Willkommen in der neuen KlassikWoche,

heute mit einem Krokodil im Garten, der Zukunft der Laienchöre und mit dem unwiderstehlichen Angebot, dass ich für 50 Euro vielleicht über Sie schreibe – aber wahrscheinlich eher nicht :-) … 

DER 50-EURO-OPUS-TRICK

Ich weiß, das Jahr war für uns alle schwer, es gab nur wenig Applaus, und gute Nachrichten tun einfach gut. Aber musste denn wirklich jeder, der im letzten Jahr einen Tonträger aufgenommen hat, diese Woche in sozialen Medien Sätze wie diese posten: „Yeah! Sieben Nominierungen als bester Dirigent!“, „drei Nominierungen für nur ein Album“, „fünf Nominierungen, unter anderem als ‚bester Sänger‘“? .… Es geht natürlich um den OPUS KLASSIK: 600 Nominierungen gab es, so viele wie nie. Darüber müssen wir reden, denn eine „Nominierung“ ist in Wahrheit nur eine „Bewerbung“ — und die kann man für Geld haben: für 50 Euro. Wohlgemerkt: Damit hat man sich noch nichts gekauft, außer, dass man auf eine Liste kommt. Gewinnen werden dann eher Jonas Kaufmann, Igor Levit oder David Garrett, und sie werden auch im ZDF von Thomas Gottschalkpräsentiert“.

Kleine Labels und Künstler der sogenannten (eigentlich spannenden) „zweiten Reihe“ werden im Vorfeld lediglich zur Kasse gebeten, und wenn sie im Klassik-Klüngel zufällig doch einen OPUS bekommen, können sie für entsprechende Aufkleber auf ihren CDs noch einmal Kohle hinblättern. Ich persönlich wurde schon für allerhand Preise nominiert – und manche habe ich sogar gewonnen. Aber weder der Grimme-Preis noch der Bayerische Fernsehpreis verlangen eine Gebühr von den Nominierten! Eine Nominierung für den OPUS KLASSIK zu posten, bedeutet so viel wie: „Hey, Leute, mein Label hat 50 Euro an einen merkwürdigen Verein gezahlt, ziemlich unwahrscheinlich, dass ich deshalb irgendwann einen Preis bekommen werde.“ Aber vielleicht ist das ja auch ein Geschäftsmodell für uns Journalisten: Man nimmt 50 Euro und erlaubt jedem zu posten: „Ich habe meine CD an Axel Brüggemann geschickt, vielleicht findet er sie ja gut.“ Aber wie unseriös wäre das, bitteschön?!? Immerhin: Der OPUS KLASSIK hat mit dieser Methode finanziell abgesahnt und kostenlose PR bekommen. Der Komponist Moritz Eggert postete übrigens mit einem Augenzwinkern bei Facebook seinen frischen Salat: „Ich freue mich sehr, euch mitteilen zu können, dass mein Salat Radicchio a la Maurizio gerade in 9 Kategorien für den Opus Klassik nominiert wurde. Ich bin unglaublich stolz und danke der Jury für diese großartige Entscheidung.“ Auf einer anderen Facebook-Seite wurde gefragt „Ist eigentlich irgendjemand nicht für den OPUS nominiert?“, und jemand hat geantwortet: „Plácido Domingo“. Think about it! 

LAIENCHÖRE – ES GEHT WIEDER LOS!

Der Frauenchor der Evangelisch-Lutherischen Auferstehungsgemeinde Kaliningrad

Die Situation von Laienchören war schon Thema in diesem Newsletter (viele Chöre leiden unter Mitgliederschwund und finanziellen Engpässen) – nun dürfen sie in Deutschland so langsam wieder proben. Dafür gelten unterschiedliche Regeln. In Bayern gilt: Für Proben im Freien sind maximal 20 Personen zugelassen – inklusive DirigentInnen, KorrepetitorInnen usw. In geschlossenen Räumen sind nur zehn Probenteilnehmer erlaubt, Besucher sind dabei vollständig ausgeschlossen. Grundsätzlich richtet sich die Personenzahl aber nach wie vor nach der Größe des Raumes. Ob Geimpfte und Genese von dieser Regelung ausgenommen sind, ist allerdings noch unklar. 

EL-SISTEMA-KRITIK ZIEHT KREISE

Nachdem wir an dieser Stelle letzte Woche über die Vorwürfe gegen die Führungspersonen im venezolanischen „El Sistema“ berichtet haben, zieht der Skandal um sexuellen Missbrauch immer größere Kreise. Der BR berichtet: „Ein Mädchen veröffentlicht unter dem Namen ‚Lisa‘ auf Twitter ihre Geschichte. Sie sei seit ihrem zwölften Lebensjahr regelmäßig von zwei Oboenlehrern missbraucht worden. Gleichzeitig habe sie außergewöhnliche musikalische Möglichkeiten erhalten, unter anderem ein Konzert mit dem National Children’s Symphony Orchestra aus Venezuela unter der Leitung von Sir Simon Rattle. Die Lehrer hätten den Missbrauch ihr gegenüber damit begründet, sie bekäme mithilfe sexueller Lust einen volleren Klang.“ Und auch in Europa werden nun wohl, wie ebenfalls an dieser Stelle gefordert, Konsequenzen gezogen: Der Leiter von „Sistema Europe“ (und pikanterweise auch Chef des European Union Youth Orchestras), Marshall Marcus, wurde einberufen, um Fragen zu beantworten. Unklar, ob auch die pikanteste Frage gestellt wurde, woher eigentlich die Gelder kamen (und wie hoch sie waren), die Marcus bewogen haben, seinen Job beim Southbank Centre in London aufzugeben und zu Sistema Europe zu wechseln? 

