Willkommen in der neuen KlassikWoche,

geht denn nun wirklich alles nochmal von vorne los? Die vierte Corona-Welle überschwemmt langsam auch die Klassik-Szene. Und im Schatten der aktuellen Ereignisse wird der große Rotstift geschwungen. Helfen Sie mit beim KlassikWoche-Schwarzbuch der Sparmaßnahmen! 

MEIN SCHWARZBUCH DER MUSIK-SPARMASSNAHMEN

Demonstration in Hannover: #Rette dein Theater

Im Schatten großer Nachrichten beginnt bereits das große Sparen in der Kultur: Am Anfang war es der Chor des NDR, der beschnitten wurde, dann wurde bekannt: Die geplante Philharmonie in Nürnberg soll nun doch nicht gebaut werden – zu groß sind die Corona-Schulden der Stadt. In München wurden die Kulturausgaben für 2021 bereits nach dem ersten Corona-Jahr um 6,5 Prozent gesenkt, in Jena argumentiert man, dass die Haushaltsnotlage die Politik zu Einsparungen zwinge, und in Hannover sind gerade Tausende BühnenarbeiterInnen auf die Straße gegangen, um gegen weitere Kultur-Einsparungen in Niedersachsen (besonders an Theatern und in Orchestern) zu demonstrieren. Auch private Sponsoren ziehen sich sang- und klanglos zurück, so wie bei den Niedersächsischen Musiktagen, wo die Sparkassenstiftung und die VGH Stiftung ihre Finanzierung nicht fortsetzen. Und: Das ist nur der Anfang! Während der Pandemie haben Klassik-KünstlerInnen festgestellt, dass sie von vielen Menschen als nicht primär wichtig empfunden werden, und nun geht es um die nachhaltige Existenz kultureller Institutionen. Bereits jetzt können schon 40 Prozent der eigentlich für die Kultur geplanten Ausgaben in den Kommunen nicht mehr gestemmt werden. Im SWR habe ich ein Plädoyer für die Kultur der Regionen formuliert. Noch viel wichtiger aber scheint es mir, schon jetzt laut aufzuschreien: ÜBERALL, wo an der Musik gespart wird. Ich werde in den kommenden Newslettern eine Kategorie dafür einfügen, eine Art Schwarzbuch des Kultur-Abbaus nach Corona: Hinweise per Mail sind sehr willkommen. 

KRÄNZLE ZUM KLASSIK-TATORT

Bild aus dem Kriminalfilm "Dreams" der Reihe Tatort

Im letzten Newsletter hatte ich über den München-Tatort berichtet, in dem die Klassik – mal wieder – ziemlich verzerrt und weltfremd dargestellt wurde: Stress, Schlaf-Doping – Extremsituationen. Alles fürchterlich, findet der Sänger Johannes Kränzle, der mir nun schrieb (und den Text auch auf seiner FB-Seite veröffentlichte): „Klassische Musik ist im deutschen Krimi fast durchgehend negativ konnotiert, und wird fast immer in Verbindung mit gehobenem Lebensstandard gebracht. Meist hört der spätere Mörder in seiner luxuriösen Villa klassische Musik, oft sind es in diesen Filmen die Unsympathen, die Verwöhnten, die sich für diese Musik interessieren. Letzten Sonntag ging es um tödliche Konkurrenz, unbarmherzigen Leistungsdruck und schlimme Erkrankungen (…). Dabei ist erwiesen, dass sich mit klassischer Musik Beschäftigende weniger gewaltbereit verhalten als andere. Wäre da nicht auch mal eine andere weniger stereotype Betrachtung nötig. Diese negativen Eindrücke bleiben bei denen haften, die sich sonst nicht mit dieser Musik und Szene beschäftigen. (…) Vielleicht überrascht uns mal ein Krimi mit durch klassische Musik beseelten Musikern und Hörern, die nicht die Täter sind. Das Thema wäre jedenfalls mal eine genauere Untersuchung wert.

