Nachruf: Montserrat Caballé Die Stimme des liebenden Menschen

Unser Kolumnist Axel Brüggemann zum Tode von Montserrat Caballé.

Monts­er­rat Cabal­lé zu begeg­nen, war, als begeg­ne man gleich zwei Per­so­nen, die sich auf ide­als­te Wei­se zu einer ver­schmol­zen. Zum einen traf man die unan­ge­foch­te­ne Diva, die gro­ße Sän­ge­rin, die auch im Pri­va­ten kei­nen Hehl dar­aus mach­te, dass ihr Anstand und Eti­ket­te, dass ihr der gro­ße Auf­tritt und die Insze­nie­rung des eige­nen Ich in der Öffent­lich­keit wich­tig waren. Selbst von schwe­rer Krank­heit gezeich­net, leg­te Cabal­lé Wert auf Dis­zi­plin, auf ihre Erschei­nung, dar­auf, zu lächeln, auch wenn ihr Kör­per es ihr zuneh­mend schwer mach­te. Gleich­zei­tig stand man immer einem Men­schen gegen­über, der zunächst jedem – wirk­lich jedem! – mit einer unglaub­li­chen Neu­gier, mit Bereit­schaft zur Nähe, mit freu­di­gem, aber nie auf­ge­setzt freund­li­chem Inter­es­se ent­ge­gen­trat. Einem Men­schen, für den der Reiz jeder Begeg­nung dar­in zu lie­gen schien, Spaß zu haben, zu ler­nen, gemein­sam zu den­ken und zu lachen, kurz: eine gute Zeit zu haben. Monts­er­rat Cabal­lé war einer der Men­schen, die Abgrün­de inter­es­sier­ten, die bereit war, schon nach weni­gen Begrü­ßungs­flos­keln viel von sich preis­zu­ge­ben – über ihr Leben, ihr Den­ken und ihr Füh­len. Monts­er­rat Cabal­lé war jene sel­te­ne Mischung aus Diva und Mensch, in deren Anwe­sen­heit sich die Welt der Oper ein biss­chen anfühl­te wie eine gro­ße Fami­lie zu Weih­nach­ten.

So geht gro­ße Oper: Monts­er­rat Cabal­lé in der Titel­rol­le der Adria­na Lecou­vreur an der Metro­po­li­tan Ope­ra

So wie in Gesprä­chen war sie auch auf der Büh­ne: Als Lucre­zia Bor­gia, in Bel­li­nis Il Pira­ta, in Ver­dis Don Car­lo, als Aida und selbst als Salo­me – Cabal­lé war Meis­te­rin des Lega­to, der sanf­ten Lini­en, des lei­sen, inni­gen, war­men, woh­li­gen und alle umar­men­den Tones. Dabei war sie nie Ober­flä­che, stets intim, gefühl­voll, eine Sän­ge­rin, die mit ihren Cha­rak­te­ren litt, die die Welt der Intri­gen, der gro­ßen Lie­be, der Eifer­sucht und Gefühls­wal­lun­gen nicht nur ver­ste­hen, son­dern auch ver­kör­pern woll­te. Die Nach­sicht mit den bösen Frau­en hat­te, die sie ver­kör­per­te, und das Lie­be­vol­le stets in den Vor­der­grund spiel­te.

Cabal­lé war einer der Men­schen, die Abgrün­de inter­es­sier­ten“

Bei uns zu Hau­se fiel ihr Name bereits in den 60er Jah­ren, und als ich in den 70ern gebo­ren und in den 80ern für Musik sen­si­bi­li­siert wur­de, war sie „unse­re Monts­er­rat“. Ich kom­me aus Bre­men, und mei­ne Eltern haben Cabal­lé zwi­schen 1959 und 1962 regel­mä­ßig am Bre­mer Thea­ter gehört. Hier nahm ihre Kar­rie­re nach dem Stu­di­um in Bar­ce­lo­na und Mai­land, nach Sta­tio­nen am Thea­ter in Basel und in Saar­brü­cken Fahrt auf. Spä­tes­tens, als sie 1965 für Mari­lyn Hor­ne in der Car­ne­gie Hall ein­sprang und kurz dar­auf an der MET debü­tier­te, war sie der Star in ihrer Hei­mat und in der gesam­ten Welt der Oper. Und stand den­noch regel­mä­ßig in Ham­burg auf der Büh­ne.

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Viel­leicht ist es auch das, was ihren Tod nun so außer­or­dent­lich macht: Monts­er­rat Cabal­lé war nicht nur eine der letz­ten gro­ßen Diven, son­dern eine jener gro­ßen Stim­men, die ihre Kar­rie­re jah­re­lang an den Häu­sern deut­scher Stadt­thea­ter vor­be­rei­tet hat­ten, in einem für­sorg­li­chen Umfeld, in dem das Enga­ge­ment an einem Haus die Ver­län­ge­rung des Stu­di­ums bedeu­te­te. In dem ein Inten­dant und ein Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor die Stim­me einer Sän­ge­rin för­der­ten, pfleg­ten und lan­ge Wege gemein­sam mit ihr gin­gen. In dem Ver­trau­en, Kol­le­gia­li­tät und Freund­schaft noch ech­te Wer­te waren.

