Willkommen in der neuen KlassikWoche,

heute mit allerhand kreativen Ideen in Sachen Wagner, dem Scheitern der Bayreuther Festspiele, mit neuesten Erkenntnissen zu Aerosolen, mit viel Kohle und ein bisschen was zum Lachen. 

WAGNER-FESTSPIELE IM VINKE-GARTEN

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten! Am Donnerstag hat mich Bayreuths Siegfried, Stefan Vinke, angerufen. „Hier ist der Bi-Ba-Butzemann“, hat er gesagt – eine Anspielung auf seine sehr launige Gesangseinlage zu Corona-Zeiten (wir haben berichtet)! Vinke wollte bekanntgeben: Auch wenn die Bayreuther Festspiele diesen Sommer nicht stattfinden – er wird am obligatorischen Bayreuth-Eröffnungstag, den 25. Juli, trotzdem singen. Und zwar den ersten Aufzug der „Walküre“ im heimischen Vinke-Garten in der Nähe von Bad Kreuznach, gemeinsam mit Ehefrau Sabine Vinke als Sieglinde, James Moellenhoff als Hunding und Wolfram Koloseus am Klavier. Und mehr noch, die Vinkes stemmen ganze Wagner-Festspiele. Bis zum 13. September stehen u.a. „Lohengrin“, „Tristan“, „Walküre“ und „Tannhäuser“ auf dem Programm. Zu seinem Geburtstag will Vinke sich dann übrigens einen „Siegfried“ mit MET-Besetzung in den Garten zaubern. So geht Leidenschaft! 80 Besucher passen rund um den Pool im Vinke-Garten, Karten gibt es hier

Unter dem Titel Summertime“ will die Stadt Bayreuth ihr Musik-Angebot bündeln: Beethoven-Konzerte im Haus Wahnfried, einige Veranstaltungen von Wagner-Sängern, die vor Ort sind, und dazu Jazz und Barock. Den Tourismus-Ausfall durch die Festspiele wird das wohl kaum kompensieren. Das vielleicht hörenswerteste Konzert findet am 23. August – soweit zu sehen ist, ebenfalls in Eigeninitiative organisiert – mit Annette Dasch, Andreas Schager, Daniel Schmutzhard, Michael Volle und Günther Groissböck auf der Wilhelminenaue statt.

WIE BAYREUTH STÜMPERT

Neuigkeiten gibt es auch vom offiziellen Eröffnungskonzert der Bayreuther Festspiele, das nun, wenn es nach Übergangs-Intendant Heinz-Dieter Sense geht, doch mit Christian Thielemann, Camilla Nylund und Klaus Florian Vogt stattfinden und vom Bayerischen Rundfunk im Radio übertragen werden soll. An dieser Stelle haben wir darüber bereits vor vier Wochen berichtet. Es folgte zunächst eine Vertröstung, dann ein Dementi und nun die Zusage – pures Chaos und hoffnungslose Überforderung auf dem Grünen Hügel! Richtig absurd wird der Plan des BR, die Uralt-Ringe“ von Patrice Chéreau und Harry Kupfer zu zeigen, wenn sich der Sender in der Pressemitteilung auch über die „großartige Regiearbeit“ von Frank Castorf freut – die aber wird in der geplanten Radioübertragung wohl kaum zu sehen sein. Und damit wären wir dann wieder beim Medien-Problem, das wir bereits in den letzten Wochen besprochen haben: dem BR fehlt einerseits der Mumm, selber kreativ Neues zu machen, gleichzeitig arbeitet er mit dem Uralt-Rechte-Verwerter, dem alten Kirch-Kompagnon, „Unitel“ zusammen, dem aber (weil Katharina Wagner dessen Arbeitsweise zum Glück nicht geduldet hat) die Rechte an den neueren und spannenden Bayreuth-Produktionen fehlen.

So liegen die Rechte für den Castorf-„Ring“ bei der Deutschen Grammophon. Leidtragende dieser anachronistischen bayerischen Seilschaft zwischen Noch-Festspiel-Geschäftsführer Holger von Berg, BR und dem Rechteinhaber sind die Wagnerianer. Leider ist die Kreativität der aktuell handelnden Personen in Bayreuth ebenfalls begrenzt: die eigentlich innovativen „Diskurse“ finden diesen Sommer ausschließlich in Berlin statt, und der uninspirierte Spiritus Rector, Holger von Berg, der als Verhinderer und Rivale Katharina Wagners bekannt ist, scheint die krankheitsbedingte Abwesenheit der Intendantin dafür zu nutzen, alles, was Katharina Wagner medial, personell und visionär aufgestellt hat (nämlich die kreative Unabhängigkeit der Festspiele), mit der Lust des längst vom Hof Gejagten einzureißen! Dass dem niemand Einhalt gebietet, ist nicht zu verstehen! Ebenso wenig, dass auf der Homepage der Bayreuther Festspiele nach wie vor der alte Festspiel-Kalender zu sehen ist. War was? Ist was? Der Tag der fränkischen Bratwurst am 25. Juli scheint auf jeden Fall mit mehr Leidenschaft geplant zu sein!

STABWECHSEL IN WIEN

Mit einem rauschenden Fest auf Schloss Gobelsburg und mit einer Doppel-Tenor-Gesangseinlage von Piotr Beczała und Andreas Schager wurde Wiens Staatsopern-Intendant Dominique Meyer nach Mailand verabschiedet. Sein Nachfolger an der Wiener Staatsoper, Bogdan Roščić, hat einen schweren Start – nicht nur wegen Corona. Mit seiner Radikal-Aufräum-Politik macht er sich nicht nur Freunde. Roščić hat einen Großteil des Sänger-Ensembles gefeuert. Das Bühnenorchester wolle er aber entgegen anders lautenden Vermutungen nicht auflösen, sondern beibehalten, wie er über seinen Anwalt mitteilen liess. Aus dem Off feuerte derweil der Dirigent Franz Welser-Möst gegen Dominique Meyer – dessen Ära sei Sinnbild für den Bedeutungsverlust der Staatsoper. Unter anderem sagte er: „Für mich war es ein Problem, dass er viele junge, hübsche Sängerinnen engagiert hat, die einfach mit wenig oder gar keiner Erfahrung plötzlich Ensemblemitglied in der Wiener Staatsoper waren. Das ist ja keine Ausbildungsstätte, sondern ein Riesenbetrieb mit rund 50 verschiedenen Opern pro Jahr.“ Noch konkreter dürfte Welser-Möst dann in seiner Autobiografie werden, die am 10. August im Brandstätter-Verlag erscheint. Friedlicher geht es im Musikverein zu: Hier wurde Thomas Angyan mit einem liebevollen Video seiner Amtszeit verabschiedet, seit 1. Juli ist – wir haben damals als erste darüber berichtet – Stephan Pauly sein Nachfolger. Und weil wir gerade in Wien und bei den Neuen sind – hier einige Entweder-Oder-Fragen, die ich mit dem neuen Chefdirigenten der Wiener Symphoniker, mit Andrés Orozco-Estrada, durchgespielt habe.

SCHROTT-BEITRAG FÜR SCHOTT-VERLAG

Was hat sich das Heute-Journal nur dabei gedacht? Ehrenwert, dass es auf den Zustand des Schott Verlages in Zeiten von Corona aufmerksam machen wollte. Aber wenn es inzwischen zur ZDF-Politik gehört, so große Angst vor Klassik zu haben, dass der Bericht mit André Rieu beginnt, der – die Geige in der Hand – Carl Orffs „Carmina Burana“ dirigiert, dann läuft da doch irgendetwas falsch mit dem Kulturauftrag der Öffentlich-Rechtlichen. All das scheint inzwischen Mainstream beim ZDF zu sein, zu sehen auch an der wirklich tragischen Show „Klassik im Club“, in der sowohl die Klassik, als auch der Club ihr Gesicht verlieren. Besser schon der Beitrag des Mittagmagazins über die Situation von Solo-Selbstständigen, und unbedingt hörenswert, wie der Deutschlandfunk über Perspektiven nach dem Corona-Sumpf berichtet. Übrigens: Der Schott Verlag ist nicht nur gefährdet, sondern feiert auch 250. Jubiläum – mit einer sehr lesenswerten Firmen-Biografie und einer günstigen Jubiläums-Reihe „Joy of Music“, in der die besten Haus-Musik-Stücke versammelt sind – also: Musik einfach mal wieder selber machen!   

