Der Pia­nist Boris Gilt­burg stellt chro­no­lo­gisch alle Beet­ho­ven-Sona­ten ins Inter­net. Im CRE­SCEN­DO-Gespräch erzählt er vom Klang im Raum, Fazio­li-Flü­gel und die Lust an allem Rus­si­schen.

CRESCENDO: Herr Gilt­burg, was heißt es, im Gegen­satz zu Gei­gern oder Kla­ri­net­tis­ten jeden Abend auf einem ande­ren Flü­gel spie­len zu müs­sen? Wie lan­ge braucht man, sich auf die Eigen­hei­ten eines Instru­ments und der Saa­lakus­tik ein­zu­stel­len?
Boris Gilt­burg: Das ist sel­ten ein wirk­li­ches Pro­blem, aber immer eine Her­aus­for­de­rung. Auf einem guten Instru­ment braucht  man sehr wenig Zeit, auf einem weni­ger guten umso mehr. Ges­tern in der Stadt­hal­le Göp­pin­gen war es span­nend. Ich konn­te drei Stun­den üben, kam aber mit dem Instru­ment, einem vor 15 Jah­ren gebau­ten Stein­way D, nicht rest­los zurecht. Im Kon­zert ver­än­der­te sich die­ses Emp­fin­den total. Beson­ders in der zwei­ten Hälf­te, bei den Rach­ma­ni­now-Pré­ludes war alles per­fekt.

»Ein gutes Instrument kann den Pianisten in ganz andere Richtungen führen als vorgesehen.«

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Wie man war­ten muss, bis sich die Augen an einen dunk­len Raum gewöhnt haben, so ist es mit den Ohren auch. Man darf nichts for­cie­ren und muss dem Gehör Zeit geben zu erfas­sen, wie sich der Klang in einem Raum aus­brei­tet. Dann kön­nen Sie alles machen, was das Instru­ment und der Raum erlau­ben! Ein gutes Instru­ment kann den Pia­nis­ten in ganz ande­re Rich­tun­gen füh­ren als vor­ge­se­hen. Ges­tern geschah das nach der Pau­se. Der Ton besaß nach dem Anschlag noch lan­ge „Kör­per“, und so blieb der Klang qua­si ste­hen oder bes­ser: Er schweb­te!

CRESCENDO: Sie haben Ihre letz­ten Alben auf einem Fazio­li ein­ge­spielt. Was ist für Sie der Vor­zug gegen­über Bösen­dor­fer oder Stein­way, ja auch Yama­ha?
Boris Gilt­burg: Für die täg­li­che Arbeit ist ein Yama­ha ide­al: hand­werk­lich aus­ge­reift, man kann sich auf die­se Instru­men­te ver­las­sen. Fazio­lis begeg­net man in Eng­land, Ita­li­en oder Japan häu­fi­ger, aber in Deutsch­land habe ich noch nie auf einem Fazio­li gespielt. Was das Mecha­ni­sche angeht, sind Fazio­lis heu­te die bes­ten Kla­vier­in­stru­men­te! Viel bes­ser als Stein­way, Yama­ha oder Bösen­dor­fer. Die Tas­ten haben eine gro­ße Leich­tig­keit und keh­ren schnell zurück nach dem Anschlag, sind aber auch nicht zu leicht­gän­gig. Ein gut regu­lier­ter Fazio­li spielt sich fast von selbst, und man kann mit nur hal­ber Kraft eine gro­ße Klan­gent­fal­tung erzie­len.

»Bei einem Top-Fazioli ist die Klarheit phänomenal und verbindet sich mit einem schönen, singenden Ton.«

Neu­lich im Con­cert­ge­bouw in Ams­ter­dam hat­te ich ein so gutes Instru­ment, dass ich so lei­se spie­len konn­te wie bei mir zu Hau­se, und doch war der Klang groß genug für den gan­zen Saal. Und wenn mehr nötig wur­de, konn­te man eine fast erschre­cken­de Laut­stär­ke erzie­len. Bei einem Top-Fazio­li ist die Klar­heit phä­no­me­nal und ver­bin­det sich mit einem schö­nen, lan­gen, „sin­gen­den“ Ton.

