Thomas Hampson

Eine Insel in der Zeit

von Ruth Renée Reif

14. Dezember 2021

Thomas Hampson bringt mit seinem hell timbrierten, farbenreich schillernden lyrischen Bariton den Liedgesang zu höchster Vollendung.

CRESCENDO: Mister Hampson, das Lied erfreut sich größter Beliebt­heit. Während noch zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts Lieder­abende kaum ein Publikum fanden, gibt es mitt­ler­weile Lied­pro­jekte aller Art. Wie ist dieser Wandel zu erklären?

: Ich habe darauf keine goldene Antwort. Für mich sind Lieder ein Tage­buch des Daseins. Sie beinhalten die zeit­losen Eigen­schaften des Menschen. Das Gedicht steht für die Erfah­rungen, denen das Leben einen aussetzt, und die Musik für das Gefühl in dem Geschehen. Fügen sich diese beiden einzig­ar­tigen Kunst­formen zusammen, bilden sie eine leben­dige geis­tige und emotio­nale Ausein­an­der­set­zung. Wenn jemand offen und inter­es­siert ist, sich auf dieses Aben­teuer einzu­lassen, kann daraus ein faszi­nie­rendes, oft unter­halt­sames, aber vor allem Perspek­tiven öffnendes Erlebnis werden. Wir müssen uns mit unserem Dasein befassen und uns fragen, warum wir über­haupt da sind. Das Große Buch, das diese Fragen behan­delt, ist das der Lieder. In ihm liegen die Baupläne des Menschen.

Eine histo­ri­sche Aufnahme kurz vor dem Tod Leonard Bern­steins: Thomas Hampson, singt den Zyklus Kinder­to­ten­lieder von Fried­rich Rückert und mit am Pult der .

Sie gaben Mitte der 1980-Jahre in London Ihr Debüt als Lied­sänger. In der Folge holte Leonard Bern­stein Sie für die Aufnahme von Gustav Mahlers Liedern. „Alchi­mis­tisch“ nennen Sie Ihre Hinwen­dung zu Mahler und seinen Liedern…

Alchimie bedeutet, dass es eine Grund­sub­stanz gibt, die sich mit anderen Substanzen bindet und etwas Neues entstehen lässt. Gustav Mahler weckte in mir das Inter­esse für Germa­nistik, Geschichte, Theo­logie und Philo­so­phie. Er öffnete mir eine andere Sicht auf die Welt und ihre Zusam­men­hänge. Manchmal wird er als Anhänger Nietz­sches oder Scho­pen­hauers, als Mystiker oder Jude mit christ­li­chen Wurzeln bezeichnet. Nach jahre­langer Beschäf­ti­gung mit ihm ist er für mich einfach Mahler. Er stellte seine eigenen geis­tigen Zusam­men­hänge her, und die erachte ich als überaus bedeutsam.

Der Bariton Thomas Hampson
(Foto: © Marshall Light Studio)

Thomas Hampson: »Die Künste sind das Tage­buch des Daseins.«

„Welt­poesie ist Welt­ver­söh­nung“, erklärte Fried­rich Rückert. Mit Ihrer 2003 ins Leben geru­fenen Hamp­song Foun­da­tion setzen Sie sich durch das Medium Lied­kunst für einen inter­kul­tu­rellen Dialog und Völker­ver­stän­di­gung ein. Wie sieht das in der prak­ti­schen Umset­zung aus?

Lieder öffnen Verbin­dungen zu verschie­denen Spra­chen, Kulturen und Epochen. Diese aufzu­zeigen, ist die Aufgabe meiner Stif­tung. 2013 befand sich das Internet noch in den Anfängen. Es war nicht alles so zugäng­lich wie heute. Mit der Stif­tung wollte ich eine Platt­form schaffen, auf der Lied-Begeis­terte Bedeu­tungen entschlüs­seln und Zusam­men­hänge ergründen können. Zunächst hatte ich mit dem Projekt Song of America das ameri­ka­ni­sche Lied vor Augen. Dann sagte ich mir, dass wir das auch mit Europa versu­chen können. Tatsäch­lich lässt sich anhand der Lieder zeigen, wie sich von 1815 bis zur Gegen­wart allmäh­lich ein Bewusst­sein für dieses werdende Europa entwi­ckelt. Die Lieder offen­baren, wie Menschen einander sehen, ob sie einander als Feinde betrachten oder sich freund­schaft­lich verbunden fühlen. Solche aus Liedern gewon­nenen Erkennt­nisse sind sehr anre­gend. Sie können eine Ergän­zung zu Fächern wie Wirt­schaft, Poli­to­logie, Sozio­logie und Geschichte bilden. Wenn man sich mit der Zeit des Reichs­kanz­lers Otto von Bismarck befasst und darauf hört, was die Menschen damals als Gedicht und Musik bewahrten, erhält man einen tiefen Einblick in das Lebens­ge­fühl der Menschen damals, ihre Denk­hal­tungen, ihren geis­tigen Hori­zont und ihren Gefühls­zu­stand. Die Künste sind das Tage­buch des Daseins.