Schon in der Netflix-Serie „Unorthodox“ wurde das Klassik-Leben in Berlin klischeehaft stilisiert, auch der vollkommen verunglückte Gaga-Film „Unschuldsvermutung“ von Michael Sturminger über #metoo bei den Salzburger Festspielen hat in der Klassik-Szene für Ärger gesorgt. Aber, im Ernst: Was kann man von Sendern erwarten, für die Klassik einmal im Jahr als OPUS-Gala auf dem Programm steht? Es fehlt auch hier an: Lobby! Vielleicht, lieber Johannes Kränzle, sollten wir mal ein Tatort-Drehbuch anbieten. Ach so – und dass das alles vielleicht doch nicht so weit hergeholt ist, zeigt ein Symposium des Zentrums für BerufsmusikerInnen in Hamburg, das unter Leitung von Heidi Brandi ExpertInnen aus dem Leistungssport und Musikbereich zusammenbringt, um Strategien für den Erhalt der psychischen Gesundheit zu entwickeln. 

PERSONALIEN DER WOCHE I

Plácido Domingo als gestürzter Nabucco

Plácido Domingo musste mitten in einer Nabucco-Aufführung an der Wiener Staatsoper passen und seine Rolle während der Aufführung an den jungen mongolischen Kollegen Amartuvshin Enkhbat übergeben. Aber, hey: Staatsoperndirektor Bogdan Roščić hat dem Sänger noch einen Zarzuela-Abend am Haus am Ring angeboten. 30-jährige Inszenierungen als „Neuproduktionen“ und fast 100-jährige Sänger als Kassenschlager – so alt sah die Staatsoper schon lange nicht mehr aus! +++ Man könnte es ein wenig befremdlich finden, wenn aus Beethoven nicht nur BTHVN, sondern auch eine „Kulturmarke“ wird, aber man könnte auch feiern, dass BTHVN2020 nicht nur der Pandemie getrotzt, sondern auch die eigenen, nicht ganz unkomplizierten Anfänge überwunden hat. Nun wurde die Beethoven-Jubiläumsgesellschaft mit dem Kulturmarkenpreis ausgezeichnet. „Das war eine ‚Mission Impossible‘ – ein nationales Beethovenjubiläum zu koordinieren in einer Zeit, wo Musikfestivals verboten waren“, sagte Malte Boecker, künstlerischer Geschäftsführer. Insgesamt stellte BTHVN2020 über 1000 Projekte mit mehr als 200 Partnern zwischen Dezember 2019 und September 2021 auf die Beine. +++ Der Regisseur Frank Hilbrich leitet vom kommenden Jahr an die Opernsparte am Theater Bremen – gemeinsam mit der Dramaturgin Brigitte Heusinger. Bisher besteht das Führungsteam der Oper aus der Dramaturgin und dem Generalmusikdirektor Yoel Gamzou – der aber verlässt das Haus. 

CORONA-TICKER

Blick in den Zuschauerraum der Bayerischen Staatsoper

Es ist leider wieder so weit: Die vierte Welle führt auch dazu, dass Corona in Orchestern, Opernhäusern und Chören wieder zu einem ernsten Thema wird: Die Debatten zwischen Geimpften und Ungeimpften innerhalb der Orchester spiegeln die Debatte in der Gesellschaft wider, Gastspiele finden nur mit Geimpften und, mal wieder (wie derzeit bei den Wiener Philharmonikern in Japan), mit Quarantäne-Auflagen statt, Ungeimpfte müssen zu Hause bleiben. All das wirft viele Fragen auf, und viele Häuser werden derzeit auch ohne neue politische Regeln zum Schließen gezwungen. Prominentestes Beispiel ist die Bayerische Staatsoper, die ihre Türen bis zum 18. November dicht macht. Grund sei die „unsichere Coronalage“ unter den Mitarbeitern. Vor allem MusikerInnen seien so stark betroffen, dass durch die Dezimierung nicht mehr gespielt werden könne. „Wir haben schon sehr strenge Corona-Hygienemaßnahmen an der Bayerischen Staatsoper. Vor allem, um immer das Vertrauen des Publikums und auch der Mitarbeiter aufrechtzuerhalten. Deshalb haben wir uns entschieden, extra Vorsichtsmaßnahmen zu implementieren“, sagte Serge Dorny dem BR.

