Am 22. Novem­ber 2019 wäre der Kom­po­nist, Diri­gent und För­de­rer Hans Zen­der (Foto oben: © Astrid Acker­mann) 83 Jah­re alt gewor­den. Die Neue-Musik-Rei­he musi­ca viva des Baye­ri­schen Rund­funks wid­met ihr Kon­zert im Münch­ner Her­ku­les­saal der Resi­denz an jenem Tag der Erin­ne­rung an ihn. Zur Auf­füh­rung kommt Zen­ders „kom­po­nier­te Inter­pre­ta­ti­on“ von Beet­ho­vens Dia­bel­li-Varia­tio­nen für Orches­ter aus dem Jahr 2011. 33 Varia­tio­nen kom­po­nier­te Beet­ho­ven in die­sem Spät­werk über einen Wal­zer von Anto­nio Dia­bel­li. Wie Zen­der in einem Gespräch mit dem Psy­cho­ana­ly­ti­ker Johan­nes Picht, der sich in vie­len Schrif­ten mit der Bezie­hung von Musik und Psy­cho­ana­ly­se aus­ein­an­der­setz­te, aus­führt, habe Beet­ho­ven damit bereits den wich­tigs­ten Aspekt der Moder­ne vor­weg­ge­nom­men: „Das Sub­jekt des Kom­po­nis­ten bezieht bewusst sti­lis­ti­sche Posi­tio­nen ande­rer his­to­ri­scher Zei­ten ein.“ Viel­leicht sei Beet­ho­ven der ers­te Musi­ker gewe­sen, der sich bewusst „als geschicht­li­ches Wesen erfah­ren und reflek­tiert hat“, mut­maßt Zen­der. Mit sei­ner eige­nen Kom­po­si­ti­on 33 Ver­än­de­run­gen über 33 Ver­än­de­run­gen suche er, „die Ein­be­zie­hung der Geschich­te zu leis­ten, die zwi­schen uns und Beet­ho­vens liegt“.

Solist in Klaus Ospalds Komposition „Más raíz, menos criatura“ ist der Pianist Markus Bellheim
(Foto: © Birgit Bellheim)

Eben­falls auf dem Pro­gramm steht Más raíz, menos cria­tu­ra auf einen Text des Dich­ters Miguel Hernán­dez von Klaus Ospald, der den Hap­py­Ne­wEars-Preis für Kom­po­si­ti­on der Hans und Ger­trud Zen­der-Stif­tung erhält. Zu den Aus­füh­ren­den des Abends gehö­ren das Ensem­ble Sin­ger­Pur, der Pia­nist Mar­kus Bell­heim sowie das Sym­pho­nie­or­ches­ter des Baye­ri­schen Rund­funks unter Peter Run­del.
Als Inter­pret wie als Kom­po­nist setz­te sich Hans Zen­der mit Wer­ken der Ver­gan­gen­heit aus­ein­an­der. Sein Dia­log mit Haydn (1982) befasst sich mit der aus dem 18. Jahr­hun­dert ererb­ten Dif­fe­renz zwi­schen tem­pe­rier­ter und rei­ner Stim­mung. Sei­ne „kom­po­si­to­ri­sche Inter­pre­ta­ti­on“ Schu­berts ‚Win­ter­rei­se‘ (1993) gibt durch sei­ne indi­vi­du­el­le Les­art dem Text eine neue Form. Und sei­ne Beet­ho­ven-Rezep­ti­on brach­te er bereits mit Höl­der­lin lesen (1979/87) zum Aus­druck. Mit Ste­phen Cli­max nach einem Text aus dem Roman Ulys­ses von James Joy­ce schuf Zen­der 1979/84 sei­ne ers­te Oper, gefolgt von Don Qui­jo­te de la Man­che. Dar­in ent­wi­ckel­te er nach eige­nen Wor­ten „31 ver­schie­de­ne Thea­ter­for­men, deren jede die glei­che Figur, Don Qui­jo­te, in einem ande­ren Aspekt zeigt – wie ein in 31 Stü­cke zer­bors­te­ner Spie­gel“. Ein wei­te­rer Teil sei­nes Schaf­fens galt der Beschäf­ti­gung mit der asia­ti­schen Kul­tur. So ent­stan­den Wer­ke wie Muji No Kyō (1975), die Rei­he Lo-Shu (1977/78) oder der Zyklus Shir Has­h­irim (1992/96), in denen Zen­der auf die abend­län­di­sche Musik­spra­che ver­zich­te­te und eine ande­re Zeit­vor­stel­lung zur Grund­la­ge nahm.

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Steht am Pult des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks: Peter Rundel
(Foto: © Astrid Ackermann)

Als Diri­gent wirk­te Zen­der an allen Zen­tren des inter­na­tio­na­len Musik­le­bens. Von 1971 bis 1984 war er Chef­di­ri­gent des Sin­fo­nie­or­ches­ters des saar­län­di­schen Rund­funks und ver­lieh der 1970 gegrün­de­ten Rei­he „Musik im 20. Jahr­hun­dert“ mit zahl­rei­chen Ur- und Erst­auf­füh­run­gen inter­na­tio­na­les Anse­hen. Von 1984 bis 1987 war er Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor und Chef­di­ri­gent der Staats­oper Ham­burg, der er 1985 mit der Insze­nie­rung von Lui­gi Nonos Intol­ler­an­za über­re­gio­na­le Bedeu­tung ver­lieh. Von 1988 bis 2000 hat­te er eine Pro­fes­sur für Kom­po­si­ti­on an der Hoch­schu­le für Musik in Frank­furt am Main inne. 2004 grün­de­te das Ehe­paar Zen­der die Hans und Ger­trud Zen­der-Stif­tung, die seit 2011 alle zwei Jah­re Prei­se zur För­de­rung und Unter­stüt­zung der Neu­en Musik ver­gibt. Am 22. Okto­ber 2019 starb Hans Zen­der an sei­nem Wohn­ort Meers­burg am Boden­see.
Wei­te­re Infor­ma­tio­nen zum Kon­zert am 22. Novem­ber 2019 der Rei­he musi­ca viva im Münch­ner Her­ku­les­saal: www.br-musica-viva.de  

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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