Willkommen in der neuen KlassikWoche,

heute gibt es einiges aufzuarbeiten: Wir nehmen Teodor Currentzis noch einmal unter die Lupe und beschäftigen uns mit der Ohnmacht der Kulturpolitik gegenüber Kulturmanagern mit Führungsschwächen.

CURRENTZIS’ musicAETERNA MIT SONDERREGELN IN SALZBURG

Hinter den Kulissen der Salzburger Festspiele soll es für Irritationen gesorgt haben, dass viele MusikerInnen des Orchesters musicAeterna, das mit Teodor Currentzis die „Don Giovanni“-Premiere spielen soll, nicht oder lediglich mit Sputnik V geimpft seien und aus Risikogebieten kommen. Angeblich stand die Anreise kurzweilig sogar auf der Kippe. Nun wird doch geprobt und ein eigenes Sicherheitskonzept für das Orchester mit drei Tests pro Woche geplant. Wie kompliziert es ist, gerade zusammengewürfelte Orchester sicher zu machen, zeigt sich beim Grafenegg Festival, wo die Academy unterbrochen und die Konzerte des Grafenegg Academy Orchestra abgesagt werden mussten, nachdem eine Musikerin positiv auf SARS-Cov‑2 getestet wurde. Die Salzburger Festspiele werden übrigens mit voller Auslastung an den Start gehen, gleichzeitig hält Festspielintendant Markus Hinterhäuser volle Fußballstadien gegenüber dem BR für eine „bemerkenswerte Rücksichtslosigkeit“.

Ach ja, und weil wir gerade dabei sind: Sängerin Marlis Petersen hat mir geschrieben, mit griechischem Herzen gegrüßt und will allen Spekulationen rund um die Beethoven-„Playback“-Siebte von Teodor Currentzis auf arte (hier direkt ansehen) den Garaus machen: „Lieber Axel, gerade lese ich die Crescendo-News und wollte mich sofort in der Sache Currentzis in Griechenland melden. Eine Freundin von mir arbeitet für das World Human Forum, das das alles organisiert hat … sie hat mir während der Probetage immer Bilder und Texte über all die Aufwendigkeiten zukommen lassen. Ich sage dir, mehr live und wahrhaftig geht nicht mehr!! Das kannst du dem Publikum, das so sehr in Zweifeln liegt, gern mitteilen! Aus erster Hand einer Herz-Griechin!“ Ist erledigt, liebe Marlis Petersen :-) – und dazu auch noch der Video-Beweis-Link, den Marlis Petersen mir geschickt hat.  

THIELEMANN IN FRIEDEN MIT DRESDEN

Christian Thielemann hat sich zum ersten Mal zu seiner Nicht-Vertragsverlängerung in Dresden zu Wort gemeldet: Es sei „jetzt eine neu gewonnene Freiheit, die man zur Qualitätssicherung nutzen kann“, sagte er im Interview der Passauer Neuen Presse. Die Nicht-Verlängerung seines bis 2024 laufenden Vertrages sei „eine Überraschung“ gewesen, aber „in Ordnung“. Er habe während seiner Jahre in Leitungspositionen viele andere Anfragen renommierter Häuser und Orchester aus Zeitgründen absagen müssen. „Jetzt werde ich sie haben.“ So entspannt haben wir das an dieser Stelle schon immer gesehen – geht doch.

SALZBURG VS. BAYREUTH

Da dieses der Newsletter zum Mitmachen ist, hier das (natürlich unrepräsentative) Ergebnis der kleinen Umfrage auf meinen Insta- und Facebook-Profilen, an der sich immerhin einige hundert Leute beteiligt haben. Es ging um einen augenzwinkernden Vergleich der Festspiele in Salzburg und Bayreuth. Das Ergebnis ist ziemlich ausgeglichen: Bayreuth liegt in Sachen Skandal und Tradition vorne, Salzburg beim Glam-Factor und in Sachen Stimmung. Hier das komplette Ergebnis:

