen in der neuen KlassikWoche,

heute geht es unter anderem um die große Hoffnung auf Theater-Öffnungen, um das Nachtreten in Bayreuth und den Opern-Neubau in Düsseldorf 

ÖFFNUNGS-HOFFNUNGEN

So langsam zeichnet sich ein Ende des Kultur-Lockdowns ab. Die Berliner Philharmoniker und Kirill Petrenko nehmen an einem Pilot-Projekt in Berlin teil: Am 20. März 2021 um 19 Uhr soll ein Konzert vor 1.000 Zuhörerinnen und Zuhörern gegeben werden. Eine Möglichkeit, um zu erproben, unter welchen Bedingungen Konzerte und andere Kulturveranstaltungen in näherer Zukunft trotz höherer Inzidenzzahlen möglich sein könnten – eine Hoffnung liegt auf den Antigen-Tests. Die Tests werden in Partner-Testzentren oder direkt in der Philharmonie vorgenommen und sind für die Konzertgäste kostenlos. 

Neuigkeiten auch aus Bayern: Vom 23. März an, hoffen Politik, Kultur und Publikum, soll wieder vor Publikum gespielt werden – mit Tests beim Publikum. Wie sie abgewickelt und wer sie vornehmen soll – darüber besteht noch keine Klarheit. Die Bayerische Staatsoper in München will mit dem „Rosenkavalier“, das Volkstheater mit „Macbeth“ eröffnen. Der Sänger Christian Gerhaher und seine Initiative „Aufstehen für die Kulturreichen derweil Verfassungsklage beim Bayerischen Verfassungsgericht ein, halten den geplanten Eilantrag an das Verwaltungsgericht allerdings vorerst zurück. 

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Und auch international soll es wieder losgehen: Das Royal Opera House in Covent Garden will die Türen am 17. Mai wieder öffnen. Die Opernfestspiele in Verona planen unter anderem eine „Aida“ mit Riccardo Muti. Nicht ganz so gut sieht es an der Mailänder Scala aus: In den vergangenen Tagen wurden 45 Mitarbeitende am Teatro alla Scala positiv auf Covid-19 getestet. Der designierte Intendant Dominique Meyer wendet sich nun an die italienische Regierung. Seine Forderung: Alle Künstlerinnen und Künstler an italienischen Theatern sollen schnellstmöglich geimpft werden. Und auch an der MET in New York wird es wohl langfristige Probleme geben: Immer mehr Sponsoren kritisieren den Umgang von Intendant Peter Gelb mit seinem Orchester und drohen, sich zurückzuziehen. 

NACHGETRETEN IN BAYREUTH

Katharina Wagner und der Geschäftsführer Holger von Berg vor seinem Ausscheiden

Die Frage, wie stilvoll es ist, den Arbeitgeber nur wenige Tage nach dem eigenen Ausscheiden öffentlich zu diskreditieren, scheint sich der Geschäftsführer der Bayreuther Festspiele, Holger von Berg, nicht gestellt zu haben. Diese Woche gab er dem Bayreuther Kurier ein großes Interview, in dem er unter anderem das Arbeitsklima bei den Festspielen kritisierte, die aktuellen Programm-Pläne (etwa den „Ring“ zu verschieben) und die Personalpolitik von Katharina Wagner. Die Festspiele konterten entspannt in einer Stellungnahme von Pressesprecher Hubertus Herrmann: Die Verschiebung des „Ringes“ hätte in erster Linie mit den Terminplänen von Sängerinnen und Sängern zu tun und mit der nötigen Probenzeit, und überhaupt: Man freue sich bereits auf die Zusammenarbeit mit von Bergs Nachfolger, Ulrich Jagels, und wünsche sich, dass sich dann auch das Betriebsklima wieder zum Guten entwickele – „so wie es vor fünf Jahren war.“ Bämmm!

Und wie geht es nun weiter für Holger von Berg? Immer wieder ist das Gerücht zu hören, dass er in Wiesbaden (am Hause unseres Freundes Kai-Uwe Laufenberg (jaha!)) anheuern wird, es aber eine juristische Auseinandersetzung mit einer Mitbewerberin gäbe. Doch nun sei – so wird gemunkelt – ein „work-around“ gefunden worden, und Berg könne am 1. April in Wiesbaden beginnen. Ich habe diesen Freitag beim Theater in Wiesbaden nachgefragt. Dort wurde meine These weder dementiert noch bestätigt, und ich wurde an das Ministerium verwiesen. Auf meine Verwunderung, dass es merkwürdig sei, wenn das Theater nicht wisse, wer neuer Geschäftsführer würde, bekam ich die Antwort: „Die Stelle wird vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst besetzt und deswegen kann zur Zeit auch nur das HMWK die Frage nach dem Geschäftsführenden Direktor beantworten. Das Theater kann dem HMWK nicht vorgreifen.“ Das Ministerium war am Freitagnachmittag nicht mehr zu erreichen. Aber es ist davon auszugehen, dass wir in der nächsten KlassikWoche mehr Klarheit haben. Bleibt offen, ob all das – so oder so – ein Aprilscherz ist oder ob sich das Hessische Ministerium da gerade selber ein Oster-Ei legt. 

