Pierre Cardin

»Der größte Sozia­list unter den Kapi­ta­listen«

von Ruth Renée Reif

1. Juli 2022

Pierre Cardin war ein Visionär. Er wirkte als Couturier, Designer, Unternehmer und Mäzen. Am 2. Juli 2022 jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal.

Geome­tri­sche Klar­heit und eine futu­ris­ti­sche Aura kenn­zeichnen die Mode von . „Kleider für ein Leben zu schaffen, das es noch gar nicht gibt – für die Welt von Morgen“, formu­lierte er sein Credo. „Meine Mode drückt nicht den Zeit­geist aus, sondern die Gedanken und die Haltung einer Epoche. Ich schaue nicht zurück, sondern nach vorne.“

Trailer zu dem Doku­men­tar­film House of Cardin aus dem Jahr 2019

Der Kreis als Symbol der Unend­lich­keit war seine zentrale Form. „Ich bin ein Pierrot lunaire, der vom Kosmos faszi­niert ist“, sagte er von sich. „Der Mond, die Sonne, die Erde sind reine Krea­tionen, gren­zenlos, ohne Anfang und Ende.“

Kleider wie Plastiken
Jedes Kleid „eine archi­tek­to­ni­sche und plas­ti­sche Konstruk­tion“

Wie Plas­tiken wirkten eine Kleider, die er entwarf, und so verstand er sie auch: „eine archi­tek­to­ni­sche und plas­ti­sche Konstruk­tion“. Entspre­chend fertigte er sie an. Entwürfe zeich­nete er kaum, sondern arbei­tete wie ein Bild­hauer mit der Schere direkt am Modell.

Ballonkleid
Die Sensa­tion im Jahr 1954: das Ballon­kleid

Nach Lehr­jahren in den Häusern von Jeanne Paquin, Elsa Schia­pa­relli und Chris­tian Dior grün­dete Pierre Cardin 1950 sein eigenes Mode­haus. 1953 brachte er seine erste Haute-Couture-Kollek­tion heraus. Im Jahr darauf sorgte er mit dem Ballon­kleid für Aufsehen.

Prêt-à-porter-Kollektion, Pierre Cardin
Die erste Prêt-à-porter-Kollek­tion im Pariser Kauf­haus Au Prin­temps

1959 stellte er im Pariser Kauf­haus Au Prin­temps die erste Prêt-à-porter-Kollek­tion der Mode­ge­schichte vor. Im Jahr darauf ließ er seine Prêt-à-porter-Kollek­tion für Herren folgen. Mode für die Massen wollte er kreieren. „Der Faktor Multi­pli­ka­tion ist für mich sehr bedeu­tend“, erläu­terte er und betonte: „Ich bin der größte Sozia­list unter den Kapi­ta­listen.“

Die Kunst nannte er neben der Arbeit seine große Leiden­schaft. Bevor er seinen Weg als Couturier beschritt, arbei­tete er als Kostüm- und Masken­bildner. Als er 1944 beim Mode­haus Jeanne Paquin ange­stellt wurde, entwarf deren Nach­folger Antonio Castillo die Kostüme für Jean Cocteaus Film La belle et la bête, und Pierre Cardin wurde mit der Ausstat­tung des Biests betraut.

Espace Pierre Cardin
Der Espace Pierre Cardin in der Avenue Gabriel in Paris

1970 pach­tete er in Paris das Théâtre des Ambassa­deurs und verwan­delte es in den Espace Pierre Cardin. Bis 2016 war er ein Ort, in dem Neues inter­dis­zi­plinär erfahrbar werden sollte. Der Regis­seur Robert Wilson, die Sopra­nistin Kiri Te Kanawa, der Pianist und die Prima­bal­le­rina Maja Plis­sez­kaja gehörten zu den gastie­renden Künst­lern.

Mit der Ausstel­lung „30 Jahre Design Pierre Cardin“ im Metro­po­litan Museum in New York begann 1980 eine Reihe von Retro­spek­tiven in allen Metro­polen der Welt.

Pierre Cardin
1992 wurde Pierre Cardin als erster Couturier einer der 40 Unsterb­li­chen

Mit zahl­rei­chen Preisen wurde Pierre Cardin für sein Werk ausge­zeichnet. Dreimal, 1977, 1979 und 1982, erhielt er den Dé d’or de la haute couture, den Goldenen Fingerhut der fran­zö­si­schen Haute Couture. Und 1992 fand er als erster Couturier Aufnahme in die fran­zö­si­sche Akademie der Schönen Künste.

Das unter­neh­me­ri­sche Geschick von Pierre Cardin, der es verstand, seine Ideen kommer­zi­elle überaus erfolg­reich umzu­setzen, ermög­lichte ihm den Kauf beson­derer und sagen­um­wo­bener Gebäude. 1981 erwarb er in Paris das unter Denk­mal­schutz stehende Art-Nouveau-Restau­rant Maxim’s und schuf daraus eine welt­weit erfolg­reiche Marke, unter der von Abend­roben über Bouti­quen bis zu Hotels und Schiffen ein Impe­rium an Produkten firmierte.

Le Palais Bulles
Le Palais Bulles, entworfen von dem für seine Kugel­häuser berühmten Archi­tekten Antti Lovag

In den späten 1980er-Jahren kaufte er das von dem Archi­tekten Antti Lovag entwor­fene Palais Bulles im südfran­zö­si­schen Massif de l’Esterel bei Théoule-sur-Mer. „Mich faszi­niert die archi­tek­to­ni­sche Konzep­tion“, schwärmte Pierre Cardin. „Alles ist rund, ohne Ecken und Kanten.“ Le Palais Bulles, das übri­gens erneut zum Verkauf steht, stellt eine amorphe Ansamm­lung von 25 Beton­ku­geln dar, die an einer radialen Konstruk­tion befes­tigt sind.

Schloss, Marquis de Sade
Die Ruine des Schlosses von Marquis de Sade

Zudem war Pierre Cardin der Besitzer des Palais von Giacomo Giro­lamo Casa­nova in Venedig, und 2001 erwarb er das Schloss von Marquis de Sade in Lacoste. Bevor er 2020 im Alter von 98 Jahren starb, betraute er seinen Groß­neffen Rodrigo Basi­li­cati mit seiner Nach­folge.

Fotos: Le musée Pierre Cardin, Le musée Pierre Cardin , Wikimedia Commons / Erwmat , Le musée PIerre Cardin, Christie's Real Estate International Michael Zingraf Real Estate via Luxury Defined