Quadro Nuevo

Quadro Nuevo

Die flir­rende Sonne des Meeres

von Ruth Renée Reif

17. November 2020

Quadro Nuevo lässt sich von musikalischen Wellen zurück zu seinen Anfängen tragen. „Mare“, das neue Album des Ensembles, vermittelt mediterrane Leichtigkeit.

CRESCENDO: Herr Francel, „Mare“, das neue Album von Quadro Nuevo, weckt Träume von Sonne und glit­zernden Wellen. Empfinden Sie das Meer als eine inspi­rie­rende Kraft?

: All die alten Mythen, die unser Abend­land geprägt haben, kommen aus dem medi­ter­ranen Raum. Sie entzünden unseren Geist und unsere Geschichten. Wir befassen uns seit langem mit der Musik der an das Mittel­meer angren­zenden Kultur­räume. Von , und über bis zur Levante sind wir gereist und haben uns inspi­rieren lassen. Anre­gungen aus den Musik­tra­di­tionen der Länder des ehemals bibli­schen Gebiets wie der , Syriens, Liba­nons, Israels, Paläs­tinas, Jorda­niens und Ägyp­tens beflü­geln unsere Musik.

Rück­kehr zur Unbe­schwert­heit des Anfangs: Quadro Nuevo spielt von seinem neuen Album „Mare“ die neapo­li­ta­ni­sche Canzone Torna a Surri­ento

„Mare“ sei der fried­liche und beru­hi­gende Klang von etwas Großem, das die unter­schied­lichsten Länder und Menschen vereine, beschrieb der Pianist Chris Gall das Album. Kommt da eine Hoff­nung zum Ausdruck?

Diese Vision haben wir als reisende Musiker immer. Wir hoffen, dass die Völker einander mit Einfüh­lungs­ver­mögen und gegen­sei­tigem Verständnis begegnen. Dass wir in dieser geschicht­lich so zerrüt­teten Region Mittel­eu­ropas seit 75 Jahren in Frieden leben, wurde möglich, weil es uns gelungen ist, uns zu einer Gemein­schaft zusam­men­zu­schließen. In diesem alten Kultur­kreis um das Mittel­meer herum und dem Meer als Vermittler sehe ich eine Chance für den Frieden. Es kann ein Mitein­ander geben. Wir müssen nur den Weg dahin finden. Die Musik hat etwas Verbin­dendes und Besee­lendes. In diesem Sinne sehen wir unser Projekt „Mare“ auch.

Jeder Titel des Albums hat eine Geschichte. Kann man das Album auch als einen Rück­blick auf die Geschichte von Quadro Nuevo begreifen?

Dieses Album zeichnet sich durch eine große Leich­tig­keit aus. Wir nahmen in den vergan­genen Jahren Alben auf, bei denen wir uns mit Verve in Themen hinein­gruben. Für „Flying Carpet“ zum Beispiel arbei­teten wir mit ägyp­ti­schen Musi­kern. Für „Volks­lied Reloaded“ hoben wir die alten Volks­lieder mit Orchester auf eine neue konzer­tante Ebene. Diese Projekte waren groß­artig und mit viel Anstren­gung verbunden. „Mare“ dagegen besitzt jene Unbe­schwert­heit, die uns wieder zu den Anfängen von Quadro Nuevo vor 25 Jahren zurück­führt. Damals sammelten wir alle Stücke, die uns gefielen und trafen eine Auswahl, was wir auf die Bühnen bringen wollen. Darunter befanden sich ein Flamenco, italie­ni­sche Stücke wie Luna Rossa, Südame­ri­ka­ni­sches wie Gracias à la Vida, ein Tango und eine Melodie mit orien­ta­li­schen Anklängen. Geprägt war die Mischung durch den medi­ter­ranen Kultur­raum. Und zu dieser Art des Musi­zie­rens kehrten wir mit „Mare“ zurück. Auch die Aufnahme im Studio fiel uns leicht und berei­tete große Freude.

