KlassikWoche 48/2020

Julia Fischers Wut, Jonas Kauf­manns Schmäh und Peter Spuh­lers Raus­wurf

von Axel Brüggemann

23. November 2020

Die Wutrede von Julia Fischer, das Weihnachtsalbum von Jonas Kaufmann, der Rauswurf von Peter Spuhler.

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

dieses Mal mit einer revo­lu­tio­nären Bestands­auf­nahme der Klassik, mit einem Raus­wurf in , viel Musik und einem Plausch mit . Und vorweg: Mitleid mit dem armen Jura-Studenten, dessen Haus­ar­beit die Post aus Versehen nach Beirut statt nach Bayreuth geschickt hat – Kopf hoch, das ist schon mit dem ersten Drachen-Modell des „Ringes“ passiert und brachte Wagner in Rage! 

WUNDER­BARE WUTREDE VON JULIA FISCHER 

Ich mag die Geigerin , nicht nur, weil sie eine der Besten ist, sondern auch, weil sie längst ein Stadium erreicht hat, in dem sie niemandem mehr gefallen muss, um weiter zu kommen. Julia Fischer ist unan­tastbar, und deshalb kann sie auch gegen Agen­turen, den Öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk und Plat­ten­firmen wettern, ohne auch nur annä­hernd belei­digt zu wirken. Dem VAN-Magazin sagte sie gerade: „Wenn ARD und ihren Bildungs­auf­trag nicht wahr­nehmen, haben sie nicht das Recht, unsere Gebühren zu bekommen. Das kreide ich den öffent­lich-recht­li­chen Anstalten wirk­lich an.

Und über Plat­ten­firmen: „Es ist nicht so, dass ich von Decca weg bin, weil die doof sind, sondern weil ich dachte: Es geht auch einfa­cher. Jetzt habe ich die Möglich­keit, eine Aufnahme zu teilen, wenn ich sie teilen möchte. Ich bin meine eigene Herrin. Dieser Apparat, der bei einer großen Plat­ten­firma dahin­ter­steckt … Ich muss mit den Reper­toire­zu­stän­digen reden, mit dem PR-Menschen, dann muss ich Rück­sicht darauf nehmen, was die Kolleg:innen gerade aufnehmen, damit es sich nicht über­schneidet … Es ist einfach nicht notwendig, sich so einzu­engen.“ Letzt­lich ist das, was sie Hartmut Welscher erzählte, ja auch gar nicht beson­ders provo­kant, denn ARD und ZDF oder auch die großen Labels sind schon lange nicht mehr die „Mover und Shaker“ der Musik, die sie gern wären. Sie sind eher Dino­sau­rier, die es verpasst haben, mit Leuten wie Julia Fischer eine neue Zukunft zu beginnen und ihre wach­sende Bedeu­tungs­lo­sig­keit bis heute oft noch nicht kapiert haben. 

LOCK­DOWN IN ÖSTER­REICH

Das Ende einer Branche befürchtet Laurent Delage in den Salz­burger Nach­richten. Der gebür­tige Pariser, der in Öster­reich als Künst­ler­ver­mittler arbeitet, warnt, die Coro­na­krise würden nur die Berühm­testen über­leben wie , oder . In und den sei alles zu, in Asien und Übersee seien Auftritte prak­tisch unmög­lich. „Alles konzen­triert sich auf wenige euro­päi­sche Länder.“ In diesem Über­le­bens­kampf gehe es psychisch allen schlecht. „Viele werden auf der Strecke bleiben. Man hat das Gefühl, dass die ganze Branche gerade zusam­men­kracht.“ Der öster­rei­chi­sche Inten­dant, Pianist und Diri­gent Florian Krum­pöck hat derweil Verfas­sungs­klage gegen die jüngste Schlie­ßung der Kultur­stätten in Öster­reich ange­kün­digt. Mit dem Juristen Florian Dittrich und dem Rechts­an­walt Wolfram Proksch will Krum­pöck klären lassen, ob die aktu­ellen Schlie­ßungen verhält­nis­mäßig sind, ob sie notwendig sind und ob sie tatsäch­lich – wie behauptet – für weniger Infek­tionen durch Corona sorgen, erklärte er mir in einem Gespräch. Für diese Aktion hat er eine Fund­rai­sing-Kampagne unter dem Titel „Oh grau­en­volle Stille“ gestartet.

SCHLUSS FÜR PETER SPUHLER?

Es war eine endlose Geschichte: Es ging um unkol­le­giales Benehmen, gravie­rende Führungs-Defi­zite, um Burn­outs im Ensemble und andere Über­griffe. Nun scheint der Druck für Karls­ruhes Inten­danten (wir haben immer wieder berichtet) auch poli­tisch größer zu werden. Die Vorsit­zenden des Verwal­tungs­rats des Badi­schen Staats­thea­ters wollen eine vorzei­tige Vertrags­auf­lö­sung, melden die Badi­schen Neuesten Nach­richten. Kunst­mi­nis­terin Theresia Bauer und Ober­bür­ger­meister Frank Mentrup empfehlen demnach dem Verwal­tungsrat, in dessen nächster Sitzung am 30. November 2020 den Dienst­ver­trag mit Gene­ral­inten­dant Peter Spuhler über eine dritte Inten­danz für den Zeit­raum vom 1. September 2021 bis 31. August 2026 im gegen­sei­tigen Einver­nehmen aufzu­lösen.