CRESCENDO: Wie oft wird Ihnen von einem Ver­an­stal­ter ein Fazio­li ange­bo­ten?
Boris Gilt­burg: In Eng­land hat die Fir­ma Daniil Trifo­nov, Lou­is Lor­tie, Ange­la Hewitt und mir ange­bo­ten, ein Instru­ment aus­zu­su­chen, das wir dann für Kon­zer­te in Groß­bri­tan­ni­en zur Ver­fü­gung gestellt bekom­men. Da könn­ten wird dann immer auf „unse­rem“ Flü­gel spie­len. Auf ihm habe ich die Schosta­ko­witsch-Kon­zer­te, zwei­tes und drit­tes Rach­ma­ni­now-Kon­zert auf­ge­nom­men – und jetzt fol­gen mit ihm alle Beet­ho­ven-Kon­zer­te.

»Emil Gilels ist mein großer musikalischer Held.«

 

CRESCENDO: Sie haben 75 Jah­re nach Emil Gil­els den Con­cours Rei­ne Eli­sa­beth gewon­nen. Wie erlebt man einen so anspruchs­vol­len Wett­be­werb?
Boris Gilt­burg: Emil Gil­els, mein gro­ßer musi­ka­li­scher Held, war einer der Grün­de, war­um ich über­haupt teil­ge­nom­men habe, und die­ser Monat war enorm anstren­gend.

CRESCENDO: Ein gan­zer Monat?
Boris Gilt­burg: Ja, der Wett­be­werb erstreckt sich über drei Run­den in vier Wochen. Es beginnt mit nur 20 Minu­ten Reci­tal mit Bach, einem Satz aus einer klas­si­schen Sona­te, dazu vier Etü­den; dann folgt die Hälf­te eines 90-minü­ti­gen Reci­tals plus ein Mozart-Kla­vier­kon­zert und end­lich die letz­te Run­de. Da gibt es die Tra­di­ti­on, dass alle Fina­lis­ten in einem Haus unter­ge­bracht sind, in dem jeder ein Zim­mer mit Flü­gel hat. Eine Woche hat­ten wir Zeit, das zeit­ge­nös­si­sche Kla­vier­kon­zert, das für den Wett­be­werb kom­po­niert wur­de, ein­zu­stu­die­ren und an sei­nen bei­den ande­ren Stü­cken zu fei­len. Das Schö­ne war, dass wir Pia­nis­ten uns gut ver­stan­den, ja, es sind sogar Freund­schaf­ten ent­stan­den. Wir arbei­te­ten oft bis tief in die Nacht hin­ein zusam­men an dem neu­en Werk und aßen auch immer zusam­men.

»Auf www.beethoven32.com stelle ich alle Beethoven-Sonaten vor und lasse auch am Entstehungsprozess und den Schwierigkeiten teilhaben.«

CRESCENDO: Auf Ihrer Web­site kann man 18 Vide­os ankli­cken, die Sie „Five Minu­tes Libra­ry“ nen­nen. Dar­in erklä­ren und spie­len Sie pro­mi­nen­te Kla­vier­stü­cke. Sie spa­zie­ren viel im Grü­nen, aber ein­mal ist auch das Meer zu sehen. Wo war das?
Boris Gilt­burg: Das ist der Aus­blick aus der Vil­la des Direk­tors des Loui­sia­na Muse­ums für Moder­ne Kunst im däni­schen Hum­le­bæk, wo wir vie­les auf­neh­men durf­ten.

CRESCENDO: Die­ses Jahr pau­siert das Pro­jekt wie auch Ihr Foto-Blog www.bgiltphotos.wordpress.com, war­um?
Boris Gilt­burg: Ein ande­res Pro­jekt wird jen­seits der Kon­zer­te mei­ne gan­ze Auf­merk­sam­keit bean­spru­chen. Ich übe, spie­le und stel­le alle Beet­ho­ven-Sona­ten chro­no­lo­gisch vor, las­se auf www.beethoven32.com wie in einem Tage­buch, aber auch am Ent­ste­hungs­pro­zess, an den Schwie­rig­kei­ten und Her­aus­for­de­run­gen teil­ha­ben. Das Gan­ze beginnt am 1. Janu­ar 2020 und alle zehn oder 14 Tage spä­ter gibt es eine neue Sona­te.

