KlassikWoche 36/2020

So wird es nicht weiter­gehen!

von Axel Brüggemann

30. August 2020

Das Ende von Columbia Artists und die Auswirkungen von Corona, der Wandel der Klassik-Welt, die Künstler-Proteste gegen die Beschränkungen von Aufführungen.

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

die Meldung vom Wochen­ende hat einge­schlagen: Eine der größten Künst­ler­agen­turen, CAMI, meldet Konkurs an. Was das bedeutet? Wohl auch, dass der unaus­weich­liche Umbruch der Klassik begonnen hat.

DAS ENDE VON COLUMBIA ARTISTS

Die Liste der Künstler ist lang: Diri­genten wie , oder , der Pianist Vladimir Horo­witz, Sänge­rinnen wie , oder Elisa­beth Schwarz­kopf. Seit 1930 vertritt die Agentur Columbia Artists die größten Klassik-Künstler und heute noch Stars wie , oder Orchester wie die , das oder das . Gestern kam die nicht mehr ganz über­ra­schende Nach­richt: Es ist Schluss! Die Auswir­kungen durch Corona sind zu groß. Eine Zeiten­wende.

Das Ende großer Agen­turen ist ein Sinn­bild für den Anfang eines grund­le­genden Wandels der Klassik-Welt: Muss es denn tatsäch­lich sein, dass ein staat­lich subven­tio­nierter Veran­stalter einer Musi­kerin, die mehrere 10.000 Euro verdient auch noch gekühltes Kokos-Wasser bereit­stellen muss, damit sie keine schlechte Laune bekommt? Die Frage ist, ob wir große Agen­turen in Zukunft noch brau­chen, zur Orga­ni­sa­tion großer, inter­na­tio­naler Tour­neen. Oder sind sie die Dino­sau­rier einer alten Klassik-Welt, in der die immer glei­chen Orchester und Künstler an allen Orten der Welt zu erleben sind? Viel­leicht geht es in Zukunft ja auch eine Nummer kleiner, eine Nummer direkter, eine Nummer persön­li­cher, eine Nummer intimer. Und vor allen Dingen: eine Nummer weniger arro­gant. 

Tenor war selber lange bei der CAMI – auf Face­book stellt er nun die kriti­sche Frage, wo eigent­lich all die Millionen hin seien, welche die Agentur durch die Künstler geschef­felt habe. Er nennt es das CAMI-System ein „House of cards“ und sieht es nun nicht ganz so erstaunt, wohl aber betroffen, einstürzen – ohne Rück­sicht auf die Künstler, die dieses System einst mal fördern wollte. Über den Wandel der Klassik-Szene machen sich auch Katha­rina Hirsch­mann und Chris­toph Irrgeher in der Wiener Zeitung Gedanken – mit einem lesens­werten Pro und Contra zum Star­kult um und Co.

