CRESCENDO: Herr Francel, Mythen sind Weisheitsquellen, die Orientierung geben in schweren Zeiten. Bangen Sie um die Welt?
Mulo Francel: Wie viele Menschen, die mit wachen Augen auf unsere Welt schauen, bin ich besorgt. Aber es gibt auch Anlass zur Ermutigung. Auf einer Tournee gerieten wir in Freiburg im Breisgau zufällig in eine Fridays-for-Future-Veranstaltung hunderter junger Menschen. Dass eine junge Generation aufsteht und Veränderungen verlangt, war eine emotional aufwühlende Erfahrung für uns. Meine Hoffnung ist, dass es gelingt, ihre Forderungen umzusetzen. Vor diesem Hintergrund ist das Thema Mythos ein gedanklicher Leitfaden, dem wir mit unserem musikalischen Konzept folgen.

In Palinuro über Aeneas und in Dido’s Lament zieht sich auch das Thema Flucht durch Ihr Album…
Da gibt es eine Parallele zu heute. Man muss nur einen Blick in Homers Epos „Ilias“ werfen. Aeneas flieht mit anderen Trojanern aus dem brennenden Troja. Ungünstige Winde treiben sie an die Küste Nordafrikas. Dort bekommen sie Asyl. Königin Dido verliebt sich sogar in Aeneas. Wir sehen genau die umgekehrte Situation zu heute. Dieses uralte Epos erinnert uns daran: Es ist zu allererst ein Gebot der Menschlichkeit, Asyl zu gewähren. Danach kann man natürlich Überlegungen anstellen, ob und wie und wie lange jemand bleiben darf.

Mulo Francel: „Der Anblick der sonnenbeschienenen Ägäis und die bildliche Vorstellung dieses Fluges und der Gedanken Ikarus’ beim Absturz waren für mich ein inspirierender Augenblick.“
(Foto: © Mulo Francel)

Ikarus’ Dream nennen Sie als auslösende Inspiration für das Album. Ikarus wollte seinem Schicksal entfliehen und stürzte ins Meer. Ist der große Menschheitstraum unerfüllbar?
Das hängt davon ab, ob man an eine Vorbestimmung glauben will oder an die Freiheit, seinen Weg selbst zu bestimmen. Ich neige eher zu letzterer Sichtweise. Ikarus und sein Vater Dädalus sind gefangen im Labyrinth des Minotaurus, welches Dädalus bauen musste. Und sie schaffen es auszubrechen, mit List, aber auch mit Wissen, Gedankenkraft und handwerklicher Fähigkeit. Dass die Flucht dennoch tragisch endet, lag an Ikarus’ Übermut. Vielleicht wäre sie anders ausgegangen, wenn er kontrollierter gehandelt hätte. Chris Gall und ich unternahmen den abenteuerlichen Aufstieg auf den Berg Kerkis. Er ist der höchste Gipfel der Ost-Ägäis auf der Insel Samos. Von dort oben sieht man hinüber zur Insel Ikaria und im Süden zur Eilandgruppe Fourni. Irgendwo dazwischen stürzte der alten Sage nach Ikarus ins glitzernde Meer. Der Anblick der sonnenbeschienenen Ägäis und die bildliche Vorstellung dieses Fluges und der Gedanken Ikarus’ beim Absturz waren für mich ein inspirierender Augenblick. Die starke Emotion, die er auslöste, habe ich in den Song Ikarus’ Dream umgesetzt.

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Mulo Francel: „Chris ist ein wunderbarer Partner.“
(© Annette Hempfling)

Musikalisch ist das Album eine Duo-Aufnahme. Sie haben schon mehrere Duo-Alben veröffentlicht, mit Harfe, sogar mit Orgel. Was ist das Besondere am Duo?
Das Duo-Spiel ist ein Dialog, in dem man lebendig aufeinander eingehen kann. Chris’ hochvirtuoses Klavierspiel ist so rhythmisch und feingliedrig, dass man in kleinste Details gehen kann. Das entflammt mich. Es regt mich dazu an, über seine rhythmischen und harmonischen Strukturen weite Melodiebögen zu legen. Chris war häufig Mitglied bei Quadro Nuevo, wir zogen nächtelang gemeinsam durch Buenos Aires. Er spielt ein Stück jeden Abend anders und gibt einfallsreiche Impulse. Für mich als Musiker, der viel auf der Bühne steht, ist es wichtig, nicht in eine Routine hineinzugeraten, sondern mich jeden Abend musikalisch herauszufordern. Chris ist dabei ein wunderbarer Partner.