Thomas Hampson: »Das Weiter­tragen der Lieder von Genera­tion zu Genera­tion zeigt, dass man das Leben als eine Vorwärts­be­we­gung betrachtet.«

Johann Gott­fried Herder sammelte im 18. Jahr­hun­dert Volks­lieder. war im 20. Jahr­hun­dert unter­wegs in , und bis nach Ägypten. Wo wäre es heute noch lohnens­wert, Lieder zu sammeln?

Herder verstand unter Volks­lied nicht eine bestimmte Gattung. In seiner Samm­lung befinden sich Volks­poesie ebenso wie Lieder, die von Dich­tern stammen. Was er suchte, war der wahre Ausdruck der Seele. So sammelte er Lieder, die sich über die Genera­tionen hinweg im allge­meinen Bewusst­sein hielten, die Mütter von ihren Müttern gehört hatten und wiederum ihren Kindern vorsangen. Achim von Arnim und Clemens Bren­tano wurden von ihm zu ihrer Samm­lung Des Knaben Wunder­horn ange­regt, deren ersten Band sie Goethe widmeten. Auch Bartók und disku­tierten die Gattung Volks­lieder, ebenso Cecil James Sharp, der im südli­chen und südlich der Appa­la­chen in den sammelte sowie die Sammler John Avery Lomax und sein Sohn Alan Lomax, die im Süden der USA unter­wegs waren. Das Weiter­tragen der Lieder von Genera­tion zu Genera­tion zeigt, dass man das Leben als eine Vorwärts­be­we­gung betrachtet. In dem Sinne könnte man heute im Rap Aussagen finden, die rele­vant sind für unsere Gegen­wart und auf die wir hören sollten.

Thomas Hampson in seiner Meisterklasse
Thomas Hampson gibt eine Meis­ter­klasse beim 2019

Wenn wir jetzt von den Liedern der Welt spre­chen, muss man leider fest­stellen, dass das Reper­toire, das man hier­zu­lande in Lieder­abenden geboten bekommt, keines­wegs die Welt abbildet…

Natür­lich dürfen wir nicht immer dieselben Schu­bert-Lieder singen. Wir müssen tun, was wir können, um das Reper­toire zu erwei­tern. Während der 2021 führten wir in Part­ner­schaft mit der Heidel­berger Lied Akademie im Saal in 12 Konzerten und sieben Tagen Meis­ter­klasse 160 einzelne Lieder von Schu­bert auf. Zehn dieser 12 Konzerte wurden von Künst­lern gesungen, die unter 30 Jahre alt waren. Darauf bin ich sehr stolz. Denn darin liegt für mich die Zukunft des Liedes. Diese jungen Künstler suchten selbst nach unbe­kannten oder verges­senen Liedern.

Thomas Hampson: »Die Menschen brau­chen Geschichten, die sie einladen, sich auf ihr Mensch­sein zu besinnen. Dazu kenne ich keinen besseren Weg, als Lieder zu singen.«

Der 2019 verstor­bene Kompo­nist , der mit Schu­berts Winter­reise „eine kompo­si­to­ri­sche Inter­pre­ta­tion“ des Zyklus schuf, beschrieb Lieder­abende ironisch mit den Worten: „Zwei Herren im Frack, Steinway, ein meist großer Saal“…

Der Frack als Konzert­ge­wand stammt aus dem 19. Jahr­hun­dert. Zur Zeit von und kurz danach wurde er zum Musik­ge­wand. Das ist eine alte Form, die nicht unbe­dingt sein muss. Ich glaube aber auch nicht, dass alle in Jeans und Sport­schuhen auftreten sollten. Im Gegen­teil, ein Konzert ist für mich ein beson­deres Erlebnis mit einzig­ar­tiger Atmo­sphäre. Worum es gehen muss, ist die Botschaft, die in der Dich­tung und in der Musik liegt. Die Menschen brau­chen Geschichten, die sie einladen, sich auf ihr Mensch­sein zu besinnen. Dazu kenne ich keinen besseren Weg, als Lieder zu singen.

Thomas Hampson: »Selbst in einem 250 Jahre alten Lied ist alles von unserem heutigen Mensch­sein zu entde­cken.«

Im Gesprächs­band mit Clemens Prokop äußern Sie den Wunsch, das Staunen weiter­zu­geben und eine neue Genera­tion anzu­stiften, „ihre eigene Neugier zu finden“. Gleich­zeitig geben Sie mit Ihren Meis­ter­kursen die Tradi­tion weiter. Wo verläuft für Sie der Grat zwischen Neuem und Tradi­tion?