KÜNSTLER-PROTEST GEGEN KULTUR­PO­LITIK

Zu Recht protes­tieren immer mehr Klassik-Künstler in gegen die inter­na­tional beson­ders großen Beschrän­kungen der Auffüh­rungs­mög­lich­keiten. Die haben es vorge­macht: Kluge Sicher­heits­kon­zepte lassen „echte“ Konzerte durchaus zu – getes­tete Künstler, Publikum mit Abstand. So beginnt in Öster­reich allmäh­lich überall der Konzert­be­trieb (und jeder, der ein Konzert besucht hat, wird schnell fest­stellen, wie groß­artig es ist, endlich wieder 100 Musiker zu hören!). Ganz anders ist die Situa­tion in Deutsch­land. Was den beson­ders lieben Freund dieses News­let­ters, Münchens Staats­opern­chef Niko­laus Bachler, auf die Palme bringt: „Deutsch­land ist derzeit mehr oder weniger auf dem Weg in die Plan­wirt­schaft, wo nur noch Anord­nungen und Verbote gelten und die Eigen­ver­ant­wor­tung schwindet“, sagte er der Münchner Abend­zei­tung. Und auch die baye­ri­schen Orchester werden aktiv: Die Orches­ter­vor­stände der beiden großen Münchner Konzert­or­chester appel­lieren in einem Offenen Brief an Minis­ter­prä­si­dent Markus Söder, flexible Lösungen zuzu­lassen und die Größe der Auffüh­rungs­orte zu berück­sich­tigen. Denn 200 Besu­cher gelten auch im Natio­nal­theater oder im Gasteig, obwohl unter Einhal­tung der geltenden Abstands­re­ge­lung von 1,5 Metern erheb­lich mehr Besu­cher einge­lassen werden könnten. Im Gasteig werden bei den ersten Konzerten der Münchner Phil­har­mo­niker nur 200 Besu­cher sitzen. Wenn das Orchester unter dann wenige Tage später in der Alten Oper gastieren wird, spielt es vor 600 Zuhö­rern, während nebenan in -Würt­tem­berg nur 500 Besu­cher erlaubt sind – noch viel größer sind die Besu­cher­zahlen in Öster­reich. Und auch in Berlin will man nun den Aufbruch: In einem wie immer kraft­strot­zend opti­mis­ti­schen Inter­view erklärt , dass er „die Power“ habe, um drei Premieren selber zu stemmen. An der Deut­schen Oper gurgeln Regis­seur und sein Ensemble bereits regel­mäßig, um gemeinsam die Walküre proben zu können. Ausge­rechnet Chris­tian Wild­hagen stellt in der NZZ aller­dings die Gegen­frage:Endlich wieder Live-Konzerte! Doch die Euphorie des Aufbruchs täuscht: Bis auf weiteres spielt die Musik­welt mit denkbar hohem Einsatz. Ist es das wert?“ Meine ganz persön­liche Antwort: Ja, wir müssen tanzen, an der Grenze – und trotzdem aufpassen, dass wir sie nicht über­schreiten.

DEUTSCH­LAND­FUNK GEGEN LIVE-KONZERTE

Seven Deaths of Maria Callas

Ich habe gedacht, ich hör’ nicht richtig, als eine sonore Stimme im Deutsch­land­funk mir zuflüs­terte, ob ich mir auch lieber keine Konzerte mit Mund­schutz antun wolle, ob ich es auch zu anstren­gend fände, mich online zu regis­trieren und mir sugge­rierte: „Hey, geh da lieber nicht raus, ins rich­tige Leben! Zu gefähr­lich!“ Statt­dessen schlägt der Deutsch­land­funk vor: Hört die Konzerte doch gemüt­lich zu Hause, bei uns im Radio und „on demand“. Hallo, Mann im Radio!?! Merkt Ihr eigent­lich noch, was Ihr da tut? Abge­sehen, dass von einer Deutsch­land­funk-Über­tra­gung kaum ein Ensemble (außer die öffent­lich-recht­li­chen Orchester) leben kann, warnt der Sender nun auch noch aktiv davor, in diesen Tagen ins Konzert zu gehen. Und das zu einem Zeit­punkt, da die Konzert­land­schaft sich endlich ein biss­chen berap­pelt und nichts mehr erwartet, als eine Öffnung. Nicht ganz so markt­schreie­risch eröffnet arte seine virtu­elle Opern­saison am 1. September mit den „7 Deaths of “ aus der Münchner Staats­oper mit dem Diri­genten . Und noch eine Meldung aus der Welt der Medien: Öster­reichs radio klassik Stephansdom geht mit DAB+ auf Sendung und ist so von 83% aller Öster­rei­cher zu empfangen.