PUBLIKUMSBESCHIMPFUNG

Und dann war da noch der Debatten-Einwurf von Jens Fischer Rodrian, dem Kreativdirektor der Blue Man Group. Er kritisierte die Corona-Maßnahmen massiv und holte nun zum großen Rundumschlag aus – in erster Linie gegen das eigene Publikum. Seine Argumentation: Ein Großteil der KünstlerInnen schweige aus Angst, das Publikum zu verlieren. Rodrian schreibt an das Publikum: „Vielleicht würdet Ihr ihnen helfen, sich aus der Deckung zu wagen, wenn Ihr zeigt, dass Ihr ihnen treu bleibt. Sie haben in ihrer Angst, Euch zu enttäuschen, eines übersehen: Man kann sein Publikum auch verlieren, wenn man schweigt. Jetzt geht es um Euch, liebes Publikum. Und ganz ehrlich, auch wenn Ihr mir das übel nehmen werdet: Ich bin, gelinde gesagt, enttäuscht — zumindest von einem Teil von Euch. Sind wir nichts anderes als Pausenclowns, die zwar das Leben stimulieren, wenn sie da sind, aber nicht wirklich fehlen, wenn sie weg sind?“ Ich persönlich bin nicht sicher, ob es perspektivisch klug ist, zu vergessen, dass auch ein Großteil des Publikums von Corona betroffen ist und ihm vielleicht selber das Wasser bis zum Halse steht. Wann haben sich eigentlich die KünstlerInnen für die FrisörInnen eingesetzt? Für mich bleibt das beste Mittel, für die Kunst zu werben die Begeisterung der Kunst selber. 

BÜRGERENTSCHEID ÜBER OPER IN DÜSSELDORF?

Bereits in der letzten Woche haben wir berichtet, dass Düsseldorf eine neue Oper bekommen soll. Der WDR meldete diese Woche, dass Oberbürgermeister Stephan Keller die Kosten für den Neubau auf mindestens 636 Millionen Euro schätze. Und allmählich kristallisieren sich auch erste konkrete Punkte heraus, wie Patrick Bahners in der Frankfurter Allgemeinen berichtet: „Keine Präferenz gab (Bürgermeister) Keller in der Frage zu erkennen, ob die neue Oper am alten Ort gegenüber der Kunstsammlung NRW oder an anderer Stelle errichtet werden soll. Allerdings bekannte sich der Oberbürgermeister zur Innenstadt. Der gelegentlich vorgeschlagene Hafen würde damit ausscheiden, und der Radius der Grundstückssuche wäre von vornherein enger gezogen als etwa beim Konzertsaal in München. Einen Bürgerentscheid über den Standort schloss Keller nicht aus, er gab aber zu verstehen, dass der Stadtrat, der sich über die den Bürgern vorzulegende Frage verständigen müsste, die Sache auch gleich selbst entscheiden könnte.“

PERSONALIEN DER WOCHE

Otto Schenk nimmt seinen endgültigen Abschied von der Bühne.

Österreichs Regie- und Schauspiellegende Otto Schenk nimmt endgültig Abschied von der Bühne: „Ich kann ja nicht mehr gehen. Auf der Bühne muss man sich bewegen können, und das kann ich rein physisch nicht mehr. Nur noch hoppeln.“ Sein Auftritt in Tschechows „Kirschgarten“ war der wohl letzte, erklärte Schenk der Zeitschrift News. +++ Im September übernimmt Serge Dorny die Bayerische Staatsoper. Bis dahin muss er sich noch mit „ ‚Anti-Opern-Ideologen“ herumschlagen: Die Linken im Stadtrat von Lyon haben ihm die Zuschüsse um 500.000 Euro gekürzt und wollen lieber die freie Szene unterstützen. Das braucht Dorny in München nicht zu befürchten. Aber auch hier scheint es bereits erste Anfangs-Debatten mit seinem zukünftigen Team über die Ausrichtung des Hauses zu geben. 

Wie schafft man es, sich von Corona nicht unterkriegen zu lassen?
Arnt Cobbers fragt nach. Bei Nabil Shehata, Pablo Barragán, Heidrun Holtmann und Severin von Eckardstein 

+++ „Wenn ein weltweit gefeierter Tenor eine Operette mit dem Titel ‚Hopfen und Malz‘ komponiert, dann ist die Opernwelt nicht verloren, sondern dann treibt der Lockdown seine schönsten Blüten“, schreibt Christian Berzins u.a. in der „Aargauer Zeitung“ in einem lesenswerten Porträt über den Sänger (und nun auch Operetten-Komponisten) Daniel Behle. Was es mit der neuen Operette auf sich hat, ist auch hier zu lesen. +++ Die Bühnen der Stadt Köln müssen um 15 Millionen Euro bangen: Sie haben ihr Geld bei der kriselnden Greensill Bank angelegt, die mit hohen Zinsen geworben hatte. „Spekulativ“ sei die Anlage nicht gewesen, so Geschäftsführer Patrick Wasserbauernun droht eine Finanz-Katastrophe. +++ Der Theologe und Organist Wolfgang Bretschneider ist im Alter von 79 Jahren verstorben, wie das Stadtdekanat Bonn mitteilte.

WO BLEIBT DAS GUTE, HERR BRÜGGEMANN

Nun, ich habe diese Woche unser vorerst letztes Wohnzimmer-Konzert in Wien genossen: Lassen Sie sich von Christiane Karg und Andrés Orozco-Estrada in die Welt der Vier letzten Lieder entführen.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

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