KlassikWoche 46/2021

Mitma­chen beim Schwarz­buch der Klassik-Sparwut

von Axel Brüggemann

15. November 2021

Das Sparen in der Kultur, die Nachfolge von Helga Rabl-Stadler bei den Salzburger Festspielen, die neuen Alben von Anna Netrebko und Cecilia Bartoli

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

geht denn nun wirk­lich alles nochmal von vorne los? Die vierte Corona-Welle über­schwemmt langsam auch die Klassik-Szene. Und im Schatten der aktu­ellen Ereig­nisse wird der große Rotstift geschwungen. Helfen Sie mit beim Klas­sik­Woche-Schwarz­buch der Spar­maß­nahmen! 

MEIN SCHWARZ­BUCH DER MUSIK-SPAR­MASS­NAHMEN

Demonstration in Hannover: #Rette dein Theater

Im Schatten großer Nach­richten beginnt bereits das große Sparen in der Kultur: Am Anfang war es der Chor des , der beschnitten wurde, dann wurde bekannt: Die geplante Phil­har­monie in soll nun doch nicht gebaut werden – zu groß sind die Corona-Schulden der Stadt. In München wurden die Kultur­aus­gaben für 2021 bereits nach dem ersten Corona-Jahr um 6,5 Prozent gesenkt, in argu­men­tiert man, dass die Haus­halts­not­lage die Politik zu Einspa­rungen zwinge, und in sind gerade Tausende Bühnen­ar­bei­te­rInnen auf die Straße gegangen, um gegen weitere Kultur-Einspa­rungen in Nieder­sachsen (beson­ders an Thea­tern und in Orches­tern) zu demons­trieren. Auch private Spon­soren ziehen sich sang- und klanglos zurück, so wie bei den Nieder­säch­si­schen Musik­tagen, wo die Spar­kas­sen­stif­tung und die VGH Stif­tung ihre Finan­zie­rung nicht fort­setzen. Und: Das ist nur der Anfang! Während der Pandemie haben Klassik-Künst­le­rInnen fest­ge­stellt, dass sie von vielen Menschen als nicht primär wichtig empfunden werden, und nun geht es um die nach­hal­tige Exis­tenz kultu­reller Insti­tu­tionen. Bereits jetzt können schon 40 Prozent der eigent­lich für die Kultur geplanten Ausgaben in den Kommunen nicht mehr gestemmt werden. Im SWR habe ich ein Plädoyer für die Kultur der Regionen formu­liert. Noch viel wich­tiger aber scheint es mir, schon jetzt laut aufzu­schreien: ÜBERALL, wo an der Musik gespart wird. Ich werde in den kommenden News­let­tern eine Kate­gorie dafür einfügen, eine Art Schwarz­buch des Kultur-Abbaus nach Corona: Hinweise per Mail sind sehr will­kommen. 

KRÄNZLE ZUM KLASSIK-TATORT

Bild aus dem Kriminalfilm "Dreams" der Reihe Tatort

Im letzten News­letter hatte ich über den München-Tatort berichtet, in dem die Klassik – mal wieder – ziem­lich verzerrt und welt­fremd darge­stellt wurde: Stress, Schlaf-Doping – Extrem­si­tua­tionen. Alles fürch­ter­lich, findet der Sänger Johannes Kränzle, der mir nun schrieb (und den Text auch auf seiner FB-Seite veröf­fent­lichte): „Klas­si­sche Musik ist im deut­schen Krimi fast durch­ge­hend negativ konno­tiert, und wird fast immer in Verbin­dung mit geho­benem Lebens­stan­dard gebracht. Meist hört der spätere Mörder in seiner luxu­riösen Villa klas­si­sche Musik, oft sind es in diesen Filmen die Unsym­pa­then, die Verwöhnten, die sich für diese Musik inter­es­sieren. Letzten Sonntag ging es um tödliche Konkur­renz, unbarm­her­zigen Leis­tungs­druck und schlimme Erkran­kungen (…). Dabei ist erwiesen, dass sich mit klas­si­scher Musik Beschäf­ti­gende weniger gewalt­be­reit verhalten als andere. Wäre da nicht auch mal eine andere weniger stereo­type Betrach­tung nötig. Diese nega­tiven Eindrücke bleiben bei denen haften, die sich sonst nicht mit dieser Musik und Szene beschäf­tigen. (…) Viel­leicht über­rascht uns mal ein Krimi mit durch klas­si­sche Musik beseelten Musi­kern und Hörern, die nicht die Täter sind. Das Thema wäre jeden­falls mal eine genauere Unter­su­chung wert.

