KlassikWoche 44/2022

Lasst das Publikum entscheiden?

von Axel Brüggemann

31. Oktober 2022

Die Oper am Rhein als Oper für alle, die China-Tournee der Wiener Philharmoniker unter Franz Welser-Möst, Angelina Jolie als Maria Callas in Pablo Lorraíns neuem Film.

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

heute geht es um das selbst­be­stimmte Publikum, um die Absagen zu Daniel Baren­boims 80. Geburtstag, um das schlechte Gewissen von Orches­tern und vor allen Dingen um den Studi­en­be­ginn: Wie begegnen unsere Musik­hoch­schulen dem drin­genden Wandel? Ein erstes langes Gespräch mit der neuen Direk­torin der Musik­hoch­schule in München, Lydia Grün. 

Entscheide doch selber, Publikum!

Die Lage der Theater ist schwer: Publi­kums­schwund und Akzep­tanz­pro­bleme. Einige Häuser setzen inzwi­schen darauf, das Publikum selber in die Verant­wor­tung zu nehmen. Ein Beispiel ist die Oper am Rhein in : Sie will das Publikum über den Neubau entscheiden lassen, sowohl über Standort als auch über die Ausge­stal­tung. Zunächst wurden 30 Vertre­te­rInnen aus der Stadt­ge­sell­schaft zur Debatte geladen. Neben einer program­ma­ti­schen Öffnung der Oper soll insbe­son­dere auch der mögliche kultu­relle Nutzen des Gebäudes über den Opern­be­trieb hinaus unter­sucht werden. Ober­bür­ger­meister Stephan Keller sagt: „Mit der Work­shop-Reihe setzen wir die breite und inte­gra­tive Öffent­lich­keits­be­tei­li­gung fort und stellen sicher, dass die neue Oper im wahrsten Sinne des Wortes eine Oper für alle wird.“

Und dann ist da noch die Aktion „Zahl, so viel Du willst!“, die sich am Theater-9-Euro-Ticket in Hagen orien­tiert. Für ausge­wählte Vorstel­lungen soll in Düssel­dorf bis Ende des Jahres die Regel gelten, dass das Publikum selber entscheiden kann, wie viel es für ein Ticket bezahlt – mindes­tens soll es aber zehn Euro hinlegen. „Als offene Kultur­in­sti­tu­tion, die ein breit­ge­fä­chertes Publikum aus unter­schied­li­chen gesell­schaft­li­chen Schichten und Einkom­mens­gruppen anspricht, sehen wir uns verpflichtet, auf die beson­deren Heraus­for­de­rungen der momen­tanen Lage zu reagieren“, erklärte Gene­ral­inten­dant Chris­toph Meyer. Doch auch in Düssel­dorf bleibt die Frage, wann das Theater-Dumping beginnt und ob die Häuser nicht eigene Visionen entwi­ckeln müssen, statt die Verant­wor­tung in der Not an ihr Publikum zu über­geben.

Unter­su­chungen am Basler Theater

Regel­mä­ßige Demü­ti­gungen, Beschimp­fungen und über­morgen Leis­tungs­druck: Die Vorwürfe von Schü­le­rinnen der Ballett­schule am erzählen von Quäle­reien und Beschimp­fungen im Unter­richt. Die Aufsichts­be­hörden haben bereits mehrere Gespräche mit der Schul­lei­tung geführt – sie bestreitet die Vorwürfe.

Der Spre­cher des Basler Erzie­hungs­de­par­te­ments bestä­tigte aller­dings, dass die kanto­nalen Aufsichts­be­hörden von mehreren Schü­le­rinnen mit Miss­brauchs-Vorwürfen konfron­tiert worden seien. In einzelnen Fällen soll es zu anzüg­li­chem Verhalten von Lehr­per­sonen gekommen sein. Viele der Frauen hätten während der Ausbil­dung an der Ballett­schule keine Mens­trua­tion gehabt. Eine Schü­lerin habe gar völlig abge­ma­gert ins Spital einge­lie­fert werden müssen.

Gut versteckt!