ENGLAND WILL SPOTIFY BEKÄMPFEN

Britische Parlamentarier haben sich ausführlich mit Streamingdiensten und der Bezahlung von Musikern beschäftigt. Nun fordern sie einen radikalen Wandel der Struktur. Man müsse das Geschäftsmodell auf den Kopf stellen, fordern sie. Es könne nicht sein, dass Plattenfirmen den Großteil der Einnahmen behalten würden und KünstlerInnen mit lediglich 16 Prozent der eh oft nur 0,002 Cent pro Klick abgespeist würden. Eine Umfrage habe ergeben, dass 82 Prozent der professionelle Musiker 2019 weniger als £ 200 mit Streaming verdient hätten und nur sieben Prozent mehr als £ 1,000. Die Forderung nach einer grundlegenden Strukturänderung wird auch von Pop-Größen unterstützt. Die Details in diesem lesenswerten Text der BBC.

PERSPEKTIVENWECHSEL: EIN ANDERER BLICK AUF KARLSRUHE 

An dieser Stelle wird es etwas länger – aber ich verspreche: Es lohnt sich! Manchmal sind es Anrufe von Lesern dieses Newsletters, die für spannende Perspektivenwechsel sorgen. Ich wurde überzeugt, der Frage nach dem Rauswurf von Intendant Peter Spuhler in Karlsruhe noch einmal nachzugehen – und tatsächlich entstand so eine vollkommen neue Geschichte über die Frage, ob wir überhaupt in der Lage sind, Fehlverhalten von Führungspersonen in der Kultur juristisch sauber zu ahnden. Ich hatte berichtet, dass der Verwaltungsrat des Theaters in Karlsruhe Spuhler kurzfristig fristlos gekündigt hatte (nachdem man ihn zuvor erst nach der Saison rauswerfen wollte). Vorausgegangen waren Beschwerden über seinen Führungsstil: Von „Kontrollfreak“ und „cholerischen Ausbrüchen“ war da zu lesen. Der Anrufer wies darauf hin, dass eine fristlose Kündigung nur nach neuen Erkenntnissen möglich sei – darüber hülle die Politik sich aber in Schweigen. Wolle man durch die fristlose Kündigung etwa nur eine langwierige Abfindungsschlacht vermeiden? Zumal man mit Ulrich Peters bereits einen Nachfolger besetzt hatte und fürchten muss, zwei Intendanten zu haben?

Ich habe bei Kunstministerin Theresia Bauer nachgefragt, die mich ziemlich wortkarg wissen ließ: Alles privat, alles persönlich – kein Kommentar. Ob das wirklich ihr Ernst sei, hakte ich nach, ob es nicht relevant für den Umgang mit Steuergeldern sei, zu erfahren, was die Gründe für die Entlassung Spuhlers seien, ob der Intendant in seine vorzeitige Kündigung eingewilligt habe und ob jetzt ein Millionen-Verfahren auf das Land zurolle. Doch Bauer schwieg erneut (auch gegenüber der FAZ). Auf meine Anfrage beim Staatstheater Karlsruhe gab es indes interessante Andeutungen. Spuhler wollte sich zur Sache nicht äußern, aber es hörte sich nicht so an, als hätte er seinen Rauswurf akzeptiert – weder den ersten noch die fristlose Kündigung. Und mehr noch: Es ist durchaus möglich, dass die fristlose Kündigung gar nichts mehr mit Spuhlers Verhalten zu tun hat, sondern dass man einfach einen anderen Grund gesucht hat (Stichwort: neue Erkenntnisse), möglicherweise ein Kavaliersdelikt, eine Nacht länger auf Staatskosten im Hotel, eine falsche Abrechnung – was auch immer.

Klassik Viral – ein Podcast von CRESCENDO
Wie schafft man es, sich von Corona nicht unterkriegen zu lassen?
Arnt Cobbers fragt nach. Bei dem Pianisten Holger Groschopp.