DER WINTERBERG-KOMPLEX

Der Komponist Hans Winterberg

Mich erreichte eine spannende Mail, die mich zum Weiterlesen verführte: Es ging um die Wiederentdeckung des Komponisten Hans Winterberg durch den Verlag Boosey & Hawkes (hier der Text als Download). Winterberg wurde als Jude ins Konzentrationslager verschleppt und komponierte dort unter anderem die Theresienstadt-Suite. Sein großes Schaffen nach Ende des Krieges ist noch immer zu entdecken! Und das lohnt sich. Derzeit wird über die Frage debattiert, dass die sudetendeutsche Bewegung Winterberg für sich reklamiert, seine Familie sich aber dagegen wehrt: „Ich komme zu dem Ergebnis, dass mein Großvater Hans Winterberg natürlich kein Sudetendeutscher, sondern ein Prager Jude war“, schreibt sein Enkel. „Hans Winterberg hatte nie einen Grund oder Anlass, sich als ‚Deutscher‘ zu bekennen. Warum auch?“ Ausführlich ist all das auf der Seite von Forbidden Music“ nachzulesen. Spannend in diesem Zusammenhang, dass Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei der Eröffnung des Sudetendeutschen Museums in München ausgerechnet Gustav Mahler als „sudetendeutschen Komponisten“ eingeordnet hat – ich finde, das verlangt noch mal nach einer Klärung. 

PERSONALIEN DER WOCHE

Der Dirigent Roderick Cox, Mitwirkender an dem Projekt „Song of America: A Celebration of Black Music"

Der Sänger Thomas Hampson hat ein spannendes Projekt gestartet, das seinen Focus auf afroamerikanische Komponisten wirft: „Die Europäer suchen immer nach Stimmen in Amerika, die ihnen sagen, wie die Leute wirklich leben und zurechtkommen, wie die Demokratie wirklich aussieht und funktioniert“, sagt Hampson im Gespräch mit der Deutschen Welle. „Dieses Programm zeigt den Klang der Diversität und ich bin sicher, dass auf beiden Seiten des Atlantiks ein Großteil des Repertoires komplett unbekannt ist. Und es gibt viel zu entdecken.“ +++ Diese Woche habe ich mich mit Michael Maul unterhalten – dem Intendanten des Bachfestes in Leipzig. Er plant einen Online-Marathon, in dem er Bachs Blick auf Jesus beleuchten will. Titel: „Bachs Messias“. Das Gespräch mit dem selbsternannten Bach-Bekloppten erklärt, worum es geht. +++ 


CRESCENDO-Podcast: Hidden Secrets of Classical Music
Die Clementi Connection – Wie Mozart, Beethoven und der Pop von einem frühen Influencer profitierten
Detektivgeschichten aus der Welt der Klassik


Die Mailänder Scala wird unter Intendant Dominique Meyer immer mehr zur Wiener Staatsoper 2.0. – Das zeigt sich auch an seinen Plänen für die kommende Saison: Verdis „Macbeth“ wird am 7. Dezember die Saison eröffnen. Am Pult steht Riccardo Chailly. Wie bei der kommenden Wiener-Staatsopern-Premiere singt Luca Salsi den Macbeth, Starsopranistin Anna Netrebko die Lady Macbeth. Regisseur ist der Italiener Davide Livermore. Und dann gibt es noch eine „Ariadne auf Naxos“ mit Markus Werba und einen „Don Giovanni“ mit Günther Groissböck. Gut, dass der inzwischen wieder weniger Zeit zum „Spazierengehen“ hat – Manuel Brug hat ihm übrigens eine erschreckend kritiklose Hommage gesungen, in der er erzählt: „Ich bin shitstorm-resistent. Die momentane, oft verdruckste Spaltung der Gesellschaft schreckt mich aber. Ich bin nach 14 Monaten Pandemie trotzdem überlegter, reflektierter. Ich missioniere nicht, wir müssen aber wieder zusammenwachsen. Ich habe mich unverstanden gefühlt, in die rechte Ecke gedrängt, nur weil ich nach Grund- und Freiheitsrechten fragte.“ Hmmmm…

UND WO BLEIBT DAS POSITIVE, HERR BRÜGGEMANN?

Blick in den Garten des Sängerpaares Sabine und Stefan Vinke

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht in diesem Video einer Autobahn mit einer „klingenden Straßenmarkierung“ – bitte auch in Deutschland einführen. Oder liegt das Gute wieder im Garten der Sänger-Familie Vinke? Nachdem der Bayreuth-Siegfried Stefan Vinke dort letztes Jahr mit seiner Frau Sabine Vinke kurzerhand eine Corona-„Walküre“ zwischen Swimmingpool und Schildkrötengehege aufgeführt hat (unten kann man sich dieses legendäre Ereignis noch einmal anschauen), geht es dieses Jahr weiter: Auf dem Programm stehen von Juli an eine Version der „Fledermaus“ und Fassungen von „Siegfried“ (mit Castorf-Krokodil, wie auf dem Bild zu sehen), „Walküre“ und „Tannhäuser“. Ein besonderes Highlight ist ein „Lohengrin für Kinder“. Das Vinke-Engagement ist gigantisch: Für dieses Jahr hat die Familie kurzerhand eine Wand im Wohnzimmer eingerissen (siehe Foto), um den Pianisten „im Trockenen“ spielen zu lassen, außerdem wurde ein neuer Rollrasen verlegt. Der Vinke-Garten 2021 ist bereit für intimen Opern-Genuss. Das gesamte Programm gibt es auf dieser Seite, und es ist mir eine persönliche Freude, darauf hinzuweisen, denn hier bleibt es, das Gute: das Engagement der Kunst!

In diesem Sinne, halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann

[email protected] 

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