Die Tradi­tion ist mit dem Staunen verbunden. Nur weil etwas 250 Jahre alt ist, bedeutet das nicht, dass wir nicht darüber staunen können. Es handelt sich um die zeit­losen Aussagen von Lyrik und Musik. Selbst in einem 250 Jahre alten Lied ist alles von unserem heutigen Mensch­sein zu entde­cken. Wir sollten nie die Fähig­keit verlieren, neugierig zu sein und etwas zu bestaunen und zu bewun­dern. Woran ich aller­dings fest­halte, das ist die klas­si­sche Gesangs­technik. Den Umgang mit dem Stimm­ap­parat und der Atmung muss man lernen, wie man lernt, ein Instru­ment zum Klingen zu bringen. Und es begeis­tert mich, jungen Künst­lern diese Technik beizu­bringen. Damit ebne ich ihnen den Weg zum eigenen Ausdruck. Jede Genera­tion muss die nächste inspi­rieren.

Thomas Hampson: »Ich möchte das Lied, das ich singe, so gründ­lich wie möglich verstehen und seine Wahr­heit im Sinne des Text­dich­ters und Kompo­nisten erkennen.«

Jens Malte Fischer zitierte 2020 in seiner Laudatio anläss­lich des an Sie verlie­henen Musik­preises Heidel­berger Früh­ling das holo­gra­fi­sche Dreieck, mit dem Sie die Philo­so­phie Ihrer Meis­ter­kurse ins Bild fassen. Als zweite Spitze des Drei­ecks benennen Sie den Kontext. Inwie­fern nimmt ein solches Wissen Einfluss auf Ihre Inter­pre­ta­tion?

Der Kenntnis dieser Zusam­men­hänge kommt eine große Bedeu­tung für die Inter­pre­ta­tion zu, wobei mir der Begriff „Inter­pre­ta­tion“ proble­ma­tisch erscheint. Lieber spreche ich von Entzif­fe­rung. Ich möchte das Lied, das ich singe, so gründ­lich wie möglich verstehen und seine Wahr­heit im Sinne des Text­dich­ters und Kompo­nisten erkennen. Goethe ist nicht Heine, und Heine ist nicht Rückert. Dichter werden von unter­schied­li­chen Lebens­vor­stel­lungen geleitet. Man kann die Lieder von nicht verstehen, ohne seine Beses­sen­heit von der Sprache zu kennen und etwas über seine Zeit zu wissen. Eine Hampson-Fassung wird es, weil ich meinen Körper, meine Stimme und mein Können zur Verfü­gung stelle, um diese gewal­tigen mensch­li­chen Erfah­rungen auf der Bühne erlebbar werden zu lassen.

Thomas Hampson singt mit am Klavier Franz Schu­berts Der Linden­baum aus dem Zyklus Winter­reise.

Von wurde lange Zeit das Bild des unglück­lich in Frauen verliebten Kompo­nisten hoch­ge­halten, bis Maynard Solomon als einer der ersten belegen konnte, dass Schu­bert homo­se­xuell war und in einer subkul­tu­rellen homo­se­xu­ellen Gemein­schaft ange­hörte. Welchen Unter­schied macht es für eine „Entzif­fe­rung“ seiner Lieder dieses Wissen zu besitzen?

Meine Antwort ist ebenso kühn wie Ihre Frage: Es bedeutet gar nichts. Wenn Schu­bert ein Gedicht über Sehn­sucht vertont, hat das mit Liebe zu tun und nicht mit dem Geschlecht. Lippen sind Lippen, und Herzen sind Herzen. Gefühle sind viel stärker als das Geschlecht. Schu­bert hatte ein kompli­ziertes, uner­fülltes Leben, und er sehnte sich nach Liebe. Aber er hinter­ließ eine so enorme Viel­falt an Betrach­tungen mensch­li­cher Tugenden und Eigen­schaften dass wir alle darin Inspi­ra­tion finden können. Diese jungen Männer damals hatten viele Geheim­nisse. Wir können uns heute kaum vorstellen, was von Staats­kanzler Metter­nich alles als libe­rales Denken geahndet wurde.

Sie warfen die Frage auf, ob Schu­bert, Schu­mann und Wolf durch ihre syphi­li­ti­sche Erkran­kung eine erhöhte Sensi­bi­lität für „die lyri­sche Form“ hätten…

Diese Frage faszi­niert mich. Der Gesund­heits­zu­stand von intel­lek­tu­ellen Künst­lern spielt eine Rolle in der Krea­ti­vität. Künstler, die die Krank­heit in sich trugen, lebten auf der Spitze ihrer Empfind­sam­keit.

