KlassikWoche 14/2022

Klassik zwischen Span­nung und Entspan­nung

von Axel Brüggemann

4. April 2022

Die Konzerthaus-Debatte in München, das Statement von Netrebko-Anwalt, das unfassliche Benefizkonzert von Teodor Currentzis und musicAeterna in Wien

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

heute mit einer verkorksten Konzert­haus-Debatte, zwei unter­schied­li­chen Versu­chen, sich „ein biss­chen“ von Putin zu distan­zieren und einer sport­lich-klas­si­schen Entspan­nung am Ende.

MÜNCHNER KONZERT­HAUS-DEBATTE

Das geplante Konzerthaus München

Nachdem Markus Söder erklärt hat, „Wir können nicht alles unend­lich finan­zieren“ und damit die Finan­zie­rung des lange geplanten Münchner Konzert­hauses in Frage stellte, tobt eine Debatte um das Projekt. Eher enttäu­schend war für viele das schwam­mige State­ment von Simon Rattle. „Ich möchte die Gedanken von Minis­ter­prä­si­dent Söder nicht gern aus der Ferne inter­pre­tieren“, ließ er wissen. Eine Kampf­an­sage klingt anders. Und genau das scheint das Problem des neuen Hauses zu sein, das – selbst, wenn es nicht gebaut wird – wohl weit über 20Mio Euro kosten wird: Es wurde mit allem Pipapo geplant, mit mehreren Sälen und voll­kommen digi­ta­li­siert gedacht, doch es hatte nie eine wirk­liche Lobby. Das liegt auch daran, dass die Münchner – anders als bei der – im Vorfeld nicht emotional mitge­nommen wurden. Heute zeigt ein Blick nach , dass Kultur in den anste­henden Wahl­kämpfen wohl kaum eine Rolle spielen wird. Außer man kündigt – so wie Söder – voll­mundig ihre Strei­chung an. Der Kultur­haus­halt der Stadt wurde gerade gekürzt, angeb­lich wegen Corona-Ausgaben, das Konzert­haus soll auf den Sankt-Nimmer­leinstag verschoben werden, auch mit Verweis auf die finan­zi­ellen Unsi­cher­heiten durch den Krieg. Wir werden diese Argu­mente in Zukunft wohl nicht allein in München hören, sondern even­tuell auch in , oder Pose­muckel.

Die -Debatte ist auch eine Debatte darüber, ob wir uns in Krisen über­haupt Kultur leisten wollen. „Wir brau­chen dieses Wohn­zimmer der krea­tiven Höhen­flüge wie die Luft zum Leben“, sagt die Geigerin dem BR. Es sei eine „Kata­strophe“ und „ein schlechtes Signal für München als Kultur­stadt“, findet der Konzert­ver­an­stalter und München­Musik-Chef Andreas Schessl. Sänger Chris­tian Gerhaher wünscht sich eben­falls weiterhin einen neuen Saal. Auch, wenn es jetzt die Isar­phil­har­monie als provi­so­ri­schen Konzert­saal gibt, so der Sänger am Dienstag im Gespräch mit : „Aber es kann ja sein, dass sich dieser Saal ganz gut erhalten lässt. Inso­fern ist die Situa­tion eine andere als vor fünf oder zehn Jahren, als wir darauf gedrängt haben, einen neuen Saal zu bekommen.