Cabal­lé war nicht nur eine der letz­ten gro­ßen Diven“

Und so mischt sich in den Tod von Monts­er­rat Cabal­lé nun auch die gro­ße Trau­er über das anhal­ten­de Ster­ben die­ser Stadt­thea­ter-Kul­tur, die unver­wüst­li­che Stim­men wie die ihre her­vor­ge­bracht hat. Und vor allen Din­gen: Künst­ler, die sich um die Bedeu­tung ihres Publi­kums bewusst waren. Die die Büh­ne als Men­schen betra­ten, die wuss­ten, wie wich­tig es ist, geför­dert zu wer­den und selbst jun­ge Stim­men zu för­dern. Ohne Monts­er­rat Cabal­lé wäre José Car­re­ras wahr­schein­lich nie ent­deckt wor­den! Auch spä­ter, in ihrer Arte-Sen­dung (dem Vor­läu­fer zu „Stars von mor­gen“) trat sie als lei­den­schaft­li­che, kol­le­gia­le und zutiefst mensch­li­che Beglei­te­rin jun­ger Stim­men auf.

Wenn man in die­sen Tagen an das Schall­plat­ten-Regal geht und in der Ver­gan­gen­heit stö­bert, ver­steht man Monts­er­rat Cabal­lé als Men­schen und ihre Kar­rie­re viel­leicht noch bes­ser: Da sind die gro­ßen Auf­nah­men, die sie an der Sei­te von José Car­re­ras oder Pláci­do Dom­in­go, Sher­rill Mil­nes, Pie­ro Cap­puc­cil­li, von Rug­ge­ro Rai­mon­di und Nico­lai Ghi­au­rov auf­ge­nom­men hat, diri­giert vom jun­gen Ric­car­do Muti, von Car­lo Maria Giu­li­ni, von Fran­co Capua­na oder Erich Leins­dorf. Und, ja, man muss die­se Ein­spie­lun­gen auf Schall­plat­te hören, nicht als Stream oder MP3. Sie brau­chen das Knis­tern und Rau­schen, denn das gehört zur gro­ßen Zeit der Oper dazu, zur gol­de­nen Ära, in der Plat­ten­fir­men in Stu­di­os noch auf­wen­di­ge, per­fek­te Ein­spie­lun­gen für einen gigan­ti­schen Markt pro­du­ziert haben, in denen es stets dar­um ging, die Schön­heit der Stim­me mit ihrer wahr­haf­ti­gen Grö­ße zu ver­ei­nen.

Mit ihr ging ein gro­ßer Teil wahr­haf­ti­ger Mensch­lich­keit in der Musik von uns“

Und dann ist da natür­lich noch das Album „Bar­ce­lo­na“, das sie gemein­sam mit Fred­die Mer­cu­ry auf­ge­nom­men hat. Ich habe kürz­lich eine Doku­men­ta­ti­on über den Sän­ger von Queen gese­hen, in der es unter ande­rem dar­um ging, dass er Cabal­lé unbe­dingt ken­nen­ler­nen woll­te. In einer spa­ni­schen Fern­seh­sen­dung schwärm­te er, dass er sie für die größ­te leben­de Künst­le­rin hielt. Man ver­ein­bar­te ein Tref­fen, und in der Doku war zu sehen, wie ner­vös der Gigan­ten-Pop-Star vor der ers­ten Begeg­nung war. Und wie erstaunt, dass auch er schließ­lich den zwei Per­sön­lich­kei­ten der Monts­er­rat Cabal­lé gegen­über­stand: der gro­ßen Diva und dem groß­ar­ti­gen Men­schen.

Schließ­lich pro­du­zier­ten die bei­den ein so genann­tes „Cross­over“, das es bis dahin nicht gege­ben, und seit­her auch nie wie­der gege­ben hat: Die voll­kom­me­ne Gleich­be­rech­ti­gung von Pop und Klas­sik mit gro­ßen musi­ka­li­schen Anspruch, einen Song, der zur Hym­ne wur­de – zum Klas­si­ker. Auch weil Cabal­lé den Men­schen Mer­cu­ry zuließ und bei­de gemein­sam, auf Augen­hö­he, als Freun­de mit­ein­an­der musi­zier­ten.

Am 6. Okto­ber ist Monts­er­rat Cabal­lé in einem Kran­ken­haus in ihrer gelieb­ten Hei­mat­stadt Bar­ce­lo­na gestor­ben, in der sie 1933 gebo­ren wor­den war. Mit ihrem Tod wird uns bewusst, dass das Sys­tem, aus dem sie kam, längst im Ster­ben liegt. Dass die gro­ße Ära der Oper, für die sie stand, schwer krank ist. Mit ihr ging ein gro­ßer Teil wahr­haf­ti­ger Mensch­lich­keit in der Musik von uns. Und eine Musi­ke­rin, die Musik stets als selbst­ver­ständ­li­chen, unge­schütz­ten Aus­druck ver­stand. Was uns bleibt: ihre Schall­plat­ten. Das Knis­tern und Rau­schen durch das vie­le Hören wäh­rend der letz­ten Jahr­zehn­te macht uns bewusst, dass Monts­er­rat Cabal­lé eine Sän­ge­rin der Ver­gan­gen­heit ist. Ihren war­men, lei­sen und inti­men Ton aber soll­ten wir immer wie­der auf­le­gen. Weil er die Zeit­lo­sig­keit des lie­ben­den Men­schen ver­kör­pert wie nur weni­ge ande­re Stim­men.

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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