WIENER PHIL­HAR­MO­NIKER IN ZUKUNFTS­SORGE

Künst­le­risch haben die – gerade auch in Salz­burg – begeis­tert. Finan­ziell kommen sie allmäh­lich in Schwie­rig­keiten, erklärt Vorstand Daniel Froschauer dem ORF: „In der Oper sind wir ange­stellt, als Wiener Phil­har­mo­niker sind wir selbst­ständig. Als in der Oper Ange­stellte haben wir 80 Prozent Kurz­ar­beit bekommen, und als Phil­har­mo­niker haben wir nichts bekommen, weil wir nicht gespielt haben. Wir haben 31 Konzerte nicht gespielt, das sind schon einige Millionen Euro, die da nicht erwirt­schaftet wurden. Aber das ist als Unter­nehmer einfach so. Wir blicken mit großer Sorge in die Zukunft. Wir haben ja eigent­lich eine Asien­reise geplant für Mitte Oktober bis Mitte November. Natür­lich, man kann auch mehr in Europa spielen, aber wir sind nicht nur als Botschafter in der ganzen Welt tätig, sondern das ist auch ein wirt­schaft­li­cher Faktor, der dann wegbricht.“ Mit öster­rei­chi­scher Zurück­hal­tung reagiert Froschauer auf den neuen Chef­di­ri­genten, Phil­ippe Jordan: „Ich freue mich auch auf Phil­ippe Jordan. Er war jetzt lange nicht bei uns, aber wir sind da offen. Jordan bringt viel Erfah­rung von der Pariser Oper mit. Wir Phil­har­mo­niker arbeiten gerne, um uns zu verbes­sern. Wenn jemand sich konstruktiv einbringt, sehen wir das positiv.“ Zuletzt kam die Staats­oper ja ohne Musik­di­rektor aus, erklärt der ORF und fragt: Braucht es die Posi­tion über­haupt? „Es hat immer wieder Zeiten gegeben, in denen es keinen Musik­di­rektor in der Oper gegeben hat. Wir sind phil­har­mo­nisch, wir haben so unsere Diri­genten, die das Neujahrs­kon­zert diri­gieren. und und einige andere – das sind so unsere Musik­di­rek­toren, wenn man das sagen kann. Wir sind froh, wenn sie kommen, und wir sind auch wieder froh, wenn sie wieder gehen. Das ist aber absolut liebe­voll gemeint.

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE

wird den Salz­burger Pfingst­fest­spielen noch bis 2026 als Künst­le­ri­sche Leiterin erhalten bleiben. Ihr im kommenden Jahr auslau­fender Vertrag ist am Freitag um fünf weitere Jahre verlän­gert worden. Die italie­ni­sche Sängerin leitet das Mini­fes­tival der Fest­spiele bereits seit 2012. +++ hat channel4 verraten, dass er es schon immer bescheuert fand („I felt rather uncom­for­table“), bei der Last Night of the Proms impe­ria­lis­ti­sche Gassen­hauer wie „Rule Britannia“ zu spielen. +++ Corona-Regeln machen auch der Justiz zu schaffen. Die Süddeut­sche meldet: Der Prozess gegen einen ehema­ligen Kompo­si­ti­ons­pro­fessor an der Hoch­schule für Musik in , dem unter anderem mehr­fache Verge­wal­ti­gung vorge­worfen wird, sollte laut Gliwitzky beispiels­weise schon im April beginnen. Nun ist er auf Mitte November verschoben. +++ Der deut­sche Musik­ma­nager Alex­ander Neef soll nach Angaben des fran­zö­si­schen Kultur­mi­nis­te­riums die Leitung der Pariser Oper bereits diese Woche über­nehmen. Kultur­mi­nis­terin Rose­lyne Bachelot habe dem Präsi­di­alamt vorge­schlagen, dass Neef wegen der schwie­rigen wirt­schaft­li­chen Lage der Oper den Posten von Stéphane Lissner bereits zum 1. September über­nehmen solle. +++ Das Festival unter dem heutigen Chef des , Johannes Neubert, stellt sich allmäh­lich als Klassik-Kader­schmiede heraus: Erst wech­selte Ursula Hasel­böck als Inten­dantin zu den Fest­spielen nach , nun geht Ulrike Niehoff – mit Umweg über die zum Concert­ge­bou­wor­kest nach Amsterdam, das sie gemeinsam mit Dominik Winter­ling und David Bazen leiten wird. +++ Nach beinahe 430 Jahren schließt Ende September die wich­tigste Fach­buch­hand­lung für Musik­li­te­ratur und Noten in der Stadt Salz­burg – die Mayri­sche Musi­ka­li­en­hand­lung.

Heute feiert übri­gens seinen 75. Geburtstag. Nicht nur einer der besten, sondern auch einer der lustigsten Geiger! Alles Gute!

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

[email protected]​crescendo.​de

Fotos: Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper