Zoë Irvine

Das Thea­tro­phon im 21. Jahr­hun­dert

von Ruth Renée Reif

29. Mai 2020

Am 31. Mai 2020, beginnt das dreitägige Audiokunstprojekt „This Evening’s Performance has not been cancelled“. Die Künstlerin Zoë Irvine ließ sich dazu von der Erfindung des Théâtrophones anregen.

Am Sonntag, den 31. Mai 2020, beginnt ein drei­tä­giges Audio­kunst­pro­jekt mit dem Titel This Evening’s Perfor­mance has not been cancelled. Die Künst­lerin Zoë Irvine ließ sich dazu von der Erfin­dung des Théâ­tro­phones inspi­rieren. Auf Initia­tive der Natio­nal­oper schuf sie ein Projekt, das Einblicke in Insze­nie­rungen vermit­telt, die aufgrund der Corona-Pandemie nicht gezeigt werden konnten.

Die Oper Der Mord­fall Halit Yozgat von Ben Frost basiert auf einem bis heute unge­klärten Umstand um den Mord der rechts­ex­tremen Terror­gruppe NSU. Am 6. April 2006 geschah in einem Internet-Café in ein grau­samer Mord. Zwei gezielte Kopf­schüsse streckten den 21-jährigen Halit Yozgat nieder, der damit zum neunten von zehn Opfern der rechts­ex­tremen Terror­gruppe NSU wurde. Fünf Zeugen befanden sich zur Tatzeit im Café, darunter Andreas Temme, ein Mitar­beiter des hessi­schen Landes­amtes für Verfas­sungs­schutz. Er behaup­tete, weder den Mord, noch den Toten bemerkt zu haben. Der Fall ist bis heute unge­klärt.

Wider­sprüch­liche Zeugen­aus­sagen

Probenfoto zur Oper Der Mordfall Halit Yozgat mit Hubert Zapiór, Yannick Spanier, Nicolas Matthews
Proben­foto zur Oper Der Mord­fall Halit Yozgat mit , Yannick Spanier, Nicolas Matthews
(Foto: © Kerstin Schom­burg)

Die Kunst- und Recher­che­agentur Forensic Archi­tec­ture rekon­stru­ierte für die docu­menta 14 in Kassel 2017 den Tather­gang und stellte Unstim­mig­keiten zu den Aussagen Temmes fest. Ben Frost, der in seinen Arbeiten nach neuen Verbin­dungen von Musik, Körper, Perfor­mance und Tanz sucht, entwi­ckelte aus den Recher­che­er­geb­nissen die Oper Der Mord­fall Halit Yozgat. Daniela Danz verfasste ein Libretto, in dem sie die wider­sprüch­li­chen Zeugen­aus­sagen neben­ein­an­der­stellt. Ben Frost hätte das Werk mit Mitglie­dern des Opern- und Schau­spiel­ensem­bles in Szene wollen. Doch die Corona-Pandemie verhin­derte dies. Mehr Infor­ma­tionen zum Stück: www​.staats​theater​-hannover​.de

Lässt sich für ihr Audiokunstprojekt von der Erfindung des Théâtrophones inspirieren: die Künstlerin Zoë Irvine
Lässt sich für ihr Audio­kunst­pro­jekt von der Erfin­dung des Théâ­tro­phones inspi­rieren: die Künst­lerin Zoë Irvine

Ein Audio­kunst­pro­jekt vermit­telt nun Eindrücke des Werks. Das Projekt trägt den Titel This Evening’s Perfor­mance has not been cancelled – Die Vorstel­lung dieses Abends wurde nicht abge­sagt. Es wurde auf Initia­tive der Natio­nal­oper im norwe­gi­schen Bergen mit der Künst­lerin Zoë Irvine ins Leben gerufen und verbindet das Publikum mit euro­päi­schen Opern­häu­sern und Festi­vals via Telefon.

