Ich schrieb ein Quar­tett, das für nie­man­den einen Nut­zen hat und ein ide­el­ler Fehl­schlag ist“, teil­te Dmi­tri Schosta­ko­witsch 1960 aus Goh­risch sei­nem Kom­po­nis­ten­freund Isaak Glik­man mit. Die­ses Ach­te Quar­tett, dem Schosta­ko­witsch sich in dem idyl­li­schen Kur­ort zuwand­te, ist sein per­sön­lichs­tes Werk und das ein­zi­ge, das er außer­halb der Sowjet­uni­on kom­po­nier­te. Die unver­mu­te­te Ruhe des land­schaft­li­chen Para­die­ses der Säch­si­schen Schweiz, in der er „schöp­fe­ri­sche Arbeits­be­din­gun­gen“ fand, reg­te ihn an, den Blick zurück auf sein Leben zu rich­ten und die Schre­cken der Sta­lin­zeit kom­po­si­to­risch auf­zu­ar­bei­ten. Begin­nend mit sei­nem musi­ka­li­schen Mono­gramm D-Es-C-H, schuf er ein Werk vol­ler bio­gra­fi­scher Bezü­ge und Zita­te, und ver­fass­te damit ein musi­ka­li­sches Epi­taph auf sich selbst. „Dem Kom­po­nis­ten die­ses Werks zum Gedächt­nis, so könn­te man auf das Deck­blatt schrei­ben“, schlug er denn auch vor. 

50 Jah­re spä­ter kam das Werk ein­zig­ar­ti­ger Aus­drucks­kraft bei den ers­ten Schosta­ko­witsch Tagen genau an jenem Ort zur Auf­füh­rung, an dem es ent­stand. Zehn Jah­re spä­ter erklingt es erneut, wenn das Fes­ti­val sein Jubi­lä­um fei­ert. Das Qua­tu­or Danel, in des­sen Reper­toire rus­si­sche Kom­po­nis­ten einen her­aus­ra­gen­den Platz ein­neh­men, spielt es im Eröff­nungs­kon­zert mit Wer­ken der bei­den ande­ren gro­ßen rus­si­schen Kom­po­nis­ten des 20. Jahr­hun­derts Igor Stra­win­sky, den Schosta­ko­witsch hym­nisch lob­te, und Ser­gei Pro­kof­jew, den er mit kri­ti­scher Iro­nie betrach­te­te. 2010 rie­fen der dama­li­ge Dra­ma­turg der Säch­si­schen Staats­ka­pel­le Dres­den, Tobi­as Nie­der­schlag, und begeis­ter­te Mit­strei­ter aus Goh­risch und Dres­den in einem land­wirt­schaft­li­chen Ber­ge­raum, vor des­sen Toren auf­ge­schich­te­te Heu­bal­len ein Frei­luft-Ves­ti­bül bil­de­ten, das Fes­ti­val ins Leben. Und schon nach der ers­ten Aus­ga­be, bei der Schosta­ko­witschs Freund, Bio­graf und Kom­po­nis­ten­kol­le­ge Krzy­sztof Mey­er einen bewe­gen­den Vor­trag hielt, stand der Ent­schluss fest, dass es wei­ter­ge­hen müs­se. Schosta­ko­witsch ver­kör­pert das Gewis­sen der Genera­ti­on, die in der Höl­le des Sta­li­nis­mus leb­te. In Zei­ten, in denen die Men­schen­wür­de mit Füßen getre­ten wur­de und die Kriegs­tra­gö­die Russ­land über­flu­te­te, stell­ten sei­ne Wer­ke ein Sym­bol der Wahr­heit dar. Das Dra­ma des schöp­fe­ri­schen Genies im Zeit­al­ter des Tota­li­ta­ris­mus nicht in Ver­ges­sen­heit gera­ten zu las­sen und die gran­dio­se Musik, die dar­in wur­zelt, zu fei­ern, ist das Ver­dienst die­ses in Deutsch­land ein­ma­li­gen Fes­ti­vals.

Das Groß­ar­ti­ge ist“, erklärt Nie­der­schlag, „dass die Musik von Schosta­ko­witsch für uns ein Kom­pass gewor­den ist, um auch ande­re Wer­ke und Kom­po­nis­ten des 20. und 21. Jahr­hun­derts zu ord­nen und zu hören.“ So gelan­gen in einem Kam­mer­kon­zert zwei kürz­lich auf­ge­tauch­te Lie­der ohne Wor­te für Vio­li­ne und Kla­vier des pol­ni­schen Schosta­ko­witsch-Freun­des Mie­c­zysław Wein­berg zur Urauf­füh­rung, des­sen durch die jüdi­sche Folk­lo­re inspi­rier­te Musik erst seit weni­gen Jah­ren ent­deckt wird. Und in der Kam­mer­ma­ti­nee gibt es das „Grand Duet“ für Cel­lo und Kla­vier von Gali­na Ust­wol­ska­ja, der Schü­le­rin und rät­sel­haf­ten Gelieb­ten Schosta­ko­witschs. Welt­wei­te Aner­ken­nung pro­phe­zei­te er ihrer Musik, die sie aller­dings erst nach dem Tod ihrer Schöp­fe­rin fand. Auch an die Kin­der ist gedacht. Die Schau­spie­le­rin Isa­bel Kara­jan erar­bei­tet mit der aus Mit­glie­dern der Säch­si­schen Staats­ka­pel­le Dres­den bestehen­den Kapel­le 21 und dem Raschèr Saxo­pho­ne Quar­tet, das in die­sem Jahr sein 50. Jubi­lä­um fei­ert, einen Auf­füh­rungs­abend mit Pro­kof­jews Sin­fo­ni­schem Mär­chen „Peter und der Wolf“. Der Inter­na­tio­na­le Schosta­ko­witsch Preis Goh­risch geht im Jubi­lä­ums­jahr an den let­ti­schen Diri­gen­ten Andris Nel­sons, der ein ambi­tio­nier­tes Ein­spie­lungs­pro­jekt aller 15 Schosta­ko­witsch-Sin­fo­ni­en in Angriff genom­men hat.

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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