Wer Geld dem Idea­lismus vorzieht, bekommt schnell ein Problem. Das hat letzten Sommer beson­ders bei den Salz­burger Fest­spielen gemerkt: Sein wütendes Fest­halten an führte zur absurden Situa­tion, dass ein Groß­teil der Fest­spiele zwar auf dem Diri­genten aufge­baut war, die Fest­spiele gleich­zeitig aber weit­ge­hend darauf verzich­teten, die Auftritte von Curr­entzis zu bewerben oder öffent­lich abzu­bilden. Dass Hinter­häuser seinen Super­star gut versteckt hat, war eine Entschei­dung, die seiner Inten­danten-Posi­tion im Nach­hinein wohl wenig geholfen hat. Es mag verwun­dern, dass nun ausge­rechnet das VAN Magazin, das sich in Sachen Curr­entzis seit Kriegs­aus­bruch sehr bedeckt hielt und schließ­lich großes Verständnis für dessen Russ­land-Geschäfte aufbrachte, nun ausge­rechnet die angeht, da sie eben­falls versu­chen, ihre poli­tisch durchaus zwie­späl­tige China-Reise mit unter dem west­li­chen Radar zu halten.

Klar, man muss abwägen: Europa posi­tio­niert sich derzeit nicht in krie­ge­ri­schen Konflikten, die China führt, und auch stehen Insti­tu­tionen, mit denen hier gear­beitet wird, nicht unter euro­päi­schem Boykott (anders als im Falle der Ukraine und Russ­land), aber natür­lich wird jede Reise vor Ort in China propa­gan­dis­tisch ausge­nutzt. Von Kritik an Chinas poli­ti­schem und demo­kra­tie­feind­li­chem Kurs ist bei Musik-Gast­spielen nur wenig zu hören. Und so ist die Frage natür­lich grund­sätz­lich richtig: Wie gehen Orchester und Musi­ke­rInnen mit derar­tigen Einla­dungen um? Die Antwort ist eigent­lich simpel und gilt sowohl für Russ­land als auch für China: trans­pa­rent, offen und argu­men­tativ. Dazu ist es aber auch wichtig, dass die jour­na­lis­ti­sche Beglei­tung nicht aus persön­li­chen Beweg­gründen in einem Fall „hü“ und im anderen „hott“ schreit. Gerade in diesen verrückten Zeiten muss es um eine breite, viel­fäl­tige, ehrliche und respekt­volle öffent­liche Debatte mit allen Betei­ligten gehen. Verste­cken gilt nicht! 

Perso­na­lien der Woche I

Die Dirigentin Keri-Lynn Wilson

Es gab Irri­ta­tionen rund um die Diri­gentin Keri-Lynn Wilson. Die Diri­gentin, die oft Opern­abende mit diri­giert hatte und nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine das Ukrai­nian Freedom Orchestra grün­dete, kündigte in einem Inter­view mit Asso­ciated Press an, dass sie es ablehne, eine geplante Auffüh­rung am Teatro Colón in Buenos Aires mit Anna Netrebko zu diri­gieren, da diese sich nicht klar genug von und dessen Krieg distan­ziert habe. Netrebkos Manage­ment erklärte daraufhin, dass Netrebko bereits am 6. April darum gebeten habe, einen alter­na­tiven Diri­genten zu enga­gieren – auf ihren Vorschlag hin wurde Michel­an­gelo Mazza enga­giert. +++ Nachdem die Mezzo­so­pra­nistin kriti­siert wurde, weil sie ein Foto von sich als Verdis Amneris mit gefloch­tenen schwarzen Zöpfen am Teatro Real gepostet hatte, erklärte sie nun, dass sie zukünftig auch diese Form der Cultural Appro­pria­tion ablehnen werde: „Ich höre zu, ich lerne, ich trete in Aktion. Ich werde nicht mehr mit Make-up auftreten, das meine Race verän­dern soll“, schrieb sie.

Eigent­lich schweigt er lieber, nun aber hat einem Zoom-Inter­view mit US-Jour­na­listen zuge­stimmt. Unter anderem ging es um die Erfah­rungen der Corona-Zeit: „Es geht nicht nur ums Musik­ma­chen, es geht um das Musi­zieren vor anderen, darum, mit unserem Wissen Menschen zu verän­dern, die mit uns in einem Raum sind.“ +++ Und dann noch eine Perso­nalie, die mir beson­ders nahe steht:-) … Die persön­li­chen Anfein­dungen gegen Musik­jour­na­list gingen auch diese Woche weiter: Nachdem Ex-Staats­opern-Chef, „Die Krim ist russisch“-Bekenner und Servus-TV-Mann Brüg­ge­manns Bericht­erstat­tung gegen Teodor Curr­entzis als persön­lich moti­viert entlarven wollte und der News-Opi mit salba­dernder Unter­grif­fig­keit versucht hatte, Brüg­ge­mann zu diskre­di­tieren, hat nun auch das rechte Online-Magazin Achse des Guten mit viel „Gemunkel“ und aller­hand persön­li­chem Frust in die Tasten gegriffen (auf einen Link verzichten wir) und dem unwich­tigen Blogger viel zu viel Klassik-Macht zuge­spro­chen. Brüg­ge­mann wird das verkraften. Viel bezeich­nender als der Inhalt des Textes ist, welchen publi­zis­ti­schen Rück­halt Markus Hinter­häuser und jene Konzert­ver­an­stalter, die eine offene Debatte über Curr­entzis noch immer verhin­dern wollen, inzwi­schen noch haben: Mate­schitz-TV, NEWS-Boule­vard und die rechte Achse. Wollt ihr das wirk­lich? Oder können wir endlich einfach mal die Fakten disku­tieren? Mir ist es inzwi­schen gelungen, intensiv mit Axel Brüg­ge­mann ins Gespräch zu kommen. Sein Kommentar zur aktu­ellen Causa: „Nie war es beru­hi­gender, ein Mensch der Main­stream-Medien zu sein als in diesem Fall.“

