Willkommen in der neuen Klassik-Woche

heu­te mit Coro­na-Klas­sik-News, Dom­in­gos geplatz­tem Deal und eini­gen Hän­den voll Schlamm bei den Oster­fest­spie­len in Salz­burg.

WAS IST

Beson­ders betrof­fen von Coro­na: das Klas­sik-Leben in Ita­li­en

UND SCHON WIEDER EIN CORONA-UPDATE

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Die Sache wird all­mäh­lich unüber­sicht­lich – Mai­land und Vene­dig abge­rie­gelt. Inter­na­tio­nal spie­len vie­le Orches­ter nur noch vir­tu­ell, um das Publi­kum zu Hau­se per You­Tube zu unter­hal­ten. Per­vers schon fast die so genann­te „Coro­na Sick List“, die Nor­man Leb­recht führt – jeder infi­zier­te Klas­sik-Künst­ler wird hier auf­ge­führt. Ernüch­ternd dage­gen die öffent­li­chen Erklä­run­gen der Künst­ler sel­ber. Kom­po­nist Brett Dean schreibt aus der aus­tra­li­schen Qua­ran­tä­ne, wie bei ihm in Asi­en immer wie­der – ohne Sym­pto­me fest­zu­stel­len – Fie­ber gemes­sen wur­de und er zwei Mal nach Hau­se geschickt wur­de, als er mit Hus­ten zum Arzt ging. Der­weil fal­len immer mehr Gast­spie­le dem Virus zum Opfer. Für anste­hen­de Tour­ne­en des Beet­ho­ven Orches­ters sol­len bereits Car­go-Flü­ge im Früh­ling gestri­chen sein, und immer mehr Ensem­bles aus den USA den­ken dar­über nach, ihre Tour­ne­en nicht nur nach Asi­en, son­dern auch nach Euro­pa abzu­sa­gen. In San Fran­cis­co wur­den eben­falls ers­te Kon­zer­te abge­sagt, in Mos­kau wird bei Musi­kern Fie­ber gemes­sen – mit mehr als 37,2 Grad darf nie­mand auf die Büh­ne. Auch die Musik­mes­se in Frank­furt wur­de bereits abge­sagt.  

DOMINGO-DEAL PLATZTE

Etwas unan­ge­nehm für Pláci­do Dom­in­go: Der 500.000 Dol­lar-Deal, den er in den USA schlie­ßen woll­te, platz­te. Das Geschäft wur­de von einem Whist­leb­lo­wer an die New York Times wei­ter­ge­ge­ben. Dem­nach soll Dom­in­go die Zah­lung zuge­si­chert haben, wenn die Ame­ri­can Guild Of Musi­cal Artists die Ergeb­nis­se ihrer juris­ti­schen Unter­su­chun­gen nicht wei­ter breittritt. Die AGMA plan­te also ledig­lich eine ober­fläch­li­che Zusam­men­fas­sung und den Ver­zicht auf wei­te­re Schrit­te. Nach dem Plat­zen des Deals sicker­te nun durch: Der Tenor habe Frau­en begrapscht, ihnen uner­wünsch­te Küs­se auf­ge­drückt, sie spät­nachts mit Anru­fen beläs­tigt und zum Geschlechts­ver­kehr gedrängt. In einer Umfra­ge in mei­ner Ins­ta-Sto­ry waren von meh­re­ren 100 Teil­neh­mern knapp 60 Pro­zent dafür, dass Dom­in­go trotz­dem wei­ter auf­tre­ten soll. Dom­in­go sel­ber aber scheint all­mäh­lich zu begrei­fen, dass Rück­zug eine Alter­na­ti­ve sein könn­te. Sei­ne kom­men­den Auf­trit­te in Lon­don hat er bereits abge­sagt. Die Washing­ton Post berich­tet, wie Opern­häu­ser den Namen Dom­in­gos etwa aus ihren Nach­wuchs-Pro­gram­men til­gen.

ZUM FREMDSCHÄMEN: SCHLAMMSCHLACHT IN SALZBURG

Das Maga­zin News ver­öf­fent­lich­te die Mail von Bach­ler, die im Netz kur­sier­te (Aus­riss).

Die Oster­fest­spie­le in Salz­burg star­ten mit einer Schlamm­schlacht. Noch-Inten­dant Peter Ruzi­cka und Diri­gent Chris­ti­an Thie­le­mann benut­zen neu­er­dings Öster­reichs ope­ret­ten­haf­ten Bou­le­vard-Kul­tur-Jour­na­lis­ten Heinz Sich­rovs­ky vom Maga­zin News für ihren Rache­feld­zug. Der ver­öf­fent­lich­te eine per­sön­li­che Mail, die der zukünf­ti­ge Fest­spiel-Inten­dant, Niko­laus Bach­ler, offen­sicht­lich in Rage an Peter Ruzi­cka geschrie­ben hat­te. Sich­rovs­ky, der im Vor­feld mit sei­nen Spe­ku­la­tio­nen über die Zukunft der Fest­spie­le andau­ernd falsch gele­gen hat­te (wahr­schein­lich damals schon von Ruzi­cka mani­pu­liert), regt sich nun über Bach­lers Recht­schreib­feh­ler auf und legt sich rhe­to­risch für Thie­le­mann ins Zeug. Dabei steht in Bach­lers Mail viel Wah­res: Ruzi­cka wür­de Thie­le­mann benut­zen, wür­de die Fest­spie­le abwirt­schaf­ten und sei­ne Auf­trit­te sei­en weit­ge­hend zum Fremd­schä­men. Fakt ist: Die Oster­fest­spie­le haben schnell noch ein Jugend-Abo auf­ge­legt, um die frei­en Plät­ze zu stop­fen.  