WER VERDIENT WAS?

Okay, manchmal ist Voyeurismus ja ganz spannend. Nachdem Norman Lebrecht die Steuererklärungen der US-Orchester von 2017/18 veröffentlicht hat, ist das Ranking auch kein Geheimnis mehr. Hier also für alle, die es interessiert: Mit 3.527.730 Dollar gehört Riccardo Muti beim Chicago Symphony Orchestra zu den bestverdienenden Maestri. Gefolgt von Michael Tilson Thomas in San Francisco (2.203.185 Dollar), Gustavo Dudamel in Los Angeles, Jaap van Zweden in Dallas und Franz Welser-Möst in Cleveland. Die ganze Liste gibt es hier.  

PERSONALIEN DER WOCHE

Yasuhisa Toyota soll die Akustik im neuen Münchner Gasteig verantworten, nun gibt es neue Bilder der neuen Architektur vom Architekturbüro Henn (s.o.). +++ Das Festspielhaus in Baden-Baden ist nicht nur das größte Opernhaus Deutschlands, sondern war immer auch Vorzeige-Modell des Privattheaters. Nun wurde es für 18,4 Millionen Euro von der Stadt gekauft. Stadt und Festspielhaus unterzeichneten am Montag einen Vertrag zur Nutzung für die kommenden 25 Jahre. Baden-Baden stellt der Festspielhaus und Festspiele Baden-Baden gGmbH die Bühne zur Verfügung und sorgt für den Unterhalt, der mit rund 3,6 Millionen Euro im Jahr angegeben wird. +++ Daniel Morgenroth wird 2021 neuer Intendant in Görlitz-Zittau. Morgenroth wurde 1984 in Coburg geboren und ist seit 2017 am Theater Konstanz als stellvertretender Intendant und persönlicher Referent tätig. +++ Der österreichische Dirigent Patrick Hahn wird mit 24 Jahren jüngster GMD in Wuppertal. +++ Wir Musikwissenschaftler sind mit ihm und seinen Ideen aufgewachsen: Das Nachschlagewerk „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“ war seine Lebensaufgabe. Nun ist der Musikwissenschaftler Ludwig Finscher im Alter von 90 Jahren in Wolfenbüttel gestorben. +++ Auch die polnische Geigerin Ida Haendel ist verstorben – die Schülerin von George Enescu starb mit 91 Jahren in Miami. Der Violinchannel ruft ihr liebevoll nach.

CORONA TICKER

Eigentlich wollten sich die Wissenschaftler um Matthias Echternach etwas mehr Zeit bis zur Veröffentlichung lassen, aber das Singverbot in Berlin hat sie bewogen, erste Ergebnisse ihrer Studie zu Aerosolen und dem Singen für den BR nun doch schon bekannt zu geben. Zusammengefasst erklärt Echternach: „Was die Weiten nach vorne angeht, war es so, dass der gesungene Text die weitesten Weiten hatte. Hier ist es interessanterweise so, dass laut und leise gar keinen so großen Unterschied gemacht hat (…) Wenn wir jetzt über Abstandsregeln nachdenken, können wir sagen: zwei bis zweieinhalb Meter nach vorne sollte sehr wahrscheinlich ausreichend sein, zur Seite sollten eineinhalb Meter reichen – sofern die Aerosole immer wieder entfernt werden! Und dieses Entfernen ist an der frischen Luft kein Problem. Aber in geschlossenen Raum könnte es zum Problem werden. Wenn man eine kontinuierliche Durchlüftung hinbekäme, dann könnte man sich wahrscheinlich an den normalen Probenzeiten orientieren. Wenn man das nicht gewährleisten kann, muss ich regelmäßig eine Stoßlüftung hinbekommen, am besten nach zehn Minuten.“ +++ Die Leiterin der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin Sarah Wedl-Wilson hatte es in der Talk-Reihe „Brüggemanns Begegnungen“ bereits befürchtet: Es wird allerhand Musiker geben, die COVID-19 zum Anlass nehmen, sich von der Musik abzuwenden und eine neue Karriere zu starten. In einem sehr lesenswerten Artikel beschreibt Kate Maltby nun erschreckende Einzelbeispiele vom englischen Markt – und gibt einen Einblick in die wichtigsten Fragen, die sich Musiker derzeit stellen.