Die Musiker von Quadro Nuevo
Unter­wegs als reisende Musiker in vielen Ländern: Andreas Hinter­seher, D.D. Lowka, Mulo Francel und Chris Gall

Mit Cinema Para­diso erin­nern Sie an den Film­kom­po­nisten

Morricone war ein fantas­ti­scher Kompo­nist. Als wir das Stück im Mai einspielten, wussten wir nicht, dass es zum Nachruf werden würde. Aber sechs Wochen später starb er. Ich wollte das Stück immer schon aufnehmen. Im Jahr 2000 veröf­fent­lichten wir das Album „Ciné­Pas­sion“. Damals aber hatten wir noch nicht die Form für das Stück gefunden. Wenn ich es spiele, ziehen vor meinem geis­tigen Auge die Film­bilder vorbei. Es ist ein wunder­barer, nost­al­gi­scher Film, in dem es um den Nieder­gang der Kino­kultur geht. Für uns Musiker ist es ein schöner weiter Blick in die benach­barte Kunst­form Film.

Eine Hommage an das legen­däre Café Groppi in Kairo bringt der Oud-Spieler Basem Darwisch, mit dem Sie einst durch Ägypten zogen. Waren Sie in dem Café?

Ja, wir haben es besucht. Das Café Groppi besitzt eine wech­sel­volle Geschichte. Es entstand zu Anfang des 20. Jahr­hun­derts und entwi­ckelte sich zu einem Künstler- und Intel­lek­tu­ellen­treff, in dem auch Musik gespielt wurde. Das war nicht üblich in Kairo. So stellte das Groppi einen beson­deren Ort dar, an dem Musik statt­finden konnte, ohne rituell oder als Beglei­tung für Bauch­tanz funk­tio­na­li­siert zu sein. Die Musiker kamen, um ihre Musik weiter­zu­bringen und sie einem intel­lek­tu­ellen Publikum vorzu­stellen. In den 50er- und 60er-Jahren wurde das Café kommer­zia­li­siert. Es fand in der Folge nicht mehr zu der alten Frei­heit zurück. Für Ägypter aber, die sich mit Kultur befassen, erin­nert es daran, dass es einmal einen solchen Ort gab. Es leben viele krea­tive Musiker in Ägypten, und pars pro toto luden wir Basem Darwisch ein.

Das Ensemble Quadro Nuevo
Impro­vi­sieren und das Leben nicht zu schwer nehmen

Für die neapo­li­ta­ni­sche Canzone Torna a Surri­ento greifen Sie zur Mando­line. Wie sind Sie auf das Instru­ment gestoßen, das so selten geworden ist?

Für die Aufnahme unseres Albums „Canzone della Strada“ wollte ich einen Mando­li­nen­spieler dabei haben. Nachdem ich gehört hatte, dass in Sizi­lien die alte Form des Mando­li­nen­spiels noch lebendig ist, reiste ich zwei Wochen lang über die Insel. Ich fragte in Plat­ten­läden, Musik­schulen, bei Konzert­ver­an­stal­tern, bis ich in Agri­gento im Süden Fran­cesco Buzzurro fand. Ich lud ihn nach ins Studio ein. Wir spielten auch ein gemein­sames Konzert, und er brachte mir etwas Mando­li­nen­spiel bei. Der Klang der Mando­line faszi­niert mich. Er steht für die neapo­li­ta­ni­sche Lebensart, zu impro­vi­sieren und das Leben nicht zu schwer zu nehmen. Auch das Quir­lige und manchmal thea­tra­lisch Laute liegt darin. Im Tremolo der Mando­line spie­gelt sich für mich die flir­rende Sonne des italie­ni­schen Meeres wider.

Und wie sehen Ihre weiteren Pläne aus?

Wir haben noch viele Ideen, die wir gerne umsetzen möchten. Das Thema „Meer“ spinnen wir in unserem nächsten Projekt weiter. Mit anderen Künst­lern, Foto­grafen, bildenden Künst­lern, mit einem Filme­ma­cher und einem Zeichner, viel­leicht einem Comic­zeichner, der auch Texte schreibt, wollen wir auf einem Segel­schiff durch das südita­lie­ni­sche Meer fahren. Die Reise soll uns durch die Äoli­schen Inseln bis in die Ägäis führen, wo wir jene Orte aufsu­chen, an denen die alten Sagen statt­fanden: die Fahrten des Aeneas, die Irrfahrten des Odys­seus, die Fahrt des Jasons. Die Eindrücke dieser Reise, die Erin­ne­rungen an die alten Mythen werden die Musik unseres nächsten Albums nähren.

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Weitere Informationen zum neuen Album „Mare“ unter: CRESCENDO.DE
Auftrittstermine des Ensembles Quadro Nuevo und weitere Informationen unter: quadronuevo.de