KlassikWoche 36/2022

Bayreuth reagiert auf sexu­elle Über­griffe und Cate Blan­chett als Diri­gentin

von Axel Brüggemann

5. September 2022

Der Reformbedarf in Bayreuth, der neue Film »Tár« mit Cate Blanchett als Dirigentin, die Frage, ob Christian Thielemann neuer Kapellmeister in Berlin wird.

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

heute mit der Nach­richt, wie auf sexu­elle Beläs­ti­gung reagiert hat, mit Cate Blan­chett als Diri­gentin und mit der Frage: „Wie weiter, Klassik?“ 

Bayreuth reagiert auf sexu­elle Über­griffe

Tannhäuser-Inszenierung von Tobias Kratzer aus dem Jahr 2019

Tatsäch­lich haben sich die Vorwürfe von sexu­ellen Über­griffen bei den Bayreu­ther Fest­spielen bestä­tigt. Wie aus dem Chor-Kollektiv zu hören ist, seien drei Frauen der Bitte von Fest­spiel­lei­terin gefolgt und hätten sich über einzelne Über­griffe beschwert. Sofort seien Nach­for­schungen einge­leitet worden, es sei ein Zeuge gefunden worden. Nachdem der Beschul­digte die Über­griffe gestanden hatte, wurde er mit sofor­tiger Wirkung entlassen. Der Chor­vor­stand und die Chor­lei­tung seien in die Entschei­dung einbe­zogen gewesen. Inzwi­schen haben die Sommer­fe­rien in Bayreuth begonnen, und Kultur­staats­mi­nis­terin sprach von weiterem Reform­be­darf bei den Fest­spielen. Sie sprach von „Öffnung“ und „Verjün­gung“.

Tatsäch­lich gehen die Fest­spiele seit Jahren erfolg­reich einen Weg der Parti­zi­pa­tion, zeigen jeden Sommer eine Kinder­oper, öffnen sich mit Sympo­sien, Kino-Programm und zuletzt mit dem Fest­spiel-Open-Air (das ich mode­riert habe). Außerdem wird in Bayreuth auf inno­va­tive Bühnen­kon­zepte gesetzt wie im kommenden Parsifal mit Augmented-Reality-Elementen. Reform­be­dürftig scheint dagegen eher das Eigen­tümer-Konstrukt zu sein, in dem neben Bund, Frei­staat und Stadt auch die äußerst konser­va­tive Gesell­schaft der Freunde Mitsprache hat – in diesem Sommer hat deren Vorsit­zender Georg von Walden­fels immer lauter gegen Moder­ni­sie­rungen in Bayreuth protes­tiert, explizit gegen den Parsifal, gegen einen lange geplanten, neuen Tristan und ist der Inten­dantin immer wieder auch öffent­lich in den Rücken gefallen. Nicht auszu­schließen, dass der Finger von Sängerin Iréne Theorin nach der letzten Götter­däm­me­rung-Vorfüh­rung auch in seine Rich­tung ging. Tatsäch­lich geht es in Bayreuth nach den Fest­spielen um vieles: Bleibt das Haus eine mutige, neugie­rige Wagner-Werk­statt, die auch in Zukunft die Möglich­keiten der neuen Oper auslotet (und dabei natür­lich auch mal aneckt), die musi­ka­li­sche Viel­falt, etwa durch oder garan­tiert, oder sollen die Fest­spiele, wie es sich einige beson­ders konser­va­tive Stimmen wünschen, ein rück­wärts­ge­wandtes Opern-Museum in der frän­ki­schen Provinz werden? 

