Astor Piazzolla

Tango­lei­den­schaft

von Ruth Renée Reif

9. März 2021

Astor Piazzolla wurde als experimenteller Tango-Avantgardist zum König des Tango Nuevo. Anlässlich der 100. Wiederkehr seines Geburtstages am 11. März 2021 feiern Musiker ihn mit neuen Aufnahmen.

Das Bando­neon zu spielen, sei, wie einen Hai zu fangen, erklärt seinem Sohn Daniel in dem Doku­men­tar­film Piaz­zolla – the Years of the Shark von . Mit neu entdecktem Mate­rial lässt der Film in rasch aufein­ander folgenden Sequenzen die entschei­denden Begeg­nungen und Wendungen im Leben Astor Piaz­zollas Revue passieren. Deut­lich wird dabei, wie sehr dieser anfangs hin- und herge­rissen war zwischen dem Tango und seinen Ambi­tionen als klas­si­scher west­li­cher Pianist und Kompo­nist.

Trailer zu dem Doku­men­tar­film „Piaz­zolla – The Years of the Shark” von Daniel Rosen­feld

Daniel Rosen­feld: „Piaz­zolla – The Years of the Shark” (Euro­Arts)
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Als Piaz­zolla acht Jahre alt war, schenkte ihm der Vater ein Bando­neon. Die Familie lebte damals in , wo der Vater einen Friseur­salon führte und zur Bewäl­ti­gung seines Heim­wehs von früh bis spät Tangos hörte. Piaz­zolla aber wollte klas­si­scher Pianist werden. Bach, Mozart und Chopin waren seine Lieb­lings­kom­po­nisten, und er spielte ihre Werke auf dem Bando­neon. Insbe­son­dere Bach und der barocke Kompo­si­ti­ons­stil hinter­ließen nach­hal­tigen Einfluss auf ihn und schlugen sich später in seinen Kompo­si­tionen nieder.

„Bach & Piaz­zolla“ beti­telt der Akkor­deo­nist Nijkola Djoric sein Album. Das Bando­ne­on­kon­zert Acon­cagua, benannt nach dem Berg in den Anden und in der Tat ein Gipfel­werk Piaz­zollas, stellt er neben Bachs Cello­kon­zerte, und der Hörer kann die reiz­volle Heraus­for­de­rung annehmen, Über­ein­stim­mungen zu entde­cken.

Cover, Bach und Piazzolla

CD: „Bach & Piaz­zolla“, Nikola Djoric, Kurpfäl­zi­sches Kammer­or­chester ( Clas­sics)
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1936 kehrte die Familie nach Argen­ti­nien zurück, und da erwachte in Piaz­zolla erneut die Lust, Tango-Musiker zu werden. Während er sein Klavier­stu­dium fort­setzte und bei Kompo­si­tion studierte, wirkte er im Orchester des Bando­ne­on­spie­lers Aníbal Troilo als Arran­geur, ehe er 1946 sein eigenes Bando­neon-Orchester grün­dete. Zu Beginn der 1960er-Jahre aber siegte der Wunsch, sinfo­ni­sche Musik zu kompo­nieren, und er kehrte dem Tango den Rücken. Für seine drei­sät­zige sinfo­ni­sche Kompo­si­tion Buenos Aires erhielt er ein Stipen­dium, das ihm ein einjäh­riges Kompo­si­ti­ons­stu­dium bei der legen­dären in Paris ermög­lichte. Und bei ihr erfolgte die entschei­dende Wende in seinem musi­ka­li­schen Leben.

Astor Piazzolla bei Nadia Boulanger
Die entschei­dende Begeg­nung: Madame Boulanger in Paris lehrte Astor Piaz­zolla, an Astor Piaz­zolla zu glauben.

Er habe Madame Boulanger seine Sonaten und Sona­tinen gezeigt, erin­nerte sich Piaz­zolla kurz vor seinem Tod. „Sehr gut geschrieben“, habe sie geur­teilt. „Hier klingt es wie Stra­winsky, dort wie Bartók, da wie Ravel. Nur Piaz­zolla kann ich nirgendwo finden.“ Es begann eine pein­liche Befra­gung. Piaz­zolla schämte sich, ihr zu erzählen, dass er Tango-Musiker sei. Auch dass er Bando­neon spiele, wollte er nicht sagen. Aber Madame Boulanger war nicht zu belügen. „Sie sind kein Pianist. Was ist ihr Instru­ment?“, habe sie gefragt, und er habe gestehen müssen. Daraufhin ließ sie ihn Tangos spielen. „Sie Idiot! Das ist Piaz­zolla!“, habe sie ausge­rufen. 18 Monate nahm Piaz­zolla bei ihr Unter­richt, und es sei gewesen wie 18 Jahre. Denn sie habe ihn gelehrt, an Astor Piaz­zolla zu glauben: „Es war die Befreiung vom verschämten Tango­spieler zu einem selbst­be­wussten Kompo­nisten.“

Das Album „Teach Me“ des Boulanger Trios versam­melt eine Reihe der Berühmt­heiten, die bei der Namens­ge­berin des Trios Unter­richt nahmen und Rat suchten wie etwa oder . Von Piaz­zolla ist der Zyklus Las Cuatro Estaciones Porteñas (Die Vier Jahres­zeiten von Buenos Aires) zu hören.