Banner Klassikradio

+++ Der Royal Albert Hall droht das Aus – das berichtet der Evening Standard. +++ Dass Corona von einem Spar-Virus gefolgt wird, ist klar. Das zeigt schon jetzt der ORF, der weitere Sparmaßnahmen – auch in der Kultur – ankündigt. In Deutschland wird die große Kultur-Spar-Welle wohl erst noch kommen. +++ Die Konferenz der Generalmusikdirektoren und Chefdirigenten fordert mehr Plausibilität bei politischen Corona-Entscheidungen und fragt: „Bordell ja? Bohème nein?“ +++ Der Bund hilft, auf Drängen der Bundestagsabgeordneten Elisabeth Motschmann (wir haben berichtet), 27 freien Orchestern und Ensembles finanziell weiter. +++ Die Intendantin der Berliner Philharmoniker, Andrea Zietzschmann, hat Georg Rudiger von der NMZ ein aufschlussreiches Interview gegeben, in dem es darum geht, was sie gerade tut: „Wir mussten den Dialog mit unserem Publikum und mit unseren Mietern führen. Und bewegten uns dabei in der Anfangszeit auf unsicherem Terrain, weil fast jede Woche eine neue Pandemieverordnung erschien. Dann wurden die Osterfestspiele Baden-Baden und die große Europa-Tournee und die Konzerte in Israel abgesagt. Auch das aufwändige Projekt mit Gustavo Dudamel bei den olympischen Spielen in Japan wurde gecancelt. Es gab in den letzten Monaten viele unangenehme Dinge zu klären: Wie löst man Verträge auf? Wie bekommt man seine Gelder zurück? Wir haben die längste Spielpause in der gesamten Geschichte des Orchesters seit der Gründung 1882.“  

Der Tipp der Woche

Mehrere Leser baten mich um Empfehlungen am Ende von Brüggemanns KlassikWoche. Also gut: Ich lese dieser Tage das Buch „Haus der Namen“ des irischen Autors Colm Tóibíneine Neuerzählung der Orestie: Eltern und Kinder, Mord und Totschlag. Eine brutale, aber großartige Vorbereitung auf die „Elektra“ bei den Salzburger Festspielen – besser kann man die Kategorie Wut in der Oper kaum verstehen!

Die KlassikWoche hat mit einer guten Nachricht und mit einem Siegfried begonnen, und sie soll lustig – und ebenfalls mit Siegfried – schließen. Ich bin neulich beim „Daddeln“ auf das vielleicht lustigste kurze YouTube-Video gestoßen, das den Humor von Musikern illustriert…

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In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr 

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

Gegendarstellung

Auf die Aussage in einer früheren Fassung dieses Beitrags „Roščić hat einen Großteil des Sänger-Ensembles gefeuert, und nun soll es auch dem Bühnenorchester an den Kragen gehen. Roščić will es auflösen – und erntet neuen Unmut.“ teilte Hr. Dr. Roščić  mit, dass das nicht richtig sei. Er wolle das Bühnenorchester beibehalten und hätte das zuletzt erst im Juni 2020 gegenüber dem Bühnenorchester, der Bundestheater Holding GmbH als Eigentümer und dem Aufsichtsrat der Wiener Staatsoper GmbH ausdrücklich bekräftigt.

Anm. der Redaktion: Unsere Nachfrage nach Nachweisen oder Wortlaut der o.a. Statements von Hr. Dr. Roščić  blieb unbeantwortet. Auch für ein Telefonat war Hr. Dr. Roščić  nicht erreichbar. Die Richtigkeit der Aussage kann daher von uns nicht überprüft werden.

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