Cate Blan­chett in der Dresdner Phil­har­monie

Als ich zum ersten Mal gelesen habe, dass die Schau­spie­lerin Cate Blan­chett eine Diri­gentin in der Schaf­fens­krise verkör­pert, und ihr neuer Film Tár in der Dresdner Phil­har­monie spielt, war ich skep­tisch. Doch nun gibt es einen ersten, wirk­lich viel­ver­spre­chenden Trailer und The Guar­dian lobt nach der Première beim Film­fest in Venedig: „Was für ein bewe­gender Moment, wenn Blan­chett sich im Film ein Video von anschaut, der Kindern klas­si­sche Musik vermit­telt. Was für eine kolos­sale Leis­tung von Cate Blan­chett.“

Der Film kommt am 23. Februar 2023 in die Kinos. Bereits 2022 ist ein anderer Klassik-Film zu sehen: Regina Schil­ling (Kulen­kampffs Schuhe, Titos Brille) porträ­tiert in No Fear den Pianisten .

Wie weiter, Klassik? 

Gerade nach der Sommer­pause geht es an vielen Thea­tern um das pure Über­leben: Infla­tion, stei­gende Ener­gie­kosten, stei­gende Tarif­ver­träge, gleich­zeitig an vielen Häusern Etat-Kürzungen und Publi­kums­schwund. Für den Freitag habe ich aufge­schrieben, warum es sich derzeit um eine der größten Krisen der Thea­ter­ge­schichte seit 1945 handelt. Diffe­ren­ziert berichtet auch die Frank­furter Rund­schau und zeigt den Spalt von erfolg­rei­chen Super-Events und kriselndem Musik-Alltag (auch im Pop) auf. Die Deut­sche Orches­ter­ver­ei­ni­gung will lieber die Augen verschließen und postet auf ihrer Face­book-Seite „Orches­ter­land D“ lieber Jubel­mel­dungen von Fest­spiel-Auslas­tungs­zahlen: Salz­burg 96 Prozent, Rheingau 94 Prozent, Wagner in Leipzig 100 Prozent, Heiden­heim 82 Prozent. Kann man machen – wird aber kaum ein Bewusst­sein für den Ernst der Lage an den Häusern schaffen.

In der ersten Sendung meines Podcasts „Alles klar, Klassik?“ dreht sich alles um die Frage: Wie weiter? (Hier der Podcast für alle Player). Die Lite­ratin Thea Dorn wünscht sich mehr Wahr­haf­tig­keit, mehr Leiden­schaft und mehr Mut zum Pathos. Für Katha­rina von Rado­witz vom Netz­werk Junge Ohren muss es darum gehen, Neues zuzu­lassen. Und Maxi­mi­lian Maier hat seinen Job beim BR aufge­geben, um ein voll­kommen neues Kunst-Projekt ins Leben zu rufen, das Bergson Kunst­kraft­werk im Münchner Westen. Inter­es­sant in diesem Zusam­men­hang die Webseite „Publi­kums­schwund“, die Beispiele auflistet. 

Weil es sein muss

Diese Woche kam eine Mail aus Baden-Baden. Hier soll auch weiterhin an der Tristan-Auffüh­rung mit fest­ge­halten werden (zur Erin­ne­rung: Geprobt wird mit VTB-Geldern in Moskau, betei­ligt sind Sänger wie Matthias Goerne). Nun hat Inten­dant Bene­dikt Stampa (zum ersten Mal nach Kriegs­aus­bruch!) die Möglich­keit gehabt, mit Curr­entzis zu spre­chen. „Dabei gab Herr Curr­entzis Herrn Stampa in keiner Weise Anlass, die künst­le­ri­sche Zusam­men­ar­beit grund­sätz­lich in Frage zu stellen“, heißt es aus Baden-Baden. Und tatsäch­lich soll gehan­delt werden: „Herr Curr­entzis und das Ensemble musi­cAe­terna wurden gebeten, den Proben­pro­zess für die Auffüh­rung in Baden-Baden nach West­eu­ropa zu verlegen. Gleich­zeitig würden Zahlungen für die geleis­tete Arbeit hier über ein west­eu­ro­päi­sches Konto abge­wi­ckelt. Wenn dies gewähr­leistet ist, steht das Fest­spiel­haus Baden-Baden zu seinen Verpflich­tungen und künst­le­ri­schen Plänen mit Herrn Curr­entzis.“ Nun, auch der SWR hat Curr­entzis schon vor langer Zeit gebeten, sich vom VTB-Spon­so­ring zu verab­schieden. Doch es ist nichts passiert. Im Gegen­teil: In dieser Woche, als Gazprom mal seine Gaslie­fe­rungen nach Deutsch­land auf null gestellt hat, gab Curr­entzis ein Konzert mit musi­cAe­terna in Russ­land, in den Rängen applau­dierte ihm Gazprom-CEO Alexey Miller. Auch die Verstri­ckungen des Dom Radio in St. Peter­burg zur Medi­en­hol­ding von Putins Geliebter Alina Kaba­jewa und zum VTB-Vorstand sind bislang nicht einmal im Ansatz geklärt oder trans­pa­rent gemacht. Ebenso wenig wie die Finan­zie­rung und das Personal von Curr­entzis neuem Projekt Utopia