Zwei Maestri und zwei Tenöre

Der 80. Geburtstag von im November war groß geplant, doch nun müssen die Feier­lich­keiten auf Grund des Gesund­heits­zu­standes von Baren­boim verschoben werden: Die Staats­ka­pelle Berlin hat Konzerte in Berlin und München absagen müssen, die Baren­boim gemeinsam mit seinem Freund geben wollte. Guter Dinge sind dagegen und José Carreras, die ange­kün­digt haben, 2023 noch einmal gemeinsam aufzu­treten. Ihr Konzert in Tokyo soll das 20. Jubi­läum des letzten Drei-Tenöre-Konzertes markieren und gewidmet sein.

Perso­na­lien der Woche II

Ange­lina Jolie wird spielen. Regis­seur Pablo Larraín hat bereits Jackie mit Natalie Portman gedreht und Spencer mit Kristen Stewart. Derzeit setzt er Ange­lina Jolie als Maria Callas in Szene: Der Film dreht sich um die letzten Jahre der Opern-Diva im Jahre 1977 in Paris. +++ Opern-Star erlitt einen Schlag­an­fall, der Arzt in Queens, New York, erklärte in einem State­ment, das die Familie der Sängerin veröf­fent­lichte: „Betroffen sind Gehirn­areale, die Verständnis und Sprache beein­flussen. Es gibt Hoff­nung auf Erho­lung, aber auf Grund des Alters der Pati­entin können keine Angaben über den Fort­schritt gemacht werden.“ 

Und wo bleibt das Posi­tive, Herr Brüg­ge­mann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Viel­leicht ja an unseren Hoch­schulen. Der Klassik-Markt befindet sich im Umbruch: Weniger freie Stellen, das Publikum orien­tiert sich neu. Aber wie reagieren Musik­hoch­schulen und ‑univer­si­täten auf den Wandel? Pünkt­lich zum Semes­ter­be­ginn dreht sich in meinem Podcast „Alles klar, Klassik?“ (oben als YouTube-Link, hier zum kosten­losen Nach­hören für alle anderen Podcast-Anbieter) alles um die Situa­tion an unseren Bildungs­ein­rich­tungen. Was tun gegen Macht­miss­brauch, sexu­elle Über­griffe – und vor allen Dingen: Wie sieht ein modernes Studium aus? Bilden unsere Hoch­schulen noch Menschen aus, die an unseren Thea­tern und in unseren Orches­tern gebraucht werden? In ihrem ersten großen Inter­view als neue Präsi­dentin der Hoch­schule für Musik und Theater in München erklärt Lydia Grün, welche Schwer­punkte sie setzt und warum ihre Hoch­schule den Wandel vordenken will. Stefanie-Beatrice Beer, Vorsit­zende der Studie­renden-Vertre­tung der MUK in plädiert für mehr Praxis­be­zo­gen­heit im Studium, und der Diri­gent Tim Fluch stellt die Haupt­for­de­rungen eines Brand­briefes der Studie­renden vor. Außerdem erklärt Thomas Quastoff, warum es wichtig ist, als Dozent scho­nungslos ehrlich mit den Studie­renden zu sein.

Ach so: Happy Hallo­ween aller­seits! Auf der Face­book-Seite der US-Jour­na­listin Cathe­rine Kustanczy (sie hat mich neulich über meine Arbeit inter­viewt) habe ich ein passendes Kostüm für alle Klassik-Fans gefunden: Warum nicht mal als Stimm­bänder gehen? Hier das Original-Kostüm:

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

[email protected]​crescendo.​de