KlassikWoche 23/2021

Krokodil im Garten und der 50-Euro-OPUS-Trick

von Axel Brüggemann

7. Juni 2021

Die OPUS-Nominierungen, die sexuellen Missbräuche bei El Sistema, die Wiederentdeckung von Hans Winterberg, das Projekt von Thomas Hampson

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

heute mit einem Krokodil im Garten, der Zukunft der Laien­chöre und mit dem unwi­der­steh­li­chen Angebot, dass ich für 50 Euro viel­leicht über Sie schreibe – aber wahr­schein­lich eher nicht 🙂 … 

DER 50-EURO-OPUS-TRICK

Ich weiß, das Jahr war für uns alle schwer, es gab nur wenig Applaus, und gute Nach­richten tun einfach gut. Aber musste denn wirk­lich jeder, der im letzten Jahr einen Tonträger aufge­nommen hat, diese Woche in sozialen Medien Sätze wie diese posten: „Yeah! Sieben Nomi­nie­rungen als bester Diri­gent!“, „drei Nomi­nie­rungen für nur ein Album“, „fünf Nomi­nie­rungen, unter anderem als ‚bester Sänger‘“? .… Es geht natür­lich um den : 600 Nomi­nie­rungen gab es, so viele wie nie. Darüber müssen wir reden, denn eine „Nomi­nie­rung“ ist in Wahr­heit nur eine „Bewer­bung“—und die kann man für Geld haben: für 50 Euro. Wohl­ge­merkt: Damit hat man sich noch nichts gekauft, außer, dass man auf eine Liste kommt. Gewinnen werden dann eher , oder , und sie werden auch im von Thomas Gott­schalkpräsen­tiert“.

Kleine Labels und Künstler der soge­nannten (eigent­lich span­nenden) „zweiten Reihe“ werden im Vorfeld ledig­lich zur Kasse gebeten, und wenn sie im Klassik-Klüngel zufällig doch einen OPUS bekommen, können sie für entspre­chende Aufkleber auf ihren CDs noch einmal Kohle hinblät­tern. Ich persön­lich wurde schon für aller­hand Preise nomi­niert – und manche habe ich sogar gewonnen. Aber weder der Grimme-Preis noch der Baye­ri­sche Fern­seh­preis verlangen eine Gebü von den Nomi­nierten! Eine Nomi­nie­rung für den OPUS KLASSIK zu posten, bedeutet so viel wie: „Hey, Leute, mein Label hat 50 Euro an einen merk­wür­digen Verein gezahlt, ziem­lich unwahr­schein­lich, dass ich deshalb irgend­wann einen Preis bekommen werde.“ Aber viel­leicht ist das ja auch ein Geschäfts­mo­dell für uns Jour­na­listen: Man nimmt 50 Euro und erlaubt jedem zu posten: „Ich habe meine CD an geschickt, viel­leicht findet er sie ja gut.“ Aber wie unse­riös wäre das, bitte­schön?!? Immerhin: Der OPUS KLASSIK hat mit dieser Methode finan­ziell abge­sahnt und kosten­lose PR bekommen. Der Kompo­nist postete übri­gens mit einem Augen­zwin­kern bei Face­book seinen frischen Salat: „Ich freue mich sehr, euch mitteilen zu können, dass mein Salat Radic­chio à la Maurizio gerade in 9 Kate­go­rien für den Opus Klassik nomi­niert wurde. Ich bin unglaub­lich stolz und danke der Jury für diese groß­ar­tige Entschei­dung.“ Auf einer anderen Face­book-Seite wurde gefragt „Ist eigent­lich irgend­je­mand nicht für den OPUS nomi­niert?“, und jemand hat geant­wortet: „“. Think about it! 

LAIEN­CHÖRE – ES GEHT WIEDER LOS!

