Kurt Weill Fest Dessau, 23.2.–11.3.18

„Wach auf, du ­verrot­teter Christ!“

von Ruth Renée Reif

8. Februar 2018

Das 26. Kurt Weill Fest Dessau feiert in 48 Veranstaltungen das pulsierende Musikleben der Berliner 20er-Jahre.

„Hast du eigent­lich die Drei­gro­schen­oper schon gesehen? Es ist wirk­lich ein schönes Stück und sicher das beste, was mir bisher gelungen ist“, freute sich über den Riesen­er­folg und die Beifalls­stürme, die ihm die neuer­liche Zusam­men­ar­beit mit Bertolt Brecht bescherte. Unter Hoch­druck hatten die beiden im südfran­zö­si­schen Saint-Cyr an dem Werk gefeilt. Weill suchte, zu einer Urform von Oper zu gelangen, leicht sangbar und mit fass­li­cher Melodik. Was er schuf, war ein neues Genre des musi­ka­li­schen Thea­ters.

Ilja Richter

Ilja Richter

„Weill auf die Bühne!“ lautet denn auch das Motto des Kurt Weill Fests . Anläss­lich der 90. Wieder­kehr seiner Urauf­füh­rung kommt das Stück um die glück­liche Erret­tung des Londoner Stra­ßen­räu­bers Macheath, genannt Mackie Messer, den sein Schwie­ger­vater, der Bett­ler­könig Peachum, an den Galgen bringen will, mit dem Anhal­ti­schen Theater zur Auffüh­rung. Fest­spiel­in­ten­dant Gerhard Kämpfe blickt der Insze­nie­rung erwar­tungs­voll entgegen: „Mit Ezio Toffo­lutti, einem Schüler von Benno Besson, konnten wir einen exzel­lenten Regis­seur gewinnen.“ Als „Gegen­stück“ zeigt das Fest­spiel eine zeit­ge­nös­si­sche Neufas­sung jener Beggar’s Opera von John Gay, die Brecht und Weill als Vorlage diente. schrieb eine Musik mit zahl­rei­chen Anspie­lungen an bekannte Titel aus dem Great American Song­book wie I Wanna Be Loved by You von Herbert Stothart, Harry Ruby und Bert Kalmar, Diamonds are a Girl’s Best Friend von Jule Styne und Leo Robin oder Tea for the Tillerman von Cat Stevens. Gezeigt wird die fulmi­nante Auffüh­rung von La Bett­ler­opera in einem Gast­spiel der Köllner Oper mit der Tanz­Theater-Kompa­gnie Balletto Civile, dem Ensemble Frei­raum Syndikat und Moritz Eggert.

La Bettleropera

La Bett­ler­opera

Kämpfe leitet das Fest­spiel in diesem Jahr zum ersten Mal. Als „primus inter pares“, wie er es nennt, steht er in einem vier­köp­figen Team. Es sei ein Glücks­fall, schwärmt er. Mit Johannes Weigand, dem Gene­ral­inten­danten des Anhal­ti­schen Thea­ters und Thea­ter­mann mit großer Erfah­rung, Markus L. Frank, dem Gene­ral­mu­sik­di­rektor des Hauses und exzel­lentem Musiker, sowie dem Kurt-Weill-Spezia­listen Jürgen Sche­bera kämen vier unter­schied­liche Quali­täten zusammen. Was Kämpfe, der in Berlin als erfolg­rei­cher Konzert­ma­nager tätig ist und Kontakte zu viel­fäl­tigen Künst­lern unter­hält, bewog, nach Dessau zu kommen, ist die Begeis­te­rung für Weill und „diese unglaub­lich krea­tive Zeit der Berliner 20er-Jahre“. Eine kultu­relle Explo­sion habe damals statt­ge­funden. Sich bei der Planung eines Festi­vals in diesem Umfeld zu bewegen, sei eine groß­ar­tige Heraus­for­de­rung.

Till Broenner

Till Broenner

Faszi­niert ist Kämpfe von der bis heute unge­bro­chenen Strahl­kraft, die Weills Musik besitzt. All die Künstler, mit denen er quer durch die musi­ka­li­schen Genres gespro­chen habe, hätten Weill sofort als anre­gendes Thema ange­sehen. „Jeder beschäf­tigte sich offenbar irgend­wann mit der Musik von Kurt Weill.“

Im Eröff­nungs­kon­zert spielt der Trom­peter Till Brönner, Artist in Resi­dence des Fest­spiels, mit der Anhal­ti­schen Phil­har­monie Dessau Auszüge aus der Brecht-Weill-Oper Aufstieg und Fall der Stadt Maha­gonny sowie weitere von der Klassik bis zur Gegen­wart. Auch Jan Josef Liefers und seine Band Radio Doria bauen in ihr Song-Programm Weill-Titel ein. Dagmar Manzel erin­nert mit ihrem Holla­ender-Programm „Menschens­kind!“ an die Anfänge des lite­ra­risch-poli­ti­schen Kaba­retts in , während Jochen Kowalski sich mit dem Salon­or­chester Unter’n Linden dem Kaba­rett und dem Film der 20er-Jahre widmet.

Dagmar Manzel

Dagmar Manzel

48 Veran­stal­tungen bringen Musik in Theater, Sakral­bauten, Museen und histo­ri­sche Stätten von „Cis-Schwein“, wie Weill seine Geburts­stadt scherz­haft nannte, , an der Saale, Wörlitz, Gröbzig und Zerbst. „Wir wollen auch die Herkunft Weills als Sohn einer jüdi­schen Familie wieder in den Fokus rücken“, betont Kämpfe. Ein Programm geist­li­cher Musik, das junge Künstler einbindet, führt in die Synagogen von Gröbzig und . Und ein Sympo­sium zum 100. Jahrestag der Künst­ler­ver­ei­ni­gung Novem­ber­gruppe setzt sich mit der Arbeit der Künstler und Musiker ausein­ander, die nach dem Zusam­men­bruch des Kaiser­rei­ches mit ihrer Kunst am Aufbau einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft mitwirken wollten. Den krönenden Abschluss der Fest­spiele bildet der Auftritt von Ute Lemper. Begleitet vom Sinfo­nie­or­chester, singt sie die großen Brecht-Weill-Songs aus der Drei­gro­schen­oper und der Oper Aufstieg und Fall der Stadt Maha­gonny sowie J’attends un navire, in dem die nach Südame­rika entführte Marie Galante aus der gleich­na­migen Oper ihr Heimweh beklagt.

KURT WEIL FEST DESSAU
23.3.–11.03.18
Infor­ma­tionen und Karten­ser­vice:
Tel.: +49-(0)341–14 990 900
www​.kurt​-weill​.de

Fotos: Tim Kloecker