Thomas Hampson: »Ich bin ein Sammler von Aufnahmen. Wenn ich mich mit einem Lied befasse, möchte ich immer wissen, wer es schon gesungen hat.«

Ein wich­tiger Inter­pret Schu­berts zu dessen Lebzeiten war der Hofopern­sänger Johann Michael Vogl. Er leitete die Tradi­tion der Bariton-Lied­sänger ein, die bis in die Gegen­wart führt. Haben Sie Vorbilder in dieser Tradi­tion?

Jeder, der vor mir kam, ist ein Vorbild für mich. Manche haben mich über­wäl­tigt wie Lotte Lehmann zum Beispiel. Ich bin ein Sammler von Aufnahmen. Wenn ich mich mit einem Lied befasse, möchte ich immer wissen, wer es schon gesungen hat. Es ist aufre­gend zu hören, wie die Sänger der Vergan­gen­heit klangen. Ich habe viel gelernt von Sängern, die längst tot sind. Auch meine jüngeren Kollegen fordere ich auf, sich Aufnahmen der Vergan­gen­heit wie der Gegen­wart anzu­hören. Sich nur auf einen Sänger zu fixieren, kann gefähr­lich sein. Aber zu sagen, ein junger Sänger sollte sich nichts anhören, weil er sonst imitiere, erachte ich als sinn­widrig. Das Gegen­teil ist der Fall. Ein junger Musiker kann gar nicht genug Musik hören.

Thomas Hampson: »Im Heidel­berger Lied­zen­trum sollen junge Künstler einen Ort finden, an dem sie sich auspro­bieren und ihren Weg finden können.«

2011 wurde in die Liedaka­demie gegründet. Fünf Jahre später folgte das Inter­na­tio­nale Lied­zen­trum. Sie sind als Künst­le­ri­scher Leiter beiden Insti­tu­tionen eng verbunden. Wie sehen Ihre Pläne aus?

Die Liedaka­demie bildet die zentrale Säule des Lied­zen­trums. Mein Wunsch ist es, das Zentrum als Ort inten­siven Austauschs zu einem Campus zu entwi­ckeln. Junge Sänger sollen sich hier für ihren Sprung auf die Bühne vorbe­reiten können. Dazu gehören die Pflege des Stamm­re­per­toires sowie die des Rand­re­per­toires, das von dem Stamm inspi­riert wird. Darüber hinaus ist aber das Lied­zen­trum auch ein Veran­stal­tungsort. Sänger müssen sich vor Publikum beweisen, um sich zu entwi­ckeln und weiter­zu­kommen. Im Laufe der Zeit haben wir eine ziem­lich große Zahl an jungen Sängern ins Konzert­leben entlassen. Einige sind bereits erfolg­reich unter­wegs in ihrer eigenen Karriere. Andere brau­chen noch etwas Beglei­tung. Im Lied­zen­trum sollen sie einen Ort finden, an dem sie sich auspro­bieren und ihren Weg finden können.

Thomas Hampson: »Wir sind alle leiden­schaft­lich davon über­zeugt, dass, was wir singen, wich­tiger ist, als wir selbst.«

sah in Anleh­nung an Furtwängler den Sinn eines Lieder­abends im Herstellen einer „Liebes­ge­mein­schaft zwischen Vortra­gendem und Zuhö­renden“…

Was für ein schönes Bild! Ja, ein erfolg­rei­cher Lied­sänger besitzt diese Liebe zu den Menschen. Wir sind alle leiden­schaft­lich davon über­zeugt, dass, was wir singen, wich­tiger ist, als wir selbst. Unsere Aufgabe ist es, den Saal zum Klingen zu bringen. Ein gemein­sames musi­ka­li­sches Erlebnis unter­stützt nur das Phänomen, dass jeder Zuhörer im Saal seine eigene Ausein­an­der­set­zung erlebt. schrieb in seinem Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst vom Tempel der Kunst. Ich empfinde einen Lieder­abend als eine Insel in der Zeit. Die Zeit bleibt stehen und ermög­licht eine Refle­xion des eigenen Ichs außer­halb des Alltags. Inso­fern schafft ein solcher Abend eine Liebes­ge­mein­schaft.

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Auftrittstermine und weitere Informationen zu Thomas Hampson unter: thomashampson.com

Mehr Lied Akademie des Heidelberger Frühling finden Sie unter: www.heidelberger-fruehling.de

Mehr zur Geschichte des Liedes finden Sie unter: CRESCENDO.DE

Fotos: Jiyang Chen