Der Frauenchor der Evangelisch-Lutherischen Auferstehungsgemeinde Kaliningrad

Die Situa­tion von Laien­chören war schon Thema in diesem News­letter (viele Chöre leiden unter Mitglie­der­schwund und finan­zi­ellen Engpässen) – nun dürfen sie in so langsam wieder proben. Dafür gelten unter­schied­liche Regeln. In Bayern gilt: Für Proben im Freien sind maximal 20 Personen zuge­lassen – inklu­sive Diri­gen­tInnen, Korre­pe­ti­to­rInnen usw. In geschlos­senen Räumen sind nur zehn Proben­teil­nehmer erlaubt, Besu­cher sind dabei voll­ständig ausge­schlossen. Grund­sätz­lich richtet sich die Perso­nen­zahl aber nach wie vor nach der Größe des Raumes. Ob Geimpfte und Genese von dieser Rege­lung ausge­nommen sind, ist aller­dings noch unklar. 

EL-SISTEMA-KRITIK ZIEHT KREISE

Nachdem wir an dieser Stelle letzte Woche über die Vorwürfe gegen die Führungs­per­sonen im vene­zo­la­ni­schen „El Sistema“ berichtet haben, zieht der Skandal um sexu­ellen Miss­brauch immer größere Kreise. Der BR berichtet: „Ein Mädchen veröf­fent­licht unter dem Namen ‚Lisa‘ auf Twitter ihre Geschichte. Sie sei seit ihrem zwölften Lebens­jahr regel­mäßig von zwei Oboen­leh­rern miss­braucht worden. Gleich­zeitig habe sie außer­ge­wöhn­liche musi­ka­li­sche Möglich­keiten erhalten, unter anderem ein Konzert mit dem National Children’s Symphony Orchestra aus Vene­zuela unter der Leitung von Sir Simon Rattle. Die Lehrer hätten den Miss­brauch ihr gegen­über damit begründet, sie bekäme mithilfe sexu­eller Lust einen volleren Klang.“ Und auch in Europa werden nun wohl, wie eben­falls an dieser Stelle gefor­dert, Konse­quenzen gezogen: Der Leiter von „Sistema Europe“ (und pikan­ter­weise auch Chef des Euro­pean Union Youth Orche­s­tras), Marshall Marcus, wurde einbe­rufen, um Fragen zu beant­worten. Unklar, ob auch die pikan­teste Frage gestellt wurde, woher eigent­lich die Gelder kamen (und wie hoch sie waren), die Marcus bewogen haben, seinen Job beim South­bank Centre in London aufzu­geben und zu Sistema Europe zu wech­seln? 

DER WINTER­BERG-KOMPLEX

Der Komponist Hans Winterberg

Mich erreichte eine span­nende Mail, die mich zum Weiter­lesen verführte: Es ging um die Wieder­ent­de­ckung des Kompo­nisten Hans Winter­berg durch den Verlag Boosey & Hawkes (hier der Text als Down­load). Winter­berg wurde als Jude ins Konzen­tra­ti­ons­lager verschleppt und kompo­nierte dort unter anderem die -Suite. Sein großes Schaffen nach Ende des Krieges ist noch immer zu entde­cken! Und das lohnt sich. Derzeit wird über die Frage debat­tiert, dass die sude­ten­deut­sche Bewe­gung Winter­berg für sich rekla­miert, seine Familie sich aber dagegen wehrt: „Ich komme zu dem Ergebnis, dass mein Groß­vater Hans Winter­berg natür­lich kein Sude­ten­deut­scher, sondern ein Prager Jude war“, schreibt sein Enkel. „Hans Winter­berg hatte nie einen Grund oder Anlass, sich als ‚Deut­scher‘ zu bekennen. Warum auch?“ Ausführ­lich ist all das auf der Seite von Forbidden Music“ nach­zu­lesen. Span­nend in diesem Zusam­men­hang, dass Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grüt­ters bei der Eröff­nung des Sude­ten­deut­schen Museums in ausge­rechnet als „sude­ten­deut­schen Kompo­nisten“ einge­ordnet hat – ich finde, das verlangt noch mal nach einer Klärung. 