Und hier wird es nun spannend, da allgemein gültig: Auch in der Causa James Levine (die natürlich mit ganz anderen Vorwürfen hantierte), haben wir gesehen, dass die MET ihm wegen sexueller Übergriffe gekündigt hatte, aber drohte, den Gerichtsprozess zu verlieren – schließlich einigte man sich außergerichtlich. Was wir daraus lernen: Es gibt trotz aller #metoo-Debatten (in Deutschland und in den USA) kein vernünftiges Verfahren, das juristisch sauber ist, um Fehlverhalten von Führungspersonen im Kulturbetrieb zu ahnden. Ein Grund, warum Kulturpolitiker, zum Beispiel auch in Berlin, dazu neigen, wegzuschauen. Eine derartige juristische Unsicherheit überfordert unsere Kulturpolitik und lässt sie eventuell sogar zu fragwürdigen Mitteln greifen und willkürliche Vorwürfe erheben statt den eigentlichen Vorwürfen nachzugehen. Es ist höchste Zeit, dass wir Gremien und juristisch saubere Situationen schaffen, um Übergriffe, Willkür und Fehlverhalten in unseren Kulturinstitutionen zu ahnden – sowohl im Interesse der Beschuldigten als auch ihrer potenziellen Opfer. Also, liebe Kolleginnen und Kollegen in Karlsruhe und Baden-Württemberg, gerade jetzt sollten wir das Kultusministerium weiter nerven! 

PERSONALIEN DER WOCHE

Das Münchener Kammerorchester fordert sein Publikum zur Impfung auf. Das Orchester beobachtet mit Sorge die sinkende Impfbereitschaft. „Ich glaube, man bewegt immer nur etwas im kleinen Kreis“, sagt Geschäftsführer Florian Ganslmeier. +++ Weil wir uns heute schon so lange damit beschäftigt haben: Auch der Musikprofessor Siegfried Mauser hat es bis jetzt geschafft, einer Inhaftierung zu entgehen – dabei wurde er schon vor drei Jahren wegen sexueller Übergriffe verurteilt. Derzeit wird noch immer sein Gesundheitszustand geprüft. +++ Vor der Verleihung des Bayerischen Staatspreises für Musik kritisiert der Tubist und LaBrassBanda-Mitbegründer Andreas Martin Hofmeir den Umgang der Politik mit der Kultur in der Corona-Krise scharf. Große Firmen hätten profitiert, die Kunst habe ein Fiasko erlebt. +++ Was für ein Verlust: Regisseur und Gründer der Birmingham Opera, Graham Vick, ist im Alter von nur 67 Jahren an Corona verstorben.

UND WO BLEIBT DAS POSITIVE, HERR BRÜGGEMANN?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht hier: Das Orchester in Belgrad hat sich so sehr darüber gefreut, dass Dirigent Zubin Mehta wieder genesen ist, dass es eine Überraschung für ihn angestimmt hat: „For he is a jolly good Fellow!“. Ach ja, und dann beginnen auch die Bayreuther Festspiele, und es ist mir eine Freude, auf einen Leitfaden hinzuweisen, den der Dirigent Hartmut Haenchen erfunden hat: Von A bis Z dekliniert er hier das Wagner-Vokabular. Muss man gelesen haben, bevor sich in Bayreuth der Vorhang hebt. Hier ein Auszug der letzten drei Vokabeln: zücken: zucken / zullen: saugen; „als zullendes Kind zog ich dich auf“; neugeborenes, säugendes Kind / zuschmecken: den ersten Schluck nehmen, als Willkommensgruß oder Huldigung / zwicken: zwinkern, blinzeln; „mit den Augen zwicken“. Mehr Bayreuth gefällig? Hier noch als letzte Einstimmung: Pressesprecher Hubertus Herrmann schaut mit mir hinter die Kulissen der Festspiele und plaudert u.a. über die „Walküre“ von Hermann Nitsch. Und dann noch mein Gespräch mit Oksana Lyniv nach ihrem Wagner-Debüt bei den Wiener Symphonikern in diesem Frühjahr – kommenden Sonntag wird sie die erste Dirigentin sein, die eine Premiere der Bayreuther Festspiele leitet. 

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann

[email protected]

Fotos: Beethovenfest Bonn / Brüggemann / Staatstheater Karlsruhe (auch Titel) 

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