Während Elbphil­har­monie-Inten­dant im Abend­blatt lako­nisch erklärt, dass er an seinem Konzert mit Anna Netrebko fest­hält, weil es keine „Rechts­grund­lage gegen das Konzert“ gäbe, formiert sich ande­ren­orts Protest. Die ukrai­ni­sche Gene­ral­kon­sulin in Hamburg, Iryna Tybinka, erklärt: „Die russi­sche Opern­sän­gerin war, ist und bleibt eine der Einfluss­agenten des Putin-Regimes.“ Tatsäch­lich erstaunt es, dass VW oder Siemens ihre Russ­land-Geschäfte eben­falls ohne „Rechts­grund­lagen“ auf Eis legen, die Kultur aber einfach weiter­macht und sich ihrer eigenen mora­li­schen Verant­wor­tung entzieht. In Köln wurde gegen Netrebko demons­triert, auch in Hamburg und Wien sind wohl Demons­tra­tionen geplant. 

Perso­na­lien der Woche

Daniel Barenboim

Daniel Baren­boim scheint seine Rolle als Chef­di­ri­gent auf Lebens­zeit bei der Staats­ka­pelle sehr ernst zu nehmen – ein biss­chen wirkt es so, als wolle er auch noch seine Nach­folge regeln. Bereits nach Chris­tian Thie­le­manns letztem „Einspringen“ bei der Kapelle, waren die beiden gemeinsam essen und haben sich ange­regt darüber unter­halten, wie der Orches­ter­graben der ihre Diri­gate beein­flusst habe. Nun hat Baren­boim erneut persön­lich bei Thie­le­mann ange­rufen und ihn gebeten, die Staats­oper Unter den Linden, äh, nein: zwei seiner Ring-Diri­gate zu über­nehmen. Einige speku­lieren schon, ob Thie­le­mann die Leitung an der Staats­oper über­nimmt – in meinem Podcast erklärte er aller­dings noch, wie gut ihm das Frei­sein tue. +++ Berlins Kultur­se­nator möchte etwas Neues wagen und schreibt die Inten­danz der Deut­schen Oper öffent­lich aus: „Eine erfah­rene, mutige und empa­thi­sche Führungs­per­sön­lich­keit, ein inte­gra­tiver, von Vertrauen und Verbind­lich­keit geprägter Führungs­stil“ sollte die Bewerber auszeichnen. Der amtie­rende Inten­dant scheidet 2025 aus dem Amt. +++ Neuer Ärger für : Das Orchester der Arena di Verona verwei­gerte ihm den Applaus als Diri­gent. Der Sänger habe am Takt­stock enttäuscht, heißt es. Nun, das ist nicht wirk­lich eine neue Erkenntnis.

