Willkommen in der neuen KlassikWoche, 

heute mit einem exklusiven Interview mit Oksana Lyniv über die aktuelle Situation in der Ukraine, mit einem kleinen Frankreich-Feldzug und der noch feuchten Tinte der gestrigen Barrie-Kosky-Premiere an der Wiener Staatsoper. Und zum ersten Mal mit Playlist zum Newsletter! 

MOZARTKUGELN BANKROTT

Mozartkugel von Mirabell

Um ehrlich zu sein: Ich habe sie nie wirklich gemocht, und trotzdem dreht es einem schon ein bisschen den Magen um, wenn man liest, dass Mirabell, der Hersteller der goldenen Mozartkugeln, Insolvenz angemeldet hat. Aber, hey: Die österreichischen „Schwedenbomben“ haben die Pleite auch überlebt – und im Zweifelsfall gibt es ja die eh besseren „blauen Mozartugeln“ von Paul Fürst, von denen einige behaupten, sie seien das wahre Original. 

(Übrigens: Ich habe endlich eine Spotify-Playlist namens „Brüggemanns Klassikupdate erstellt, die Sie beim Lesen begleiten soll, und ich packe als erstes drauf: „Wenn meine Frau eine Mozartkugel wär“. Die ganze Playlist am Ende des Textes) 

OKSANA LYNIV ÜBER DIE BEDROHUNG DER KULTUR IN DER UKRAINE 

Sie war Chefdirigentin in Graz, hat den „Fliegenden Holländer“ der Bayreuther Festspiele dirigiert und ist Leiterin des Mozart-Festivals in ihrer ukrainischen Heimat, in Lwiw, einst Lemberg. Vor einer Woche hat Oksana Lyniv mich angerufen und um ein Statement für eine Skulptur von Mozart-Sohn Franz Xaver Mozart gebeten (ich habe berichtet). Es gab eine Protestbewegung und Lyniv musste sich am Dienstag im Stadtrat erklären. Das Ergebnis: Die Skulptur von Sebastian Schweikert darf offiziell bleiben. 

Ich habe mich exklusiv für diesen Newsletter mit der Dirigentin über ihr Engagement unterhalten, darüber, warum die Sowjetunion die musikalische Spur Mozarts so lange unterdrückt hat („Russland hatte kein Interesse daran, dass die besetzte Ukraine sich nach Westen orientiert.“), über den aktuellen Kultur-Streit in Lwiw („Die Proteste hatten auch etwas Gutes: Wir haben gemerkt, dass wir als Nation über Kultur und Ästhetik streiten können.“) und über die derzeitige Militär-Situation an der ukrainisch-russischen Grenze („Die Bedrohung durch Russland ist groß, und der Streit um Mozart ist deshalb auch ein Streit um die Orientierung der Ukraine. Mich hat gefreut, dass gerade auch aus der Ost-Ukraine Stimmen kamen, die sich für die Skulptur eingesetzt haben.“) Das ganze Gespräch hier zum Nachhören – es lohnt sich!

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DER KLASSIK CORONA-TICKER 

Während die ersten deutschen Orchester, wie das Orchester des SWR, beschlossen haben, dass ihre MusikerInnen geimpft sein müssen, spricht Oliver Wenhold, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Orchestervereinigung, mit dem VAN-Magazin über die Probleme zwischen geimpften und nicht geimpften Orchestermitgliedern. Immer größer werde der Riss in den Ensembles, was sich unter anderem an ganz konkreten Fragen festmacht: Warum sollen Geimpfte Dienste von Nicht-Geimpften übernehmen, etwa auf Tourneen oder Auslandsreisen? Wenhold befürchtet weitere Spannungen: „Einige Ungeimpfte sind auf die Idee gekommen, zu sagen: ‚Wenn ich jetzt so oft extra zum Testen kommen muss, vielleicht sogar an meinem freien Tag, muss ich dafür extra Dienstpunkte angerechnet bekommen, weil es ja arbeitsplatzbedingt ist.‘“ Die Geimpften würden erwidern: „Das kann doch überhaupt nicht sein. Erst lassen die sich nicht impfen, und jetzt wollen sie für die Tests auch noch extra Dienst haben.“ Ein Riss, wie in der Gesellschaft. +++ Auch die Semperoper wird ihren Spielbetrieb nach Absprache mit dem Sächsischen Kulturministerium bis zum 9. Januar einstellen. Gleichzeitig wirbt das Haus in einer Kampagne mit dem Motto „Impfen schützt auch die Kultur“, was bei einigen Mitgliedern der Staatskapelle zu Missstimmung geführt haben soll (das ist auch daran zu sehen, dass der Slogan unter dem Logo von Oper und Ballett, nicht aber vom Orchester veröffentlich wurde.) 