Für den Kollegen Martin Zeyn vom BR ist das nur ein Vorbote eines eventuell neuen Kultur-Lockdowns: „Jetzt haben wir die höchsten Infektionszahlen überhaupt. Was bedeutet, wir werden bald die Zeche dafür zahlen müssen, dass wir nicht rechtzeitig gehandelt haben. (…) Die Theater, Opern und Museen haben diese Erfahrung schon leidvoll gemacht. (…) Werden sich die Kulturinstitutionen dieses Mal durchsetzen können? Werden diesmal die Kulturpolitikerinnen und -politiker sich am Kabinettstisch durchsetzen können mit ihrer Aussage: Wir sind auch systemrelevant  und wir haben bewiesen, dass wir wirkliche Kontrollen durchsetzen können“, fragt Zehn und antwortet selber: „In den letzten eineinhalb Jahre wurde deutlich: Corona bedroht nicht nur das Leben von Menschen, sondern auch die Kultur existentiell. Eine harte, bittere Erfahrung in drei Wellen. Daraus nichts gelernt zu haben, das mache ich der Politik zum Vorwurf. Der Winter kommt. Auch diesmal!“ +++ Die Dramatik der Situation führt zu überraschenden Wendungen: Das Concertgebouw in Amsterdam (das Orchester selber feierte gerade einen Giga-Erfolg mit dem wohl designierten GMD Klaus Mäkelä in Hamburg) bittet sein Publikum, bereits gekaufte Karten freiwillig zurückzugeben, um wieder die erlaubte Auslastungszahl von 1250 Tickets zu erreichen. Absurde Zeiten! 

PERSONALIEN DER WOCHE II

Die Gerüchteküche um die Nachfolge von Präsidentin Helga Rabl-Stadler bei den Salzburger Festspielen brodelt weiter – ORF-Chef Alexander Wrabetz dementierte derweil, dass er sich beworben habe. +++ Die Elbphilharmonie von Intendant Christoph Lieben Seutter musste vor Gericht: Ein Konzertveranstalter fühlte sich bei der Terminvergabe benachteiligt. Er wollte erreichen, dass er bis zu 20 Veranstaltungen pro Jahr mit von ihm vertretenen Künstlern im Großen Saal des berühmten Konzerthauses organisieren könne. Das Urteil des Zivilprozesses war bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt. 

Als Kampf zweier Diven erklärt der Schweizer Journalist Christian Berzins die neuen Alben von Cecilia Bartoli (alte Aufnahmen) und Anna Netrebko, die zeigt, dass sie zu Recht als „beste Sopranistin unserer Zeit“ gefeiert wird. Allein wenn man „die drei Ausschnitte aus Wagneropern“ höre, „hofft man, dass die Russin diese Rollen richtig lernt“, resümiert Berzins. +++ Lesenswert das Porträt über Tonhalle-Intendantin Ilona Schmiel beim BR. Sie sagt unter anderem: „Manchen Frauen fehlt schlicht der Mut, sich ins Wasser zu stürzen und einfach schwimmen zu lernen in diesen Positionen.“ +++ Die polnische Sopranistin Aga Mikolaj ist an den Folgen einer Covid-Infektion verstorben. Einem breiten Publikum war sie unter anderem als Woglinde in Daniel BarenboimsRing“-Zyklus bekannt.

UND WO BLEIBT DAS POSITIVE, HERR BRÜGGEMANN?

Kinderoper "Jorinde" im MuTh in Wien

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht hier. Nachdem ich wirklich lange unterwegs war, gab es endlich mal wieder Zeit für eine Art zu Hause – und: Kinderoper. Klar, ich habe schon Karten für „Hänsel und Gretel“ bestellt, aber Wien Modern hat diese Woche gezeigt, dass Klassik für Kinder nicht immer seicht, kitschig oder Zuckerguss-Klassik sein muss. Die Neue Oper „Jorinde“ von Maria Gstättner ist eine Parabel um Freiheit – von Azelia Opak spannend, schlicht und sinnlich in Szene gesetzt für das Landestheater Linz und Wien Modern. Die Weihnachtszeit beginnt: Nehmen Sie Ihre Kinder oder Enkel mit – dorthin, wo es gut klingt!

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann

[email protected]

Fotos: Theater Hannover (Titel), NDR/dpa, BR, Wiener Staatsoper, Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper, Simeon Jaks (M.U.T.H)

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Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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