Astor Piazzolla, Cover

CD: „Teach Me! The Students of Nadia Boulanger”, Boulanger Trio ()
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Nach Argen­ti­nien zurück­ge­kehrt, konzen­trierte sich Piaz­zolla allein auf die Indi­vi­dua­li­sie­rung seines Tangos­tils. Er revo­lu­tio­nierte den Tango und wurde zum bedeu­tendsten Vertreter des Tango Nuevo. 1960 stellte er sein Quar­tett zusammen: Bando­neon, Geige, Klavier, E‑Gitarre und Kontra­bass. Die Akkor­deo­nistin feiert auf ihrem Album „Piaz­zolla Reflec­tions“ mit Musik­er­freunden den Erneuerer des Tangos. „Piaz­zollas Musik spie­gelt die Einsam­keit, das Leiden und das Drama des Lebens wider“, betont sie, „aber sie öffnet auch eine Tür in eine Welt der Hoff­nung und des Lichts.“ Im Booklet erzählt Sido­rova ausführ­lich über ihre inten­sive Begeg­nung mit Piaz­zollas Musik.

Cover

Ksenija Sido­rova: „Piaz­zolla Reflec­tions“ (Alpha)
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Von argen­ti­ni­schen Tradi­tio­na­listen wurde Piaz­zolla ange­feindet und boykot­tiert. Die inter­na­tio­nale Musik­welt aber war begeis­tert. Von Ella Fitz­ge­rald bis kamen alle, um ihn spielen zu hören. In den 1960er-Jahren bezog Piaz­zolla das gesun­gene Wort in seine Kompo­si­tionen ein und arbei­tete mit den Dich­tern und Ernesto Sabato zusammen. „Trüb schafft der Tango eine irreale Vergan­gen­heit, die irgendwie gewiss ist: unmög­liche Erin­ne­rung, gestorben zu sein, im Kampf an einer Vorstadt­ecke“, schrieb Borges in seiner Geschichte des Tango.

„Piaz­zolla Stories“ über­schreibt die Trom­peter Luci­enne Renaudin Vary ihr Album. Mit dem Phil­har­mo­ni­schen Orchester von Monte Carlo begibt sie sich auf eine Reise durch Piaz­zollas musi­ka­li­sche Welt. Von Bach und Ginastera bis zu Carlos Gardels berühmtem Volver spannt sich der Bogen.

Piazzolla, Cover

„Piaz­zolla Stories“, Luci­enne Renaudin Vary, Orchestre Phil­har­mo­nique de Monte Carlo, (Warner)
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Als Piaz­zolla am 4. Juli 1992 in Buenos Aires starb, hinter­ließ er ein gewal­tiges Werk. Zusam­men­ge­fasst in Zyklen und Serien, enthielt es konzer­tante Kompo­si­tionen, die Tango-Operíta Maria de Buenos Aires und Film­musik. „Complete Tango!” lautet der Ausruf, mit dem das Ensemble sich über drei Jahr­zehnten der Tango-Leiden­schaft hingibt. Die Drei-CDs-Box vereint die Erfolge.

Isabelle van Keulen, Cover

Ástor Piaz­zolla: „Complete Tango!”, Isabelle van Keulen Ensemble (Chal­lenge Clas­sics)
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Die Brüder Claudio und Oscar Bohór­quez spielen mit Gustavo Beytel­mann die Schau­spiel­musik La Muerte del Angel (Der Tod des Engels) von Astor Piaz­zolla aus dem Jahr 1962.

Die Musik­erbrüder Bohór­quez, der Cellist Claudio und der Geiger Oscar, haben für ihr Album einen musi­ka­li­schen Zeit­zeugen einge­laden: den Pianisten und Kompo­nisten Gustavo Beytel­mann, der Piaz­zolla 1977 auf seiner Euro­pa­tournee beglei­tete. Mit ihm bringen sie Piaz­zolla zum 100. Geburtstag eine wunder­bare Hommage dar.

Patagonia Express Trio, Cover

Pata­gonia Express Trio: „Piaz­zolla. Ruta 100” (Berlin Clas­sics)
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