ANNAS CHOICE

Mir wurde in den letzten Wochen immer wieder nahe­ge­legt, die Dinge einmal so zu sehen: sei in Russ­land verwur­zelt, in ihrem Kopf die Verbin­dung zwischen Putin und ihrem Heimat­ge­fühl aufzu­lösen, sei kein intel­lek­tu­eller Prozess, sondern müsse zunächst im Bauch ankommen. Und dafür brauche sie eben Zeit. Und die schien sie sich zu nehmen, postete Barfuß-Bilder vom -Strand, während Bomben in Kiew fielen. Ich war drauf und dran, zu glauben: „Okay, viel­leicht ist es so – und viel­leicht braucht sie Zeit, um irgend­wann diesen einen, einfa­chen Satz zu posten: ‚Mr. Putin, stop this war!‘“ Doch dann schien dieses Besin­nungs-Ding einigen Leuten doch zu lange zu dauern, und Netrebkos Anwalt, Chris­tian Schertz, verkün­dete nun, was die Diva sagen sollte, äh, wollte! Ihr State­ment, zuge­spitzt zusam­men­ge­fasst: Sie verdamme den Krieg, hätte mit Putin nur wenig zu tun gehabt und wolle nun endlich wieder auftreten. Außerdem hätten wir sie einfach miss­ver­standen (ob das auch für die eigent­lich unmiss­ver­ständ­li­chen Worte galt, in denen sie ihre Kritiker „human shit“ nannte und Euro­päern die Kritik an ihrer Kriti­kun­fä­hig­keit in ausfal­lendem Ton vorwarf?).

So richtig ging die Rech­nung auf jeden Fall nicht auf: Zwar wurde Netrebko nun auch im russi­schen Nowo­si­birsk ausge­laden und von der „Prawda“ kriti­siert, aber von einer breit­flä­chigen Zustim­mung im Westen kann eben auch nicht die Rede sein. Kollege Norman Lebrecht kramte Netrebkos alte Wahl­un­ter­stüt­zung für Putin hervor, um ihre Behaup­tung, unpo­li­tisch zu sein, zu entkräften, und wieder tauchten überall die Bilder auf, die sie mit der Sepa­ra­tisten-Flagge zeigen. Die New York Times zitierte MET-Inten­dant Peter Gelb, der erklärte, dass man die Zusam­men­ar­beit mit ihr auch weiterhin auf Eis legen wolle, Hamburgs Kultur­se­nator, Carsten Brosda erklärte im WDR, dass er gegen ein Konzert von Netrebko in der Elbphil­har­monie sei, und auch an der Staats­oper in wolle man sich erst einmal persön­lich mit Netrebko unter­halten. Es ist eben nicht so leicht mit Erkenntnis und Reue – viel­leicht hätte eine weitere Woche Urlaub der Netrebko gut getan. Aber der Druck jener, die davon leben, dass sie auf der Bühne steht, hat am Ende wohl zu diesem eher merk­wür­digen und irgendwie befremd­lich unper­sön­li­chen Schnell­schuss geführt. 

WHITE­WA­SHING IM WIENER KONZERT­HAUS 

Todor Currentzis im Aufnahmestudio mit musicAeterna

Weitaus kalt­schnäu­ziger und verwe­gener findet derweil die öffent­liche Ablen­kung von Russ­land-Verstri­ckungen in Öster­reich statt. Man muss schon aller­hand Chuzpe haben, wenn man ausge­rechnet das „Rote Kreuz“ und den „Roten Halb­mond“ ins Boot holt, um ein Benefiz-Konzert für die Ukraine mit dem Diri­genten und seinem Ensemble auszu­richten. Zur Erin­ne­rung: Selbst der SWR (der derzeit lustig mit Curr­entzis durch Europa tourt) hatte Bedenken ange­meldet, was die Finan­zie­rung von musi­cAe­terna durch die russi­sche VTB Bank betrifft (ihr Vorsit­zender wird von Wladimir Putin per Dekret ernannt), und auch -Chef Markus Hinter­häuser hatte seine Skepsis ausge­drückt und um Aufklä­rung gebeten. Schon im SWR-State­ment zog Curr­entzis es vor zu schweigen, den offenen Brief, den der russi­sche Diri­gent Wladimir Jurowski initi­iert hatte, um den Angriff Russ­lands auf die zu verur­teilen, hat Curr­entzis – im Gegen­satz zu Simon Rattle und – auch nicht unter­schrieben, wie der Stan­dard fest­stellt.