Eine erste Bewer­bungs­runde für die Riesen-Zwischen­nut­zung Am Gasteig endete erfolglos. In geheimer Sitzung wurden die Kondi­tionen jetzt ange­passt, meldete die Abend­zei­tung München. +++ Erster Gegen­wind für einen Super­star: Clemens Haustein fragt in der FAZ, voll­kommen zu Recht, ob vom jungen Diri­genten nicht zu viel verlangt wird – und ob wir nicht gerade Zeuge werden, wie ein Talent vor unseren Augen verheizt wird. Augen auf bei der Agenten-Wahl, könnte man Mäkelä nur zurufen! +++ Deutsch­land habe bereits in vielen Ländern Vertrauen von wich­tigen Part­nern der Zivil­ge­sell­schaft verloren, warnt die Zentrale des Goethe-Instituts in München. „Sollten sich für 2023 die Kürzungen wie geplant verste­tigen, wird der größte deut­sche Kultur­mittler massive und vor allem lang­fristig wirk­same Einschnitte vornehmen müssen.“ Auch die Schlie­ßung von Goethe-Insti­tuten sei dann nicht mehr ausge­schlossen.

Und wo bleibt das Posi­tive, Herr Brüg­ge­mann? 

Brüggemanns Traum

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Viel­leicht ja hier: Ich hatte einen genialen Traum, wie die Klassik in eine glor­reiche Zukunft geführt werden kann: mit der garan­tiert erfolg­reichsten Auffüh­rung aller Zeiten! Mein Traum begann damit, dass Plácido Domingo sich bei Wiens Staats­opern­di­rektor beschwert hat, dass er nicht bei der La Bohème neben Anna Netrebko, und auftreten dürfe – er gehöre doch dazu wie die Mäuse zum Ballett. Kein Problem, erklärte Roščić, du kannst diri­gieren, wenn du anrufst, damit der das Ding neu insze­niert. war zunächst etwas verstimmt, darf aber immerhin den Chor über­nehmen. Nachdem die Wiener Phil­har­mo­niker Zweifel bekamen und von der Sache hörte, griff er mit leichtem Atem zum Hörer, um Proben mit musi­cAe­terna in St. Peters­burg zu planen. Für das Abend-Begleit-Programm sei auch gesorgt, jubelte er! Um die Finan­zie­rung kümmert sich Matthias Naske, der dafür schnell eine neue Stif­tung in Liech­ten­stein gründet. Chris­toph Lieben-Seutter und Bene­dikt Stampa lieferten sich einen hand­festen Ring­kampf darum, wer die zweite Auffüh­rung präsen­tieren dürfe – am Ende einigten sie sich darauf, gemeinsam mit das Kolos­seum in Rom zu mieten. Meyer über­zeugte alle Betei­ligten noch, La Bohème gegen Porgy and Bess einzu­tau­schen und erin­nerte daran, genü­gend schwarze Schuh­creme für alle Betei­ligten zu besorgen. Arte wird dieses „einma­lige Klassik-Ereignis“ natür­lich live über­tragen! Igor Levit konnte in letzter Sekunde gewonnen werden, Tristan-Para­phrasen im Vorpro­gramm zu spielen. In einem Inter­view erklärte er „Man muss einfach auch mal seine Prin­zi­pien über Bord werfen, wenn es um so viel Geld geht.“ In einer Pres­se­aus­sen­dung heißt es: „So lebendig ist unsere Kunst!“ „Das Publikum entscheidet über den Erfolg.“ „Bei war die Sache anders, der war böse – wir sind: gut!“ Leider bin ich dann aufge­wacht, bevor ich die Kritik des Konzertes in meinem Lieb­lings­ma­gazin News lesen konnte – aber ich bin sicher: Es war eine Hymne über die Zukunft der Klassik!

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

[email protected]​crescendo.​de 

P.S.: Sie haben noch immer nicht genug? Kein Problem. Wie wäre es mit einem kleinen Gespräch über die Zukunft der Musik­kritik? Die Geigerin Anne Schoe­n­holtz vom Sympho­nie­or­chester des Baye­ri­schen Rund­funks hat mich in ihren BR-Podcast eige­laden, um genau das zu debat­tieren. Hier ist die Sendung zum Nach­hören. 

Fotos: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath, picture alliance / Geisler-Fotopress | Thomas Bartilla / Geisler-Fotopres