KlassikWoche 3/2023

Klassik-Netz­werke und Regie­theater-Debatte

von Axel Brüggemann

16. Januar 2023

Die Rückkehr der Berliner Philharmoniker zu den Salzburger Festspielen, das Regietheater und die Befragung der Oper aus dem Heute, die Finanzkrise der Klassik.

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

das Perso­nal­ka­rus­sell dreht sich, die Debatte um das Regie­theater nimmt an Fahrt auf, und ich habe mir vorge­nommen, heute Ihr YouTube glühen zu lassen: So viele tolle Dinge gibt es dort zu entde­cken! 

München, Rom und Salz­burg – Gedanken zum Diri­gen­ten­ka­rus­sell

Die Berliner Phil­har­mo­niker unter kehren Ostern als Resi­denz­or­chester zurück zu den Salz­burger Fest­spielen. Die Wieder­auf­lage der Karajan-Idee ist ein echter Scoop von Inten­dant Niko­laus Bachler. Warum der Abzug der Berliner aus dem Fest­spiel­haus Baden-Baden logisch und proble­ma­tisch für den dortigen Inten­danten Bene­dikt Stampa ist, erkläre ich hier. Und noch einer dürfte „not amused“ sein: Salz­burgs Sommer-Inten­dant sieht jetzt noch ein Stück­chen älter aus als sowieso schon. 

Tja, und wenn man die Ohren an die Fluren von Kont­zert­häu­sern legt und dem Gossip an Tele­fonen lauscht, ergibt sich so langsam auch ein Bild, wohin das aktu­elle Diri­gen­ten­ka­rus­sell drehen könnte. galt lange als Kandidat für die Münchner Phil­har­mo­niker, inzwi­schen hört man immer öfter, es würde ihn nach Italien ziehen, zum Orchester der Santa Cecilia, das derzeit von geleitet wird. Und München? Man hört den Namen ( das wäre wirk­lich cool!), aber, auch, und das Geflüster ist lauter (und Kollege vom Merkur hat es offenbar eben­falls gehört), wahr­schein­li­cher scheint eine Benen­nung von Lahav Shani.

Kauf­mann, Jordan und das Regie­theater

Es war das Selfie von mit und Elīna Garanča, das mich zum Schmun­zeln brachte. Haupt­säch­lich wegen der ollen Gold-Kappen-Aida-Kostüme. Letzte Woche hatten wir ja bereits über die Kritik am „Regie­theater“ von Jonas Kauf­mann und gespro­chen. Ich habe versucht, das mal in einem Kommentar zu ordnen (siehe Video oben, einfach aufs Bild klicken). Wohl gemerkt: Nicht jede moderne Lesart ist immer auch gut, aber die Befra­gung der Oper aus dem Heute ist für mich eine wesent­liche Konstante der Kunst! Natür­lich ist meine Meinung nur EINE Meinung in der Debatte, der Gegen­stand­punkt soll hier natür­lich auch Platz finden, etwa von Hélène de Lauzun in The Euro­pean Conser­va­tiveErhel­lend viel­leicht auch die Debatte mit und zum Thema.

Kleiner Nach­klapp: Am Samstag wurde die besagte Aida in Wien aufge­führt. Inter­es­sant war die Medien-Stra­tegie der Wiener Staats­oper. Man postet auf Insta­gram und Co. eine Beifalls-Nach­richt in eigener Sache, die dann in aller­hand Kommen­taren konter­ka­riert wurde. Sowohl, was die Sänger-Leis­tungen angeht als auch, was denn Auftritt von Anna Netrebko betrifft. Der Online-Merker (der in diesem News­letter sehr selten verlinkt wird) steht sicher­lich nicht im Verdacht, beson­ders kritisch mit der Staats­oper umzu­gehen, diese Kritik aber hat es auf vielen Ebenen in sich

Netz­werke in der Klassik

Wer bestimmt eigent­lich das kultu­relle Geschehen? Oft werden Stellen inner­halb von Netz­werken besetzt, die Kultur­po­litik schaut viel zu oft ratlos zu! Um die geheime Macht von Netz­werken, darüber, wie sie einen kultu­rellen Wandel verhin­dern und wann Netz­werke Gutes bewirken, geht es in der neuen Ausgabe meines Podcasts Alles klar, Klassik? (hier auch für Spotify und apple). Zu Gast: der Kultur­ma­nager und Orga­ni­sator des Kultur­pro­gramms der Bundes­gar­ten­schau 2023, Fabian Burstein.