Was also reitet Konzert­haus-Inten­dant Matthias Naske zu diesem wirk­lich absurden Benefiz-Rein­wa­schungs-Konzert (das er kluger­weise am Frei­tag­mittag lancierte, um die Wochenend-Müdig­keit der Öffent­lich­keit zu nutzen, so wie es zuvor auch der SWR tat)? Naske selber hatte im „Stan­dard“ noch erklärt, von Seiten des Klang­kör­pers würde ein Zeichen der Posi­tio­nie­rung helfen, eine Geste: „Ich hoffe, dass sie kommt.“ Ist diese Geste nun etwa das Schweigen und das gleich­zei­tige Spielen in zwei Systemen? Ist es in diesen Tagen möglich, sowohl von russi­schem Geld als auch von deut­schen Fern­seh­ge­bühren und öster­rei­chi­schen Subven­tionen zu profi­tieren, ohne eine Haltung zu bekunden? Bei Twitter kommen­tierte jemand zu Recht, Curr­entzis bei einem Benefiz-Konzert für die Ukraine sei, „wie Lawrow als Haupt­redner zu einer Ukraine Frie­dens­kund­ge­bung zu schi­cken“. Meine Anfrage beim Konzert­haus, in der ich den Inten­danten um Stel­lung­nahme bat, blieb bis Redak­ti­ons­schluss unbe­ant­wortet, und auch Antworten vom Roten Kreuz, das hier offen­sicht­lich als White­wa­shing-Orga­ni­sa­tion dienen soll, stehen noch aus. Ich nehme das so ernst, weil , Linz, Salz­burg und Panama zeigen, dass Putin Klassik, Wirt­schaft und Politik als Einheit denkt – seien wir nicht naiv!

DEBATTE: ZUKUNFT DER KLASSIK

Kann man mit Klassik eigent­lich noch Geld verdienen? Ja, sagt Peter Schwenkow, Chef des Veran­stal­ters DEAG (u.a. Wald­bühne-Konzerte) und verweist, wie auch Eventim, auf erneut wach­sende Geschäfts­zahlen. Peter Schwenkow und ich pflegen seit Jahren unsere unter­schied­li­chen Perspek­tiven auf den Klassik-Betrieb – und kämpfen sie auch gern aus. Umso span­nender fand ich es, ihn (der auch die anste­henden Anna-Netrebko-Konzerte veran­stalten will) für meinen Podcast zu befragen (hier auf allen gängigen Portalen nach­zu­hören): Wie kann man in Zeiten von Corona und Krieg mit der Klassik Kohle machen? In einer Zeit, da München seinen Kultur­haus­halt zusam­men­schrumpft und aus Berlin die Meldungen kommen, dass auch im zweiten Jahr der Corona-Pandemie ein deut­li­cher Rück­gang bei den Eintritts­karten verzeichnet wird. Die Berliner Theater, Orchester und Tanz­gruppen zählten 2021 nur rund eine Million zahlende Besu­che­rInnen, 2019 waren es noch 3,3 Millionen. Aber Peter Schwenkow bleibt opti­mis­tisch. 

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE

Mikhail Agrest bleibt nach einer Gerichts­ent­schei­dung vorerst Musik­di­rektor des Stutt­garter Balletts. Das Bezirks-Bühnen­schieds­ge­richt in erklärte am Mitt­woch auf Anfrage zu einer Entschei­dung vom Montag, dass das Arbeits­ver­hältnis des Musik­di­rek­tors nicht durch die ausge­spro­chene außer­or­dent­liche Kündi­gung aufge­löst worden sei. Die Kündi­gung im Oktober 2021 wurde damit begründet, dass Agrest nicht die Inter­essen der Tänze­rinnen und Tänzer im Auge habe. +++ 55 Jahre wurde an der Kriti­schen Ausgabe der Werke von Hugo von Hofmanns­thal gear­beitet – nun liegen 40 Bände in 42 (!) Teil­bänden vor. Die Frank­furter Rund­schau spricht in einem inter­es­santen Inter­view mit zwei der AutorInnen. Konrad Heumann und Katja Kaluga über traum­ar­tiges Schreiben, flie­ßende Iden­ti­täten und die fort­wäh­rende Verän­der­lich­keit eines Textes. +++ Nach Medi­en­be­richten hat die Agentur von einen Groß­teil ihrer Mitar­beiter entlassen.

