Helmut Lachenmann begeht am 27. November 2020 seinen 85. Geburtstag. Das Ensemble für Neue Musik der Hochschule für Musik Carl Mara von Weber in Dresden und Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste feiern das Ereignis mit einem Online-Konzert. 

Helmut Lachenmann fragt nach den kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen des Komponierens. Er ergründet die musikalischen Erfahrungen und die soziale Verflochtenheit der künstlerischen Selbstverwirklichung. Komponieren versteht er als kommunikatives Handeln, an dem das Hören aktiv beteiligt ist. 

Das Musikmobiliar

Es geht darum, den Verlockungen der Massengesellschaft zu widerstehen und kompositorische Mittel zu entwickeln, die an der Veränderung der Wahrnehmung mitwirken. Vor diesem Hintergrund setzt Lachenmann sich mit dem musikalischen Material auseinander, jenem „Vorrat an Möglichkeiten auf den der Komponist verwiesen ist“. Als „ästhetischen Apparat“ bezeichnet er dieses „Musikmobiliar“, dessen Eigenschaften er abtastet und kartiert, um sie schließlich zu brechen.

Das Ensemble für Neue Musik der Hochschule für Musik Carl Mara von Weber in Dresden
Bildet sich jedes Semester neu: das Ensemble für Neue Musik der Hochschule für Musik Carl Mara von Weber in Dresden

Das Konzert aus Anlass von Lachenmanns 85. Geburtstag hatte Hellerau ursprünglich im Rahmen der Reihe „4:3 – Kammer Musik Neu Light“ geplant. Aufgrund der Pandemie ist es nun als Stream auf der Website zu erleben. Lachenmann selbst wirkte an der Gestaltung mit. Er setzte seine traditionellen Besuche an der Hochschule in Dresden, die ihm 2010 die Ehrendoktorwürde verlieh, fort und beteiligte sich am Probenprozess mit den Studierenden. Auf dem Programm steht u.a. das Melodram „… Zwei Gefühle …“. Musik mit Leonardo.

Die Entdeckung einer Höhle

Lachenmann schuf das Werk 1919/1992 und griff auf einen Text Leonardo da Vincis zurück. Der Künstler berichtet darin von gefährlichen Erkundungen auf Vulkanen und der zufälligen Entdeckung einer Höhle. Er ist begierig, in die Höhle einzudringen. Aber die Furcht vor der Dunkelheit hält ihn zurück, bis das Verlangen übermächtig wird, „mit eigenen Augen zu sehen, was darin an Wunderbarem sein möchte“. Lachenmann fügt dieser Erzählung den Text aus Nietzsches Also sprach Zarathustra bei, den auch Gustav Mahler in seiner Dritten Sinfonie verwendete; „Oh Mensch! Gib acht!“

Der Komponist und Dirigent Nicolas Kuhn
Leitet das Geburtstagskonzert: der Komponist und Dirigent Nicolas Kuhn

Zwei Gefühle sind es, die das Werk veranschaulicht: Furcht und Verlangen. Musikalisch steht es im Zeichen Luigi Nonos, den Lachenmann 1957 bei den Darmstädter Ferienkursen kennenlernte und dessen Schüler er von 1958 bis 1960 in Venedig wurde. Im Gedenken an Nono beginnt er mit dem Modell der Allintervallreihe. Den Text, der an die Bedeutung von Höhlen im Mythos sowie an Platons Höhlengleichnis denken lässt, fügt er als ein Gemisch von Sprachsplittern ein, das es zu rekonstruieren gilt. Die Rolle des Sprechers übernimmt er selbst. Die Leitung des Konzertes liegt in den Händen des Komponisten und Dirigenten Nicolas Kuhn, der seit 2016 an der Hochschule unterrichtet.

Weitere Informationen zum Online-Geburtstagskonzert unter: www.hellerau.org.
Kompositionen zum Anhören von Helmut Lachenmann finden Sie in der NML.

Foto Titelbild: Emilio Pomàrico

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Dr. Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Dr. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.