NÜRN­BERG IST ÜBERALL

Ein neuer Konzertsaal für Nürnberg neben der Meistersingerhalle?

Zur Wahr­heit gehört auch, dass einige Klassik-Künstler durchaus berech­tigt fragen: Muss es denn einen neuen Konzert­saal neben der Meis­ter­sin­ger­halle in geben? Fakt ist: Er wurde geplant, sollte 200 Millionen Euro kosten und wurde nun auf Eis gelegt. Auch der frühere Chef­di­ri­gent der , Alex­ander Shelley, hat sofort protes­tiert. Wirk­lich ernüch­ternd war die Begrün­dung: Das städ­ti­sche Defizit sei durch Corona so groß geworden, dass man sich dieses Kultur­pro­jekt nun nicht länger leisten könne. Die Gesamt­ver­schul­dung der Stadt Nürn­berg beläuft sich im Haus­halt 2021 auf rund 1,74 Milli­arden Euro. 

Nicht auszu­schließen, dass der neue Konzert­saal in Nürn­berg nur der Vorbote einer viel größeren Spar-Orgie ist, die uns in vielen deut­schen Städten bevor­steht: Rund­funk­or­chester, Stadt­theater und natür­lich auch Kultur­bauten werden in naher Zukunft wohl noch öfter auf den Prüf­stand gestellt. Noch haben Kultur­schaf­fende ein wenig Zeit, um Stra­te­gien dagegen zu suchen – andere, als zu lamen­tieren, wenn es zu spät ist. Übri­gens: Am Bau des Volks­bades soll in Nürn­berg weiterhin fest­ge­halten werden.

CORONA-KLASSIK-TICKER 

Nun also doch: Musik und Theater sind keine „Frei­zeit­be­schäf­ti­gungen“ mehr – das wurde im neuen Infek­ti­ons­schutz­ge­setz fest­ge­schrieben. Nach Einschät­zung des Kultur­rats wird das dem beson­deren Charakter der Kultur­ein­rich­tungen besser gerecht. Denn die seien mehr als Frei­zeit­ein­rich­tungen – nämlich zugleich Bildungs­ein­rich­tungen und Orte der Kunst­pro­duk­tion. Bei künf­tigen Pandemie-Einschrän­kungen müsste die Kultur somit geson­dert betrachtet werden. +++ Das Konzert­haus am Gendar­men­markt bietet Musi­ke­rInnen der Freien Szene seine Säle im kommenden Jahr für zwei Monate kostenlos an. Auch die Ticket­ein­nahmen dürfen die Ensem­bles behalten. Für den rbb eine nach­hal­tige Idee. +++ In einem drama­ti­schen Face­book-Post macht der Inten­dant der Bran­den­burger Fest­spiele, Manuel Dengler, auch die Kultur­po­litik in Zeiten von Corona mitver­ant­wort­lich dafür, dass er einen Hörsturz erlitt: „Ich bin in großer Sorge nicht nur um eine ganze (Kultur- und Kreativ-) Branche, sondern um sehr viele Menschen, um Exis­tenzen – und damit meine ich ganz und gar nicht nur die mone­täre Exis­tenz, es geht um Seelen­ge­sund­heit.“ 

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE

Opernintendantin in Köln Birgit Meyer

Die Stadt will den 2022 auslau­fenden Vertrag von Opern­in­ten­dantin nicht verlän­gern. Ober­bür­ger­meis­terin hat Meyer in einem persön­li­chen Gespräch erklärt, dass sie nach einer Amts­zeit von zehn Jahren einen Wechsel an der Spitze des Opern­hauses wünscht. Etwas detail­lierter schaut Ursula Hart­lapp-Winde­meyer für das Opern- und Kultur­ma­gazin hinter die Kulissen. +++ Marcel Huber wurde einstimmig vom Baye­ri­schen Musikrat zum Vorsit­zenden gewählt. In den schwie­rigen Corona-Zeiten kommen auf den Tier­arzt und Poli­tiker beson­dere Heraus­for­de­rungen zu, die der begeis­terte Laien­mu­siker entschlossen angehen will. +++ So war es nun auch nicht gemeint, als wir letzte Woche ein biss­chen über Jonas Kauf­manns neues „Christmas-Album“ geläs­tert haben (und wurden, was seine Pläne angeht, korri­giert: sowohl Peter Anders als auch haben die „Vier letzten Lieder“ bereits einge­spielt).