Eine Erfin­dung aus dem Ende des 19. Jahr­hun­dert

Zuhörer des Theatrophons an Münzapparaten, 1892
Die Erfin­dung des Thea­tro­phons stieß im 19. Jahr­hun­dert auf große Begeis­te­rung.
(Foto: Quelle: Illus­tra­tion aus La Nature, Nach­druck in Dieter Daniels: Kunst als Sendung, Verlag C. M. Beck, 2002, S.87. / Wiki­pedia. Und Foto oben: Quelle: A litho­graph from Les Maitre de L’Af­fi­ches series. Printed by Impri­merie Chaix, Paris. Found at A. Lange’s Histoire de la télévision/​Wiki­pedia)

Die Künst­lerin und Sound­de­si­gnerin Zoë Irvine setzt sich in ihren Arbeiten vor allem mit dem Klang, der Stimme und der Bezie­hung von Klang und Bild ausein­ander. Für das Audio­kunst­pro­jekt greift sie auf eine Erfin­dung aus dem Ende des 19. Jahr­hun­derts zurück. 1881 wurde in Paris erst­mals das Théâ­tro­phone vorge­stellt. Erfunden von Clément Ader, ermög­lichte es die stereo­fone Über­tra­gung von Opern- und Thea­ter­auf­füh­rungen per Telefon. Die Erfin­dung stieß auf begeis­terten Zuspruch und fand rasche Verbrei­tung. Victor Hugo war entzückt. Mehr über das Thea­tro­phon auf Wiki­pedia.

Anrufen im Call­center und sich mit der Oper verbinden lassen

Bei Zoë Irvines Projekt This Evening’s Perfor­mance has not been cancelled können Inter­es­sierte sich mit den einzelnen Häusern und Festi­vals verbinden lassen. Sie erhalten Einblicke in Insze­nie­rungen, die aufgrund der Corona-Pandemie nicht gezeigt werden konnten und werden durch das aufge­zeich­nete Mate­rial der Call­cen­ters geführt. Anschlie­ßend können sie mehr von der jewei­ligen Oper hören oder zu einer weiteren Insze­nie­rung springen. Als Sprache dient die jewei­lige Landes­sprache und Englisch.

Die teil­neh­menden Häuser und Festi­vals

Bergen Nasjo­nale Opera, Norwegen

Die Sopranistin Lauren Fagan
Lauren Fagan sollte in Mozarts letzter Oper La clemenza di Tito singen.
(Foto: © Victoria Cadisch)

Rodula Gait­anou wollte Wolf­gang Amadeus Mozarts letzte Oper La clemenza di Tito mit , Lauren Fagan und unter der musi­ka­li­schen Leitung von Jan Willem de Vriend in Szene setzen. Mehr Infor­ma­tionen: www​.bno​.no

Gasington Oper, Groß­bri­tan­nien

Die Aufführung von Mozarts Oper Le nozze di Figaro im englischen Wormsley Park
Sollte wieder gezeigt werden: John Cox« Insze­nie­rung Mozarts Oper Le nozze di Figaro im engli­schen Wormsley Park

Das engli­sche Opern­fes­tival in Wormsley Park in den Chil­tern Hills von Buck­ing­ham­shire wollte die erste Oper zeigen die in Garsington Manor, wo das Festival 1989 gegründet wurde, zur Auffüh­rung kam. Der für seine Mozart-Insze­nie­rungen bekannte Regis­seur John Cox hatte damals Le nozze di Figaro in Szene gesetzt. Mit Joshua Bloom in der Titel­partie, Jennifer France als Susanne und Douglas Boyd am Pult sollte sie wieder­erstehen. Mehr Infor­ma­tionen: www​.garsing​to​n​opera​.org

The Airport Society, Belgien

Das in ansäs­sige Opern­ko­ope­rativ hatte zwei musi­ka­li­sche Ikonen des 20. Jahr­hun­derts aufs Programm gesetzt: Sinfonia von und Erwar­tung von . Mehr Infor­ma­tionen: www​.theair​port​society​.com