6.000 Abonnenten habe allein die Oper Frankfurt im letzten Lockdown verloren, Opernintendant Bernd Loebe wirft in einem Brandbrief an den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier die Frage auf, ob die Oper sich davon jemals wieder erholen wird, sieht ein ganzes System öffentlicher Kultureinrichtungen gefährdet und fordert deshalb, auch künftig zwischen Freizeiteinrichtungen und Kulturinstitutionen zu unterscheiden und die differenzierten Hygienekonzepte vieler Bühnen nicht gering zu schätzen. +++ Neue Klagen: „Ich will das so nicht akzeptieren“, sagt der Geschäftsführer von MünchenMusik, Andreas Schessl, und geht juristisch gegen die neuen Corona-Regeln des Freistaats Bayern vor. Konkret stößt sich Schessl an einer „Schlechterstellung der Konzerte gegenüber der Gastronomie“. +++ Corona verwandelt inzwischen viele Kultur-Institutionen zu medizinischen Stützpunkten: Die Elbphilharmonie in Hamburg wurde Impfzentrum, das Haus Wahnfried in Bayreuth ist neuerdings auch Testzentrum mit besonders langen Öffnungszeiten (Mo-Sa 6:00–21:00, So. 14:00–21:00)  

JANOWSKIS KLEINER FRANKREICH-FELDZUG

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Unter MusikerInnen kursiert derzeit ein kleines Filmchen (einfach auf das Bild oben klicken), das den Dirigenten Marek Janowski bei Proben mit einem französischen Orchester zeigt. Gespielt wird deutsche Romantik. Der Dirigent echauffiert sich dabei vor den Musikern auf Deutsch über den Orchesterklang: „Wann habt Ihr das zuletzt gespielt – vor dem Ersten Weltkrieg? Das ist ja grauenhaft!“, und am Ende: „Französisches Repertoire nützt nix.“ Okay, auch wenn sich politisch korrekt anders anhört – das ist schon ein bisschen lustig! Auf meiner neuen Playlist: natürlich – Janowski mit Debussy! 

WER ZAHLT FÜR KULTUR-VERSPRECHUNGEN IN BERLIN?

Auch nach der Wahl in Berlin bleibt Klaus Lederer von der Linken Kultursenator. Seine nächste Amtszeit könnte schlecht für die großen Kulturinstitutionen wie die Deutsche Oper oder Staatsoper sein. Die neue Koalition hat nämlich beschlossen, das Verhältnis von institutioneller Dauerförderung einerseits und der Unterstützung der Freien Szene andererseits zu überprüfen, und zwar „im Sinne größerer Fördergerechtigkeit“, was bedeutet, dass freie Projekte wohl mehr und große Institutionen wohl weniger gefördert werden. 

Geld sei auf jeden Fall da, um die „filmfreundliche Stadt“ zu schaffen (unter anderem eine zentrale Anlaufstelle für Drehgenehmigungen), Programmkinos werden „dauerhaft gesichert und gestärkt“. Leerstehende Landesliegenschaften sollen vorrangig für Kultur genutzt werden, berichtet der Tagesspiegel. Bibliotheken werden als „Dritte Orte“ stadtweit ausgebaut, die Planung des Neubaus einer Zentral- und Landesbibliothek soll 2026 beginnen. Für Unter-21-Jährige wird ein Jugendkulturticket geschaffen.

PERSONALIEN DER WOCHE

Der Dirigent Yannick Nézet-Séguin

Wir haben uns an dieser Stelle immer mal wieder darüber gewundert, dass Yannick Nézet-Séguin merkwürdig passiv war, als sein Orchester an der MET in New York mehr oder weniger rausgeschmissen wurde. Nun erklärte der Dirigent, dass er eine Auszeit brauche und sich vier Wochen zurückziehe – vielleicht auch Zeit, um darüber nachzudenken, ob die Ansammlung all seiner Jobs noch in Einklang zu bringen ist mit all der Verantwortung, die sie mit sich bringen. +++ Das war‘s: Angela Merkel ist mit Nina Hagen und „Gotteslob“ verabschiedet worden, und damit endet auch eine Ära der Klassik-Kanzlerschaft. Ihr Vorgänger, Gerhard Schröder, (er war der erste amtierende Kanzler bei den Bayreuther Festspielen) umgab sich lieber mit Bildenden Künstlern wie Georg Baselitz oder Markus Lüpertz. Merkel liebte es, nach Konzerten auf einen Rotwein in den Künstlerbereich zu kommen und zu fachsimpeln. Franz Welser-Möst, Daniel Barenboim und Simon Rattle waren von ihr angetan. Ein aktueller Sammelband porträtiert Merkel nun auch ganz offiziell als „Kultur-Kanzlerin“. 

Sophie de Lint war bis 2018 Operndirektorin in Zürich, seither ist sie Intendantin am Musiktheater Amsterdam – die Neue Zürcher Zeitung handelt sie als große Favoritin bei der Nachfolge von Zürich-Chef Andreas Homoki. Ich wäre da ja nicht so sicher. +++ In Bayreuth gab es Zoff wegen seiner Tätowierungen, in New York wurde Bassbariton Evgeny Nikitin nun aus der „Tosca“ geworfen – angeblich aus gesundheitlichen Gründen, aber in Wahrheit ginge es um etwas anderes, orakelt Normann Lebrecht.