»Ich liebe dieses ursprüngliche Rondo von Beethovens Zweitem Klavierkonzert

CRESCENDO: Inner­halb einer Gesamt­auf­nah­me aller Kla­vier­kon­zer­te mit Vasi­ly Petren­ko und dem Roy­al Liver­pool Phil­har­mo­nic Orches­tra haben Sie die ers­ten bei­den ver­öf­fent­licht, dazu das ursprüng­li­che Fina­le des Zwei­ten Kon­zerts. War­um hat Beet­ho­ven es neu kom­po­niert?
Boris Gilt­burg: Das ursprüng­li­che Fina­le ist eine Mozart-Hom­mage mit einem Andan­te-Mit­tel­teil wie im letz­ten Satz des KV 482, viel­leicht war das Beet­ho­ven spä­ter zu viel, oder er spür­te, dass nach dem ver­geis­tig­ten, medi­ta­ti­ven lang­sa­men Satz, wo am Ende die Zeit ste­hen bleibt, etwas kom­men muss, was uns wie­der auf die Erde holt – fre­cher, direk­ter, auch in sei­nem Humor, und nicht so viel mit der Form spielt. Aber ich lie­be die­ses ursprüng­li­che Ron­do.

CRESCENDO: Als gebür­ti­ger Rus­se pfle­gen Sie aus­gie­big das rus­si­sche Reper­toire. Sie haben die Kriegs­so­na­ten Pro­kof­jews, viel Rach­ma­ni­now und die Schosta­ko­witsch-Kon­zer­te auf­ge­nom­men.
Boris Gilt­burg: Ja, ich lese auch viel rus­si­sche Lite­ra­tur, denn Spra­che, Poe­sie und Musik sind sehr ver­wandt mit­ein­an­der, und ohne das alles könn­te ich mir mein Leben nicht vor­stel­len.

»Ich bin nach Musik von Schostakowitsch süchtig, nach dieser nackten Kraft.«

CRESCENDO: Sie haben das Drit­te und Ach­te der Schosta­ko­witsch-Streich­quar­tet­te für Kla­vier bear­bei­tet, kommt da noch etwas?
Boris Gilt­burg: Ja, gera­de arbei­te ich am Zwei­ten Quar­tett, einen Satz habe ich schon fer­tig. Ich bin nach Musik von Schosta­ko­witsch süch­tig, nach die­ser nack­ten Kraft, die­sem Grim­mi­gen. Selbst ein exzel­len­ter Pia­nist, hat er zwei Kon­zer­te, sehr eigen­stän­di­ge Kla­vier­parts für sei­ne Lie­der wie die Michel­an­ge­lo-Sonet­te und groß­ar­ti­ge Kam­mer­mu­sik mit Kla­vier kom­po­niert, die die­sel­be psy­cho­lo­gi­sche Tie­fe und emo­tio­na­le Kraft besit­zen wie die Sin­fo­ni­en und Streich­quar­tet­te. Aber an Solo-Kla­vier­wer­ken gibt es nichts ähn­lich Bedeu­ten­des, des­halb mache ich die­se Tran­skrip­tio­nen. Ich lie­be aber auch Pro­kof­jew, er besitzt die­se unglaub­li­che Fan­ta­sie und einen geist­sprü­hen­den Humor. Bei Schosta­ko­witsch – und auch Mus­sorgs­ky – äußern sich Gefüh­le dage­gen oft sehr schmerz­haft.

Boris Gilt­burg Beet­ho­ven-Sona­ten

CRESCENDO: Ein Name fehlt noch: Tschai­kow­sky!
Boris Gilt­burg: Oh ja, ich habe alle drei Kla­vier­kon­zer­te sehr gern gespielt, bei ihm lie­be ich das, was man „Rein­heit der See­le“ nen­nen könn­te und eine gewis­se – ich möch­te es fast „Unschuld“ nen­nen; den­ken Sie nur an die­se scheue und doch so inten­si­ve Lie­be Tat­ja­nas in Eugen One­gin. Aber ich will mich nicht ent­schei­den müs­sen zwi­schen ihm, Rach­ma­ni­now, Mus­sorgs­ky, Pro­kof­jew, Schosta­ko­witsch oder Niko­lai Medt­ner – ich lie­be und ver­eh­re sie alle!

Lud­wig van Beet­ho­ven: „Kla­vier­kon­zer­te Nr. 1 und Nr. 2, Ron­do, WoO 6“, Boris Gilt­burg, Roy­al Liver­pool Phil­har­mo­nic Orches­tra, Vasi­ly Petren­ko (Naxos)

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Über Boris Gilt­burg und sei­ne Ein­spie­lung von Rach­ma­ni­n­ovs „Zwei­tem Kla­ver­kon­zert“: crescendo.de

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