Muziek­theater Trans­parant, Belgien

Ola Eliasson sollte Roderick Usher spielen, und Alexandra Büchel sollte Lady Madeline sein
Ola Eliasson sollte Rode­rick Usher spielen, und Alex­andra Büchel sollte Lady Made­line sein.
(Foto: © Mats Backer)

Das Musik­theater Produk­ti­ons­un­ter­nehmen in Antwerpen wollte Usher in der Regie von Phil­ippe Quesne mit Marit Strind­lund am Pult zeigen. In diesem Musik­thea­ter­stück bringen Anne­lies Van Parys und Gaea Schoe­ters die unvoll­endete Oper La chute de la maison Usher von in einen Dialog mit gegen­wär­tigen poli­ti­schen Entwick­lungen. Mehr Infor­ma­tionen: www​.trans​parant​.be

Teatro Real Madrid, Spanien

Am Opern­haus in Madrid sollte von Mariame Clement und mit am Pult eine Neuin­sze­nie­rung der Barock­oper Achille in Sciro von Fran­cesco Corselli erfolgen. Mehr Infor­ma­tionen: www​.teatro​real​.es

De Natio­nale Opera, Nieder­lande

Die Opern­kom­panie wollte im Rahmen des jähr­li­chen Holland Festi­vals für Kunst und Musik in die Oper Rusalka von zeigen. Das Konin­klijk Concert­ge­bou­wor­kest sollte von geleitet werden, und die Regie sollte über­nehmen. Als Rusalka sollte Eleo­nora Buratto auf der Bühne stehen. Mehr Infor­ma­tionen: www​.opera​ballet​.nl

Grand Théâtre de Genève, Schweiz

Geplant war eine Oper nach dem Film Reise der Hoffnung.
Geplant war eine Oper nach dem Film Reise der Hoff­nung.

Das Opern­haus hatte die Urauf­füh­rung der Oper Voyage vers l’espoir (Reise der Hoff­nung) von Chris­tian Jost geplant. Das Werk basiert auf dem gleich­na­migen Film von Xavier Koller und erzählt die Geschichte einer kurdi­schen Familie, die ihr Land verlässt, um ins Para­dies zu gelangen. Das vermeint­liche Para­dies erweist sich jedoch als eine wilde Welt, die alle Hoff­nungen der Familie auf den Kopf stellt. Die Familie, die durch den Weggang ihre Vergan­gen­heit verloren hat, verliert durch den Verlust des Sohnes auch noch ihre Zukunft. Kornél Mundruczó hätte die Oper unter der musi­ka­li­schen Leitung von Gabriel Feltz in Szene setzen sollen. Mehr Infor­ma­tionen: www​.gtg​.ch

Wupper­taler Bühnen, Deutsch­land

Die Wuppertaler Bühnen planten eine Inszenierung von Puccninis La Bohème
Unter der Regie von , der auch das Bühnen­bild entwarf, sollte eine Neuin­sze­nie­rung von Puccinis La Bohème gezeigt werden.

Immo Karaman hatte unter der musi­ka­li­schen Leitung von Julia Jones, mit Li Kweng als Mimí und Sangmin Jeon als Rodolfo die Oper La Bohème von in Szene gesetzt, die jedoch nicht gezeigt werden konnte. Mehr Infor­ma­tionen: www.oper-wuppertal​.de

Die Anruf­zeiten an den drei Abenden:
Sonntag, 31. Mai 2020
Dienstag, 2. Juni 2020
Freitag, 12. Juni 2020
19:30 Uhr bis 21:30 Uhr CEST (Zentral­eu­ro­päi­sche Sommer­zeit)
Tele­fon­nummer aus : +49 (0) 202 7169 9414 (zu deut­schen Fest­netz­kosten)
Tele­fon­num­mern aus weiteren Ländern und weitere Infor­ma­tionen: www​.harmo​nien​.no