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE

Der Dirigent Roderick Cox, Mitwirkender an dem Projekt „Song of America: A Celebration of Black Music"

Der Sänger hat ein span­nendes Projekt gestartet, das seinen Focus auf afro­ame­ri­ka­ni­sche Kompo­nisten wirft: „Die Euro­päer suchen immer nach Stimmen in , die ihnen sagen, wie die Leute wirk­lich leben und zurecht­kommen, wie die Demo­kratie wirk­lich aussieht und funk­tio­niert“, sagt Hampson im Gespräch mit der Deut­schen Welle. „Dieses Programm zeigt den Klang der Diver­sität und ich bin sicher, dass auf beiden Seiten des Atlan­tiks ein Groß­teil des Reper­toires komplett unbe­kannt ist. Und es gibt viel zu entde­cken.“ +++ Diese Woche habe ich mich mit Michael Maul unter­halten – dem Inten­danten des Bach­festes in . Er plant einen Online-Mara­thon, in dem er Bachs Blick auf Jesus beleuchten will. Titel: „Bachs Messias“. Das Gespräch mit dem selbst­er­nannten Bach-Bekloppten erklärt, worum es geht. +++


CRESCENDO-Podcast: Hidden Secrets of Clas­sical Music
Die Clementi Connec­tion – Wie Mozart, Beet­hoven und der Pop von einem frühen Influ­encer profi­tierten
Detek­tiv­ge­schichten aus der Welt der Klassik


Die Mailänder Scala wird unter Inten­dant Domi­nique Meyer immer mehr zur 2.0. – Das zeigt sich auch an seinen Plänen für die kommende Saison: Verdis „Macbeth“ wird am 7. Dezember die Saison eröffnen. Am Pult steht . Wie bei der kommenden Wiener-Staats­opern-Première singt den Macbeth, Stars­o­pra­nistin die Lady Macbeth. Regis­seur ist der Italiener Davide Liver­more. Und dann gibt es noch eine „Ariadne auf “ mit und einen „Don Giovanni“ mit . Gut, dass der inzwi­schen wieder weniger Zeit zum „Spazie­ren­gehen“ hat – Manuel Brug hat ihm übri­gens eine erschre­ckend kritik­lose Hommage gesungen, in der er erzählt: „Ich bin shit­s­torm-resis­tent. Die momen­tane, oft verdruckste Spal­tung der Gesell­schaft schreckt mich aber. Ich bin nach 14 Monaten Pandemie trotzdem über­legter, reflek­tierter. Ich missio­niere nicht, wir müssen aber wieder zusam­men­wachsen. Ich habe mich unver­standen gefühlt, in die rechte Ecke gedrängt, nur weil ich nach Grund- und Frei­heits­rechten fragte.“ Hmmmm…

UND WO BLEIBT DAS POSI­TIVE, HERR BRÜG­GE­MANN?

Blick in den Garten des Sängerpaares Sabine und Stefan Vinke

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Viel­leicht in diesem Video einer Auto­bahn mit einer „klin­genden Stra­ßen­mar­kie­rung“ – bitte auch in Deutsch­land einführen. Oder liegt das Gute wieder im Garten der Sänger-Familie Vinke? Nachdem der -Sieg­fried dort letztes Jahr mit seiner Frau kurzer­hand eine Corona-„Walküre“ zwischen Swim­ming­pool und Schild­krö­ten­ge­hege aufge­führt hat (unten kann man sich dieses legen­däre Ereignis noch einmal anschauen), geht es dieses Jahr weiter: Auf dem Programm stehen von Juli an eine Version der „Fleder­maus“ und Fassungen von „Sieg­fried“ (mit Castorf-Krokodil, wie auf dem Bild zu sehen), „Walküre“ und „Tann­häuser“. Ein beson­deres High­light ist ein „Lohen­grin für Kinder“. Das Vinke-Enga­ge­ment ist gigan­tisch: Für dieses Jahr hat die Familie kurzer­hand eine Wand im Wohn­zimmer einge­rissen (siehe Foto), um den Pianisten „im Trockenen“ spielen zu lassen, außerdem wurde ein neuer Roll­rasen verlegt. Der Vinke-Garten 2021 ist bereit für intimen Opern-Genuss. Das gesamte Programm gibt es auf dieser Seite, und es ist mir eine persön­liche Freude, darauf hinzu­weisen, denn hier bleibt es, das Gute: das Enga­ge­ment der Kunst!

In diesem Sinne, halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

[email protected]​crescendo.​de