Inzwi­schen ist es fast ein Running Gag geworden. Der Vorsit­zende des Kompo­nis­ten­ver­bandes, , hat ein sati­ri­sches Video über Kauf­manns „bel Konto“ zusam­men­ge­häm­mert, und nach der fake Mariah-Carey--CD vom letzten Mal kursiert nun die Bild­ge­schichte im Netz, in der eine Frau ihren Wagen in die Werk­statt bringt: „Das Auto quietscht.“ – „Haben Sie schon mal versucht, die Jonas-Kauf­mann-Weih­nachts-CD aus dem CD-Player zu nehmen?“ Fehlt noch Läster­maul Norman Lebrecht, der in der Diktion Kauf­manns Folgendes versteht: „Oh what fun it is to ride in a one-whore’s open sleigh.“ (Auf Über­set­zung wird an dieser Stelle verzichtet.) +++ Ach so, Kollege Lebe­recht hatte auch klick-geil geti­telt, dass der legen­däre MET-Vorhang verstei­gert werde und nahe­ge­legt, dass damit Corona-Ausfälle zahlen wolle. Quatsch! Der „Zauber­flöten“-Bühnen­vor­hang von Marc Chagall (1887–1985) brachte 990.000 Dollar, rund 835.000 Euro ein. +++ Freude am Mozar­teum in Salz­burg, das einen Brief Mozarts an dessen Vater erwerben konnte. +++ Wie poli­tisch soll ein Musiker sein? Die Frage stellt sich in diesem Fall nicht. Manchmal entstehen auch nur neue Freund­schaften. Nach Robert Habeck hat sich Anfang der Woche auch SPD-Mann Karl Lauter­bach als Igor-Levit-Fan geoutet und die Welt über ihre „Freund­schaft“ infor­miert. Unter einem Bild von „Quer­denker“ Demons­tranten im Regie­rungs­viertel postet er: „Diese Leute vor meinem Fenster werden mir heute nicht die gute Stim­mung in Anbe­tracht der Erfolge beim Impf­stoff verderben. Werde mit auf meinem Balkon darauf anstoßen.“ So weit so klüngel. Einige Tage später wurde Karl Lauter­bach dann – mal wieder – auf Face­book von Idioten mit dem Tod bedroht, und sofort sprang Levit ihm mit einem eigenen Post bei: „Karl Lauter­bach hat meine ganze Soli­da­rität. Menschen wie er, die nicht nur, aber vor allem auch in einer solchen Ausnah­me­si­tua­tion, wie wir sie jetzt haben, Tag & Nacht daran arbeiten, das Leben anderer zu retten, sollten niemals einen solchen Preis dafür zahlen müssen. Speak up!“ +++ Der Flötist wurde vom Präsi­denten der Hoch­schule für Musik in Nürn­berg, Chris­toph Adt, zum Hono­rar­pro­fessor ernannt.

UND WO BLEIBT DAS GUTE?

Na, das backen sich die Künstler wieder selber: Gestern hat die Sängerin eine Mail an Freunde und Bekannte geschickt: „Heute mal ein Musik-erfreu­li­ches Ereignis – quasi ein ‚in memo­riam‘ unserer abge­bro­chenen Produk­tion der TOTEN STADT in . Monate lang hat man an einer Version gear­beitet, die 59 statt 90 Musiker – jeder am eigenen Pult und die Blech­bläser zwischen Plexi­glas-Abtren­nungen – auf der Hinter­bühne vereint, die Sänger und das szeni­sche Team 5 Wochen Proben mit Masken und bei regel­mä­ßiger Desin­fek­tion der Räume, die Oper auf knapp zwei Stunden ohne Pause runter­ge­kürzt, und trotzdem wurden wir von der Politik gestoppt. Man fühlte sich recht verarscht.….Trotzdem darf man sich wohl sehr glück­lich schätzen, daß wenigs­tens die Première und 2. Vorstel­lung über die Bühne gingen und man immerhin ein paar hundert Menschen beglü­cken konnte.Und hier ist das alles nun zu sehen! (Die meisten der in aktuell empfang­baren Klassik-Streams gibt es, wie gewohnt bei FOYER​.de). Außerdem – wie schnell doch ein Monat vergeht – gibt es einen neuen Podcast: Nachdem Sängerin Anna Prohaska mit ihrer „Wutrede“ an dieser Stelle vor zwei Wochen Thema war, habe ich gefragt, ob wir das Ganze nicht einmal in Ruhe bespre­chen könnten. Haben wir: soci­ally distanced in Wien und , aber mit aller­hand Weiß- und Rotwein. So entstand ein fast zwei­stün­diges Gespräch über das gefähr­liche Kinder­zimmer ihres Bruders, über die Kind­heit in Berlin, über wilde Proben mit Chris­toph Schlin­gen­sief, über den Metal-Rocker und natür­lich über die Dinge, die in der wunder­samen Welt der Klassik aus dem Ruder laufen. Unter­haltsam, kritisch, launig! Hören Sie doch mal rein.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif! 

Ihr

brueggemann@​crescendo.​de