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Bald ist Buchungsschluss!

Wenn Ihre Ver­an­stal­tun­gen im Fest­spiel-Gui­de 2020/21 erschei­nen sol­len, schrei­ben Sie eine Mail an engelhard@crescendo.de

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FEYHEIT FÜR DIE SEMPEROPER

Er und sei­ne Machen­schaf­ten haben uns an die­ser Stel­le lan­ge beschäf­tigt: Nun wur­de Hans-Joa­chim Freys Ver­trag über den Opern­ball mit der Sem­per­oper in Dres­den gekün­digt. Frey sorg­te für Ärger, unter ande­rem, weil er Ägyp­tens tyran­ni­schen Macht­ha­ber El-Sisi ein­la­den woll­te. Am Ball sel­ber wol­le man in Dres­den aller­dings fest­hal­ten und Neu­ver­hand­lun­gen füh­ren, um „Anpas­sun­gen“ von Ver­trags­in­hal­ten zu errei­chen, erklär­te Opern-Inten­dant Peter Thei­ler.

WAS WAR 

Büh­nen­bild von Falk Rich­ters „Fear“ an der Schau­büh­ne Ber­lin

PEINLICH: AfD WILL MEHR DEUTSCHES THEATER

In einem Ände­rungs­an­trag zum sach­sen-anhal­ti­schen Haus­halt for­dert die AfD, die Mit­tel für die Büh­nen im Land bereits in die­sem Jahr um 18 Mil­lio­nen Euro zu kür­zen. Sie argu­men­tiert: „Ins­be­son­de­re wer­den kaum deut­sche Thea­ter­stü­cke auf die Büh­ne gebracht.“ Johan­nes Wei­gand, Gene­ral­inten­dant des Anhal­ti­schen Thea­ters, sieht in der For­de­rung vor allem den Ver­such, Druck auf die Thea­ter­ma­cher aus­zu­üben. Die ver­meint­li­chen Jün­ger der Kul­tur­na­ti­on Deutsch­land bewei­sen, dass sie ihren Beet­ho­ven und Goe­the nie ver­stan­den haben.  

ALLE MUSIK FÜR ALLE

Der Musi­ker und Anwalt Dami­en Riehl hat ein Pro­gramm ent­wi­ckelt, in dem ein Com­pu­ter per Algo­rith­mus Noten erar­bei­tet. Die Noten-Fol­gen will Riehl gemein­frei (also ohne Rech­te-For­de­run­gen) zur frei­en Ver­fü­gung stel­len. Die Crux dabei: Der Com­pu­ter gene­riert 300.000 Melo­di­en mit der Abfol­ge von acht Tönen und zwölf Schlä­gen pro Sekun­de. Dar­un­ter eben auch „zufäl­lig“ bekann­te Melo­di­en, die aber – da offen­sicht­lich vom Com­pu­ter „neu erfun­den“ – von jedem kos­ten­los kopiert wer­den dür­fen. Als Moti­va­ti­on nennt Riehl bekann­te Copy­right­kla­gen unter Musi­kern – etwa als die Chif­fons gegen­über dem Ex-Beat­les-Mit­glied Geor­ge Har­ri­son den Vor­wurf auf­brach­ten, er hät­te in sei­nem Song „My Sweet Lord“ die Melo­die von „He’s So Fine“ abge­kup­fert. Fast 30 Jah­re lang wur­de dar­um pro­zes­siert, ehe ein Gericht Har­ri­son wegen „unter­be­wuss­ten Pla­gi­ats“ ver­ur­teil­te.

PERSONALIEN DER WOCHE

Der Tenor Jonas Kauf­mann ist vom Roy­al Col­le­ge of Music (RCM) in Lon­don zum Ehren­dok­tor ernannt wor­den. Der Titel wur­de dem gebür­ti­gen Münch­ner am Diens­tag von Prinz Charles ver­lie­hen. Die Ehren­dok­tor­wür­de erhielt auch der Diri­gent und Musik­di­rek­tor des Roy­al Ope­ra House, Anto­nio Pap­pa­no. +++ Der Preis der Chris­toph-und-Ste­phan-Kas­ke-Stif­tung 2020 geht an den Kom­po­nis­ten Peter Micha­el Hamel. +++ Auf­re­ger der Woche in den sozia­len Netz­wer­ken: Musik­kri­ti­ker Wolf­ram Goertz erklär­te in der Rhei­ni­schen Post eine Lis­te über­schätz­ter Opern – dazu gehö­ren für ihn „Der Frei­schütz“ oder „Die Göt­ter­däm­me­rung“.

UND DAS NOCH

Neu­er­dings ver­an­stal­te ich auf mei­ner Ins­ta-Sto­ry regel­mä­ßig Umfra­gen zu aktu­el­len The­men der Klas­sik. Hier die Ergeb­nis­se der letz­ten Woche:

In die­sem Sin­ne: hal­ten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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