Entwickeln Sie die Kompositionen auch aus dem gemeinsamen Spiel heraus?
Eine Komposition entsteht in drei Schritten. Da gibt es das Notenblatt, auf dem ich kompositorische Ideen skizzenhaft notiere. Dann treffen wir uns zu Proben, bei denen wir uns über viele Stunden in die Stücke hineinbegeben und alles Mögliche versuchen. Der dritte Schritt ist die Erprobung im Scheinwerferlicht vor dem Publikum, der noch die Improvisation des Augenblicks hineinbringt. Danach schält sich ganz von allein die ideale Version heraus, die später auf das Album kommt.

Sie geben der Improvisation viel Raum?
Ja, das macht es für uns als Spieler überaus spannend.

Die 7 Weisen haben Sie gemeinsam komponiert. Wie geht die Umsetzung einer solchen Idee in Musik vor sich?
Da kamen zwei Stücke zusammen. Ich hatte eine Reise durch den Iran unternommen, mit vielen Menschen gesprochen, mit einheimischen Musikern gespielt und Instrumente erworben, darunter ein altes persisches Santur. Aus der Reise entstand 2018 das Hörbuch „Goethes persische Reise“. Goethe begeisterte sich in seinen späten Jahren für die persische Kultur. Angeregt von dem persischen Dichter Hafis, dichtete er seinen „West-östlichen Divan“. Während der Reise durch diese alte Hochkultur und diesen religiös gelenkten Staat stellte sich mir immer wieder die Frage, was eine gute Regierungsform auszeichnet und wie man ein soziales Gebilde aufbaut. Diese Überlegungen und meine Eindrücke der Reise verarbeitete ich in dem Stück Der Weise. Chris wiederum hatte ein Stück im Siebenviertel-Takt, das er In 7 nannte. Die beiden zusammen ergaben Die 7 Weisen. Wir stellten uns vor, wie es wäre, wenn sieben Weise, ältere Menschen mit viel Lebenserfahrung, die keinen Ruhm und Reichtum mehr anhäufen müssen und denen man vertrauen kann, sich zusammensetzen, gesellschaftliche Fragen diskutieren und anschließend abstimmen. Aufgrund der ungeraden Zahl käme es zu einem klaren Ergebnis. 

Mulo Francel: „Vom Publikum erwarte ich die Bereitschaft, sich aus den Problemen
des Alltags
entführen zu lassen in eine Welt von Klängen.“
(© Annette Hempfling)

Erwarten Sie vom Publikum ein Einlassen auf die Themen?
Vom Publikum erwarte ich die Bereitschaft, sich aus den Problemen des Alltags entführen zu lassen in eine Welt von Klängen. Die inhaltliche Inspiration muss man nicht mitnehmen. Aber man kann sich darauf einlassen und vielleicht manches umsetzen in seinem Leben. Man kann sich etwa den Flug des Ikarus vorstellen, um sich selbst anders zu verhalten, nicht zu tief zu fliegen und auch nicht zu hoch.

Chris Gall spielt Klavier, und Sie bringen verschiedene Saxofone und Klarinetten zum Einsatz. Beeindruckend sind die tiefen, raunenden Töne im Stück Sketches of Styx.
Da spiele ich eine Kontrabassklarinette aus den 1920er-Jahren. Sketches of Styx widmet sich diesem Übergangsfluidum zwischen Leben und Tod. Der Fluss Styx trennt in der griechischen Mythologie das Reich der Toten von den Lebenden. Der Fährmann Charon setzt die Toten über. Die Münze zu seiner Bezahlung wird den Verstorbenen unter die Zunge gelegt. Verbunden mit dieser Vorstellung einer Überfahrt ist natürlich die Hoffnung auf eine Rückfahrt. Nicht nur in der griechischen Antike, auch in anderen Vorstellungswelten gibt es diese Hoffnung, und die dürfen wir uns auch nicht nehmen lassen.

Mulo Francel, Chris Gall: „Mythos“ (GLM)  

 

 

Mulo Francel und Chris Gall auf Tournee:

22. November 2019 Burghausen, Ankersaal

26. November 2019 München, Allerheiligen-Hofkirche

8. Januar 2020 Bonn, Harmonie

9. Januar 2020 Berlin, A‑trane

31. März 2020 Rosenheim, Apostelkirche

Weitere Termine und Informationen: www.mulofrancel.de

 

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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