Er hat gerade das lesens­werte Buch Erobe­rung des Elfen­bein­turms heraus­ge­bracht und sagt: „Die Kultur­po­litik muss freier und unab­hän­giger werden.“ Außerdem erklärt er, warum Macht­po­litik in der Kultur gar nicht so schlecht wäre. Kultur scheint derzeit eine Leer­stelle zu sein, um die gesell­schaft­lich gerungen wird. Lesens­wert in diesem Zusam­men­hang auch der Text von Marga­rete Affen­zeller im öster­rei­chi­schen Stan­dard. Außerdem zu Gast, die Bera­te­rinnen für digi­tale Projekte in der Kultur, Kathrin Zeitler und Rebecca Zimmer­mann vom Konzert­haus Dort­mund. Beide haben das Netz­werk alma (Alli­ance of Leaders in Music and Arts) gegründet. Wer da mitma­chen will, dem sei folgende Seite empfohlen

Hamburg streicht Curr­entzis

Verdammt! Bis gestern Abend wäre dieser News­letter endlich mal ohne eine Nach­richt über ausge­kommen. Doch nun hat die Elbphil­har­monie mehr oder weniger still und leise das Konzert von musi­cAe­terna und Teodor Curr­entzis im April abge­sagt, angeb­lich wegen der „Unsi­cher­heiten“ auf Grund des russi­schen Angriffs­krieges auf die Ukraine. Es ist müßig, an dieser Stelle noch einmal auf die persön­li­chen Angriffe gegen unsere Recher­chen von Inten­dant hinzu­weisen. Ebenso wie auf den Fakt, dass die Musiker, die ein Kriegs­lied für Putins Soldaten ins Netz gestellt haben, nicht suspen­diert wurden, sondern noch immer auf der Seite des Orches­ters auftau­chen. Und, nein, es gab nie eine Entschul­di­gung – weder vom Ensemble noch von seinem verant­wort­li­chen Leiter Teodor Curr­entzis – dafür, dass Musiker des Ensem­bles euro­päi­sche Jour­na­listen (unter anderem mich) mit Nazis vergli­chen haben. Unsere aktu­ellen Recher­chen zeigen indes, dass ein wesent­li­cher Teil der musi­cAe­terna-Perso­nage (nicht nur der Musi­ke­rInnen) jener von Utopia sehr ähnlich ist. Aber dazu ein anderes Mal mehr. 

Perso­na­lien der Woche 

Die Finanz­krise ist größer, als man zuweilen denkt. Nun trifft es die Tournee von Gustavo und dem Orchester der Opéra national de Paris. Auftritte in London und Wien werden wohl gestri­chen – aus Kosten­gründen, wie es heißt. +++ Immer größer wird der Wider­stand gegen Auftritte des russi­schen Pianisten und Valery-Gergiev-Freund Denis Matsuev, in Italien haben Klassik-Fans eine Peti­tion gegen seine Auftritte ins Leben gerufen. +++ Mehr Geld für die Opern­stif­tung in Berlin durch Klaus Lederer: Der Zuschuss­ver­trag hat eine Lauf­zeit bis 31. Dezember 2027 und sieht in den Jahren 2024 bis 2027 einen jähr­li­chen Landes­zu­schuss an die Stif­tung in Höhe von 161,3 Millionen Euro vor, im laufenden Haus­halts­jahr erhält die Stif­tung einen Landes­zu­schuss in Höhe von 160,6 Millionen Euro. +++ In der FAZ schreibt der gerade wieder ausge­zeich­nete Inten­dant eine Hommage an sich selbst: An der Oper Frank­furt laufe alles super! Er sei ein ziem­lich geiler Manager – und Krise? Die mögen die anderen haben! Er bräuchte zukünftig viel­leicht nur etwas Geld vom Land Hessen. Na denn! +++ Die Sexismus-Vorwürfe bei den Bayreu­ther Fest­spielen haben kein juris­ti­sches Nach­spiel. Die Staats­an­walt­schaft hat die Verfahren wegen des Verdachts der sexu­ellen Beläs­ti­gung einge­stellt. Das teilte der Leitende Ober­staats­an­walt Martin Dippold der Deut­schen Presse-Agentur mit. +++ Letzte Woche hatten wir über den Vorschlag von Veran­stalter Mischa Damev berichtet, Star-Gagen um die Hälfte zu kürzen. Ich habe das für den SWR noch einmal einge­ordnet. +++ Wer mal wieder einen echten Verriss lesen will, der sollte sich ansehen, wie der briti­sche Jour­na­list Hugh Morris Igor Levits Buch Haus­kon­zert für VAN ausein­an­der­nimmt

Und wo bleibt das Posi­tive, Herr Brüg­ge­mann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Viel­leicht ja hier! In den letzten Wochen haben wir an dieser Stelle oft über die Exis­tenz von Rund­funk­or­ches­tern nach­ge­dacht. Und nun gibt es einen guten Grund, sie ganz groß zu loben! Lieber Baye­ri­scher Rund­funk, dass Ihr über zwei Stunden lang die Kameras bei den Proben von mit dem BRSO zu Bruck­ners Vierter Sinfonie mitlaufen lassen habt (siehe Video oben), ist großes Kino. Ich empfehle einfach jedem, da rein­zu­schauen: Klug­heit, Alter, Sympa­thie, Energie – alles ist da! Ein Lehr­bei­spiel. Danke, lieber BR für diese Einblicke! 

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@​crescendo.​de