Schon in der Netflix-Serie „Unor­thodox“ wurde das Klassik-Leben in klischee­haft stili­siert, auch der voll­kommen verun­glückte Gaga-Film „Unschulds­ver­mu­tung“ von über #metoo bei den Salz­burger Fest­spielen hat in der Klassik-Szene für Ärger gesorgt. Aber, im Ernst: Was kann man von Sendern erwarten, für die Klassik einmal im Jahr als OPUS-Gala auf dem Programm steht? Es fehlt auch hier an: Lobby! Viel­leicht, lieber Johannes Kränzle, sollten wir mal ein Tatort-Dreh­buch anbieten. Ach so – und dass das alles viel­leicht doch nicht so weit herge­holt ist, zeigt ein Sympo­sium des Zentrums für Berufs­mu­si­ke­rInnen in , das unter Leitung von Heidi Brandi Exper­tInnen aus dem Leis­tungs­sport und Musik­be­reich zusam­men­bringt, um Stra­te­gien für den Erhalt der psychi­schen Gesund­heit zu entwi­ckeln. 

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE I

Plácido Domingo als gestürzter Nabucco

musste mitten in einer Nabucco-Auffüh­rung an der passen und seine Rolle während der Auffüh­rung an den jungen mongo­li­schen Kollegen Amar­tuvshin Enkhbat über­geben. Aber, hey: Staats­opern­di­rektor Bogdan Roščić hat dem Sänger noch einen Zarzuela-Abend am Haus am Ring ange­boten. 30-jährige Insze­nie­rungen als „Neupro­duk­tionen“ und fast 100-jährige Sänger als Kassen­schlager – so alt sah die Staats­oper schon lange nicht mehr aus! +++ Man könnte es ein wenig befremd­lich finden, wenn aus Beet­hoven nicht nur BTHVN, sondern auch eine „Kulturmarke“ wird, aber man könnte auch feiern, dass BTHVN2020 nicht nur der Pandemie getrotzt, sondern auch die eigenen, nicht ganz unkom­pli­zierten Anfänge über­wunden hat. Nun wurde die Beet­hoven-Jubi­lä­ums­ge­sell­schaft mit dem Kulturmar­ken­preis ausge­zeichnet. „Das war eine ‚Mission Impos­sible‘ – ein natio­nales Beet­ho­ven­ju­bi­läum zu koor­di­nieren in einer Zeit, wo Musik­fes­ti­vals verboten waren“, sagte Malte Boecker, künst­le­ri­scher Geschäfts­führer. Insge­samt stellte BTHVN2020 über 1000 Projekte mit mehr als 200 Part­nern zwischen Dezember 2019 und September 2021 auf die Beine. +++ Der Regis­seur Frank Hilbrich leitet vom kommenden Jahr an die Opern­sparte am Theater – gemeinsam mit der Drama­turgin Brigitte Heusinger. Bisher besteht das Führungs­team der Oper aus der Drama­turgin und dem Gene­ral­mu­sik­di­rektor – der aber verlässt das Haus.

CORONA-TICKER

Blick in den Zuschauerraum der Bayerischen Staatsoper

Es ist leider wieder so weit: Die vierte Welle führt auch dazu, dass Corona in Orches­tern, Opern­häu­sern und Chören wieder zu einem ernsten Thema wird: Die Debatten zwischen Geimpften und Unge­impften inner­halb der Orchester spie­geln die Debatte in der Gesell­schaft wider, Gast­spiele finden nur mit Geimpften und, mal wieder (wie derzeit bei den Wiener Phil­har­mo­ni­kern in ), mit Quaran­täne-Auflagen statt, Unge­impfte müssen zu Hause bleiben. All das wirft viele Fragen auf, und viele Häuser werden derzeit auch ohne neue poli­ti­sche Regeln zum Schließen gezwungen. Promi­nen­testes Beispiel ist die , die ihre Türen bis zum 18. November dicht macht. Grund sei die „unsi­chere Coro­nalage“ unter den Mitar­bei­tern. Vor allem Musi­ke­rInnen seien so stark betroffen, dass durch die Dezi­mie­rung nicht mehr gespielt werden könne. „Wir haben schon sehr strenge Corona-Hygie­ne­maß­nahmen an der Baye­ri­schen Staats­oper. Vor allem, um immer das Vertrauen des Publi­kums und auch der Mitar­beiter aufrecht­zu­er­halten. Deshalb haben wir uns entschieden, extra Vorsichts­maß­nahmen zu imple­men­tieren“, sagte Serge Dorny dem BR.