UKRAINE-KRIEG UND KLASSIK

Der Regisseur Kirill Serebrennikow

Ich habe gestern kurz mit der ukrai­ni­schen Diri­gentin tele­fo­niert, sie will in Tschai­kow­skis Oper „Iolanta“ aufführen und wird dafür von einigen ihrer Lands­leute scharf atta­ckiert (der Disput ist u.a. auf ihrer Face­book-Seite nach­zu­lesen). Lyniv wider­strebt es, Künst­le­rInnen oder Kompo­nis­tInnen vom Spiel­plan zu nehmen, wenn diese nicht in Zusam­men­hang mit dem System Putin gebracht werden können. Ihr geht es darum, auch die vielen ukrai­ni­schen Bezüge Tschai­kow­skis zu zeigen (u.a. lebte seine Mäzenin Nata­scha von Meck auch im ukrai­ni­schen Brajiliw) und die Deutungs­ho­heit über Leben und Musik des Kompo­nisten nicht den Kultur­trei­benden Russ­lands zu über­lassen. Ich persön­lich denke: Auch wenn es nicht schwer zu verstehen ist, dass Menschen in der Ukraine in Zeiten des russi­schen Mordens keine Lust auf Tschai­kowski haben, geht es in diesem verdammten Krieg aber auch um die grund­le­gende Frei­heit der Kunst, des Reper­toires und seiner Deutung. Es ist ein wich­tiger, mutiger und guter Kampf, auch – und gerade – in diesen krie­ge­ri­schen Zeiten, genau hinzu­schauen und zu prüfen, um die Frei­heit, die eine Grund­lage der Kunst ist, zu bewahren. +++ Vor allen Dingen müssen wir verstehen, dass der Krieg derzeit keine virtu­elle Debatte ist, dass er auch mitten in der Welt der Klassik ankommt. Nicht nur, wenn Opern­häuser und andere Kultur­ein­rich­tungen bombar­diert werden. Tragisch sind die Erfah­rungen des Chef­di­ri­genten der Ukrai­ni­schen Natio­nal­oper in Lwiw, Ivan Chered­nichenko, dessen Eltern diese Woche bei einem Bomben­an­griff in Irpin starben. +++ Der russi­sche Regis­seur Kirill Serebren­nikow ist von Russ­land über Frank­reich nach Berlin ausge­reist. Das teilen mehrere Medien mit. Ein Bild von Serebren­nikow auf dem Pariser Platz der Bastille mit einem „Ich schalte den Fern­seher aus“-T-Shirt wurde am Dienstag in den sozialen Medien gepostet. 

UND WO BLEIBT DAS POSI­TIVE, HERR BRÜG­GE­MANN?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Das ist heute mal wieder beson­ders schwer zu sagen. Das öster­rei­chi­sche Kultur­ma­gazin „Bohema“ hat eine Unter­schrif­ten­ak­tion gestartet, in der promi­nente Unter­zeich­ne­rInnen wie , , Corne­lius Obonya, , Niko­laus Habjan oder fordern, dass der Musik­verein nicht verkaufte Tickets im Last-Minute-Verfahren vergüns­tigt an Jugend­liche abgibt – Musik­ver­eins-Chef Stephan Pauly hat die Forde­rung immerhin persön­lich entge­gen­ge­nommen. Eine Entschei­dung ist noch nicht gefallen. Und, einfach um am Ende noch einen drauf­zu­setzen, ich zeige Ihnen nun eines der erfolg­reichsten Klassik-Videos, das inzwi­schen fast eine Million Aufrufe hat – „Flowing Stretch“ soll Sie entspannen – also: Mich regt es herr­lich auf! Wenn das die Zukunft der Klassik ist, dann bin auch ich am Ende! 

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

 

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Fotos: Cukro­wicz Nach­baur Archi­tekten, Anton Zavyalov / Sony