Iannis Xenakis gehörte zu jenen Avantgarde-Komponisten des 20. Jahrhunderts, deren Arbeiten bis in die Gegenwart fortwirken. Sein Bestreben war es, eine universelle Endformel der Musik zu schaffen. Als absolute Musik sollte sie jegliche Bindung an das Sinnen- und Gefühlserlebnis lösen und den größtmöglichen Abstand zur Welt finden. Am 4. Februar 2021 jährt sich sein Todestag zum 20. Mal. 

Meine größte Errungenschaft wäre es, eine Musik zu komponieren, die jede Form des Ausdrucks in sich schließt“, erklärte Iannis Xenakis. Sein Ziel war es, sich von allen Bindungen und Voraussetzungen zu befreien, keine Wurzeln zu haben und eine vollkommen abstrakte Musik zu schaffen. Als Weg diente ihm die Naturwissenschaft. Er war überzeugt, „dass Universalität weder durch Religion, noch durch Gefühle oder Traditionen zu erlangen ist, sondern nur mit Hilfe der Wissenschaften“.

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Das Orchester der University of Victoria spielt im Farquhar Auditorium im kanadischen Victoria Iannis Xenakis’ Metastasis. Die Aufnahme stammt vom 28. Oktober 2011.

Für seine kompositorische Arbeit verwendete er mathematische Modelle wie die Mengenlehre oder die Wahrscheinlichkeitstheorie. Was ihn bewegte, war die Form an sich, die nicht über sich selbst hinausweist, intellektuell beherrschbar bleibt und jede Möglichkeit der Assoziation ausschaltet. Nicht ohne Einfluss auf diese formstrenge Kompositionstechnik war der französische Architekt Le Corbusier, dessen Assistent Xenakis wurde, nachdem er 1947 als politisch Verfolgter nach Paris gekommen war.

Le Corbusier und Iannis Xenakis
Der Architekt Le Corbusier und sein Assistent Iannis Xenakis im Jahr 1955

Xenakis selbst sah die Motive für seine Hinwendung zur Abstraktion im persönlichen Erleben verankert: „Ich glaube, durch meine Verwundung bin ich so geworden, wie ich bin.“ In den 1940er-Jahren hatte er sich in Griechenland den Widerstandsgruppen angeschlossen und war im Februar 1947 durch ein Panzergeschoss verletzt worden. Er verlor ein Auge und erlitt einen schweren Hörschaden. „All dies hat dazu geführt, dass ich nicht in der Wirklichkeit lebe“, bekannte er. „Es ist, als befände ich mich in einem Brunnenschacht. Meiner geschwächten Sinne wegen kann ich die mich umgebende Welt nicht unmittelbar erfassen. Ich glaube, aus diesem Grund hat sich mein Kopf mehr und mehr dem abstrakten Denken zugewandt.“

Iannis Xenakis und Olivier Messiaen
Zwei Unsterbliche: Iannis Xenakis und Olivier Messiaen im Gespräch mit dem Experimentalphysiker Louis Leprince-Ringuet bei einem Empfang der Akademie der Schönen Künste in Paris 1984

In Paris besuchte Xenakis von 1950 bis 1953 das Konservatorium, wo er bei Olivier Messiaen studierte. Dieser ermunterte ihn, seine wissenschaftlichen Kenntnisse in die Musik einzubinden. Das Orchesterwerk Metastasis, dessen Uraufführung durch das Südwestrundfunkorchester 1955 in Donaueschingen von Hans Rosbaud geleitet wurde, bildet den Ausgangspunkt für Xenakis’ Anwendung der Prinzipien der stochastischen Musik. Rosbaud hatte es für die Aufführung bearbeitet. 2008 stellte der Dirigent Arturo Tomayo mit dem Orchestra Sinfonica Nazionale della Rai in Turin die ursprüngliche Fassung von Xenakis mit je 12 Bratschen und Celli vor.

Expo58, entworfen von Iannis Xenakis
Der von Iannis Xenakis entworfene Philips-Pavillon für die Weltausstellung 1958 in Brüssel

Als Xenakis 1958 den Philips-Pavillon für die Weltausstellung in Brüssel entwarf, griff er auf die Berechnungsgrundlagen von Metastasis zurück. Mit den Prinzipien des Werks hatte er seinen individuellen und eigenständigen Weg gefunden. Zugleich hatte er die Fundamente für Formen von Kompositionen mit Klängen gelegt, wie sie ab den 1960er-Jahren Allgemeingut wurden.

Oresteia, Iannis Xenakis

Iannis Xenakis’ Bühnenmusik Oresteia in einer Aufnahme mit dem Bariton Spyros aus dem Jahr 2003
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Es folgten die elektronischen Experimente Diamorphoses Concert PH und Orient Occident. 1963 legte Xenakis seine Überlegungen in dem theoretischen Werk Musiques formelles nieder. Sein Hauptaugenmerk galt dem Instrumentalklang und seinen Bewegungen im Raum. So komponierte er 1965/66 Terretektorh für 88 im Raum verteilte Instrumentalisten. Mit Oresteia, Suite für Kinderchor, gemischten Chor und Kammerorchester, schuf Xenakis eine großangelegte Bühnenmusik für eine Aufführung von Aischylos’ Drama. Zwei Jahre darauf folgte die Ballettmusik Kraanerg.

Iannis Xenakis und Upic
Iannis Xenakis und sein Computersystem Upic zum Komponieren von Musik

1966 gründete Xenakis in Paris die Équipe de Mathématique et d’Automatique Musicales (EMAMu). Sie wurde 1972 in Centre d’Études de Mathématique et Automatique Musicales (CEMAMu) umbenannt. Xenakis erarbeitete an dem Zentrum 1974 ein eigenes Computersystem, das es ermöglicht, Musik mittels Zeichnen zu komponieren.

Grafische Partitur
Grafische Partitur von Iannis Xenakis

Upic (Unité Polyagogique Informatique du CEMAMu) besteht aus einem Grafiktablett, auf dem der Benutzer Zeichnungen erstellen kann. Diese grafischen Befehlsdaten erscheinen auf dem Bildschirm und werden sofort in Klänge umgewandelt. Der Benutzer kann Höhen, Intensitäten, Dauer, Tempi und Klangfarben verändern. Zahlreiche Komponisten wie Julio Estrada, Jean-Claude Risset, François-Bernard Mâche, Horacio Vaggione, Carlos Grätzer und Curtis Roads haben mit Upic gearbeitet.

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Im Rahmen des Kammermusikfestivals der Stony Brook University in New York kam 2013 Iannis Xenakis’ letzte Komposition O‑Mega zur Aufführung. Am Schlagzeug spielt James Beauton. Geleitet wird die Aufführung von Eduardo Leandro.

War es zunächst erschienen, als hätte Xenakis bereits Mitte der 1990er-Jahre seine kompositorische Tätigkeit beendet, stellte sich nach seinem Tod heraus, dass er noch weiter komponiert hatte. So waren in seinen letzten Schaffensjahren u.a. Zythos für Posaune und sechs Schlagzeuger, Hunem-Iduhey für Violine und Violoncello, Roscobeck für Violoncello und Kontrabass, Ittidra für Streichsextett und O‑Mega für Solo-Schlagzeug und 13 Instrumente entstanden.

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