Für den Kollegen Martin Zeyn vom BR ist das nur ein Vorbote eines even­tuell neuen Kultur-Lock­downs: „Jetzt haben wir die höchsten Infek­ti­ons­zahlen über­haupt. Was bedeutet, wir werden bald die Zeche dafür zahlen müssen, dass wir nicht recht­zeitig gehan­delt haben. (…) Die Theater, Opern und Museen haben diese Erfah­rung schon leid­voll gemacht. (…) Werden sich die Kultur­in­sti­tu­tionen dieses Mal durch­setzen können? Werden diesmal die Kultur­po­li­ti­ke­rinnen und -poli­tiker sich am Kabi­netts­tisch durch­setzen können mit ihrer Aussage: Wir sind auch system­re­le­vant  und wir haben bewiesen, dass wir wirk­liche Kontrollen durch­setzen können“, fragt Zehn und antwortet selber: „In den letzten einein­halb Jahre wurde deut­lich: Corona bedroht nicht nur das Leben von Menschen, sondern auch die Kultur exis­ten­tiell. Eine harte, bittere Erfah­rung in drei Wellen. Daraus nichts gelernt zu haben, das mache ich der Politik zum Vorwurf. Der Winter kommt. Auch diesmal!“ +++ Die Dramatik der Situa­tion führt zu über­ra­schenden Wendungen: Das Concert­ge­bouw in (das Orchester selber feierte gerade einen Giga-Erfolg mit dem wohl desi­gnierten GMD Klaus Mäkelä in Hamburg) bittet sein Publikum, bereits gekaufte Karten frei­willig zurück­zu­geben, um wieder die erlaubte Auslas­tungs­zahl von 1250 Tickets zu errei­chen. Absurde Zeiten! 

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE II

Die Gerüch­te­küche um die Nach­folge von Präsi­dentin Helga Rabl-Stadler bei den Salz­burger Fest­spielen brodelt weiter – ORF-Chef Alex­ander Wrabetz demen­tierte derweil, dass er sich beworben habe. +++ Die von Inten­dant Chris­toph Lieben Seutter musste vor Gericht: Ein Konzert­ver­an­stalter fühlte sich bei der Termin­ver­gabe benach­tei­ligt. Er wollte errei­chen, dass er bis zu 20 Veran­stal­tungen pro Jahr mit von ihm vertre­tenen Künst­lern im Großen Saal des berühmten Konzert­hauses orga­ni­sieren könne. Das Urteil des Zivil­pro­zesses war bei Redak­ti­ons­schluss noch nicht bekannt.

Als Kampf zweier Diven erklärt der Schweizer Jour­na­list Chris­tian Berzins die neuen Alben von (alte Aufnahmen) und , die zeigt, dass sie zu Recht als „beste Sopra­nistin unserer Zeit“ gefeiert wird. Allein wenn man „die drei Ausschnitte aus Wagner­opern“ höre, „hofft man, dass die Russin diese Rollen richtig lernt“, resü­miert Berzins. +++ Lesens­wert das Porträt über Tonhalle-Inten­dantin Ilona Schmiel beim BR. Sie sagt unter anderem: „Manchen Frauen fehlt schlicht der Mut, sich ins Wasser zu stürzen und einfach schwimmen zu lernen in diesen Posi­tionen.“ +++ Die polni­sche Sopra­nistin Aga Mikolaj ist an den Folgen einer Covid-Infek­tion verstorben. Einem breiten Publikum war sie unter anderem als Woglinde in Daniel Baren­boimsRing“-Zyklus bekannt.

UND WO BLEIBT DAS POSI­TIVE, HERR BRÜG­GE­MANN?

Kinderoper "Jorinde" im MuTh in Wien

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Viel­leicht hier. Nachdem ich wirk­lich lange unter­wegs war, gab es endlich mal wieder Zeit für eine Art zu Hause – und: Kinder­oper. Klar, ich habe schon Karten für „Hänsel und Gretel“ bestellt, aber Modern hat diese Woche gezeigt, dass Klassik für Kinder nicht immer seicht, kitschig oder Zucker­guss-Klassik sein muss. Die Neue Oper „Jorinde“ von Maria Gstättner ist eine Parabel um Frei­heit – von Azelia Opak span­nend, schlicht und sinn­lich in Szene gesetzt für das Landes­theater und Wien Modern. Die Weih­nachts­zeit beginnt: Nehmen Sie Ihre Kinder oder Enkel mit – dorthin, wo es gut klingt!

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

[email protected]​crescendo.​de

Fotos: Theater Hannover (Titel), NDR/​dpa, BR, Wiener Staats­oper, Wilfried Hösl / Baye­ri­sche Staats­oper, Simeon Jaks (M.U.T.H)