KOSKYS DON GIOVANNI

Bühnenbilder zu Barrie Koskys Inszenierung von "Don Giovanni" an der Wiener Staatsoper

Ich hatte gestern das Privileg, als Journalist trotz Lockdown bei der „Don Giovanni“-Premiere von Barrie Kosky an der Wiener Staatsoper anwesend sein zu dürfen. Zu Hause in Berlin wird immer offensichtlicher, dass die Ära Kosky besonders das Orchester der Komischen Oper in einem mäßigen Zustand hinterlässt. Dass der alte Intendant nicht wirklich gehen will und die „von ihm eingesetzten“ Nachfolger den Spielplan in weite Zukunft hinaus geplant haben, machen die Suche nach einer neuen Chefdirigentin oder einem neuen Chefdirigenten immer schwieriger – ein Job, der wie eine heiße Kartoffel abgelehnt wird. Wurde er nun auch Giedre Šlekytė hinterhergeworfen, die in Berlin gerade „Katja Kabanova“ dirigiert hat? Wie dem auch sei: Ich hatte mich auf den „Don Giovanni“ wirklich gefreut. Leider fiel Kosky nicht viel ein, quasi die Entrümpelung aller Mythen in einer Steinwüste, ein bisschen „Sommernachtstraum“ (grüne Pflanzen und rankende Kopfbedeckungen), ein bisschen „Hamlet“ (Komtur) und ein bisschen „Elektra“ (dafür war die Donna Elvira zu stimmschwach) wollte Kosky zeigen. Heraus gekommen ist erstaunlich viel unmotivierte Bühnenaktion, für Kosky erschreckend holprige Auf- und Abgänge, ein vollkommen sinnloser Wasser-Tümpel und ein mauer, lauter Abend, dem auch Dirigent Philippe Jordan keine Kontur geben konnte. Dafür, dass wir es mit der Wiener Staatsoper zu tun hatten, war das junge und durchaus spielfreudige Ensemble einfach viel zu schwach besetzt. Aber eine Staatsoper-Premiere ist nun mal kein Opernstudien-Abend. Aufhorchen konnte man allein bei der kunstvoll gestalteten großen Don-Ottavio-Arie von Stanislas de Barbeyrac.

Intendant Bogdan Roščić gelingt es noch immer nicht, seinem Haus eine Richtung zu geben, und er scheint intern auch immer mehr Rückhalt zu verlieren. Ausgerechnet die Wiener Philharmoniker haben Roščić und Opern-Chef Philippe Jordan am Premieren-Vormittag mit einem Konkurrenz-Stream der Neunten Mahler-Sinfonie mit Jordan-Vorgänger Franz Welser-Möst ein Ei der Sonderklasse in den Opern-Nikolaus-Sack gelegt. Harmonie am Ring sah schon mal anders aus. Und muss nicht gerade in diesen Zeiten jeder Abend auch etwas wollen, eine Behauptung aufstellen? Wer ausgebrannt ist, könnte doch einfach mal zur Seite treten, neue Gedanken sammeln und Leute ranlassen, die etwas zu sagen haben. 

UND WO BLEIBT DAS POSITIVE, HERR BRÜGGEMANN?

 „Ein Herz für Kinder“ mit Olaf Scholz

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Momentan eher nicht im Zweiten Deutschen Fernsehen. Haben Sie gesehen, wie der designierte Bundeskanzler Olaf Scholz am Ende von „Ein Herz für Kinder“ in trauter Einigkeit neben Mathias Döpfner (Wie war das noch mit dem „DDR-Staat“?) steht und natürlich auch Lang Lang (gemeinsam mit Göttergattin) seinen obligaten ZDF-Werbe-Abo-Auftritt absolviert? Gerade war er noch beim unerträglich schlagerseligen Adventskonzert aus Dresden zugegen, und – wer weiß – vielleicht wird er bei der weihnachtlichen Jonas-Kaufmann-ZDF-PR-Show ja auch noch mal auftauchen. Egal, lassen wir uns die Vorweihnachtszeit nicht durch Mainz vermiesen. 

Ich habe auf Disney+ die wunderbare Beatles-Doku-Serie „Get Back“ gesehen: Sechs Stunden intime Einblicke in die Jam-Session mit den Beatles, bei denen noch mal klar wird, dass die vier echte Klassiker waren, und dass ohne Paul McCartney wohl gar nichts gegangen wäre. Von ihm stammt – glaube ich – auch der wunderbare Satz – „Wir subventionieren mit unseren Alben immerhin Benjamin Britten“. Unbedingt anschauen! Ach so, und für Wagnerianer lohnt es sich vielleicht beim Cosima-Wagner-Adventskalender von Monika Beer aus dem Wagner-Verband Bamberg vorbeizuschauen. (Benjamin Britten habe ich natürlich auf die Playlist gepackt!)

In diesem Sinne: Einen frohen Nikolaus-Tag, und halten Sie die Ohren steif!

Ihr 

Axel Brüggemann

[email protected]   

Und hier noch mal die neue Playlist, die jede Woche, je nach unseren Themen weiter wachsen wird – gern abonnieren.

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