KlassikWoche 25/2021

Klassik, Fußball – Tor!

von Axel Brüggemann

21. Juni 2021

Privilegien, Christian Thielemann, die Bayreuther Festspiele, Steven Spielbergs West-Side-Story-Film, Kirill Petrenko bei den Berliner Philharmonikern

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

alle tun, als wäre nichts passiert und machen weiter wie immer: Aufatmen über nied­rige Inzi­denzen und den Neustart der Kultur. Aber trügt der Schein? Eines der Worte, die derzeit am meisten zu lesen sind, ist: „REST­KARTEN“ 

WEITER SO WIE IMMER MIT MUTI UND DOMINGO? 

Foto: Arena di

Die gute Nach­richt: Es geht wieder los! Die kompli­zierte Nach­richt: Es gibt keine zuver­läs­sigen Perspek­tiven. Woche für Woche baut die Politik Corona-Regeln ab. Für viele Veran­stalter hat das den Effekt, dass sie ihre Karten-Kontin­gente in kürzester Zeit vergrö­ßern müssen. Kein leichtes Unter­fangen, neue Plätze inner­halb kürzester Zeit unter die Leute zu bringen (auch, weil ein Teil des Publi­kums noch immer sehr vorsichtig ist). Und so heißt das Wort dieser Tage: „REST­KARTEN“. 

Vom großen Wandel der Klassik, der auf Corona folgen sollte, ist erst einmal wenig zu spüren. Der Zirkus geht los wie immer: Privi­le­gien und Mega-Gagen für die Super­stars und Unsi­cher­heit an der Klassik-Basis. Am Samstag hat die Fest­spiele in Verona mit „Aida“ eröffnet – 6000 Zuschauer waren erlaubt. Der Kritiker Norman Lebrecht rech­nete derweil vor: In Chicago bekommt Muti eine Jahres­gage von 3,5 Millionen Euro. Zum Vergleich: Der gesamte Etat etwa der Orchester in Oakland, Harris­burg oder im Silicon Valley beträgt 3,24 Millionen Dollar.

Und auch auf anderer Front scheint alles wieder seinen gewohnten Gang zu gehen: Eher zufällig ist zu seinem ersten Auftritt in nach den #metoo-Vorwürfen gekommen. Bislang war er ledig­lich in Öster­reich reha­bi­li­tiert und tingelte von Wladimir Putins Gnaden als Gérard Depar­dieu der Oper durch Russ­land. Nun über­nahm er spontan den Vater Germont an der Staats­oper in und erzählte der BILD voller Stolz, dass er gern FC schaue und sein bester Freund in Deutsch­land Franz Becken­bauer sei. Ich bleibe derweil dabei: Der grund­le­gende Wandel der Klassik wird kommen – spätes­tens, wenn Bilanz gezogen wird und Kultur-Gelder debat­tiert werden. Es ist besser, schon jetzt neu zu denken. 

JETZT REICHT’S ABER MAL MIT THIE­LE­MANN

Foto: Semper­oper

Das muss ausge­rechnet ich sagen? Ja! Der Dresdner Drops ist gelutscht: aus, vorbei und Ende. Und macht es doch richtig, er schweigt, so wie auf der Pres­se­kon­fe­renz in Dresden, als er den Jour­na­listen noch einmal erklärte, dass er zu seiner Vertrags-Nicht-Verlän­ge­rung nichts zu sagen habe. Umso erstaun­li­cher, dass ausge­rechnet die Autorin seiner Bücher, Chris­tine Lemke-Matwey, in der „Zeitnoch einmal wort­reich zurück­blickt – voll­kommen ohne Neuig­keiten. Im Kern geht es um ein Schreiben des Orches­ter­vor­standes an die Politik, in dem es heißt, dass man die kommenden Jahre nutzen wolle, um einen geeig­neten Nach­folger zu finden. „Wäre Thie­le­mann davon in Kenntnis gesetzt worden“, so Lemke Matwey, „hätte er seinen Takt­stock wahr­schein­lich sofort fallen­lassen.

Ich persön­lich sehe das anders: So ziem­lich jeder wusste doch über diesen Brief Bescheid (allein an dieser Stelle wurde er immer wieder zitiert) – und wenn Thie­le­mann als Einziger davon wirk­lich nichts wusste, zeigt das höchs­tens, wie weit er sich bereits von seinem eigenen Ensemble entfernt hatte, ohne es zu merken. Wie dem auch sei. Thie­le­mann scheint weit­ge­hend entspannt zu sein, erzählt jedem, dass sein Termin­ka­lender sich rasant füllt – und genau das ist doch auch gut: muss Lösungen im eigenen Garten schaffen, während Thie­le­mann es sich leisten kann zu schweigen und zu diri­gieren. Wo ist das Problem? 

ZÜRICH UND MÜNCHEN: NEUE KONZERT­SÄLE

Foto: PS Music

Egal, wen man fragt: Die neue Tonhalle in soll nach der Reno­vie­rung noch besser sein als zuvor. Das findet auch Doro­thee Vögeli in der NZZ. Die Eröff­nungs­kon­zerte finden am 15. und 16. September statt, aber es gab bereits erste Einblicke. Inten­dantin Ilona Schmiel sagte: „Wie bei vielen anderen Sälen auch standen umfang­reiche Erhal­tungs- und Moder­ni­sie­rungs­mass­nahmen an, über deren Durch­füh­rung und pünkt­liche Fertig­stel­lung wir sehr glück­lich sind.“ Erste akus­ti­sche Messungen seien äusserst viel­ver­spre­chend: „Wir verfügen jetzt mit der Grossen Tonhalle über ein Juwel mit grosser inter­na­tio­naler Strahl­kraft. Sie offen­bart eine exzel­lent restau­rierte Ästhetik und einen wunder­baren warmen und diffe­ren­zierten Klang.“ Und auch der neue Konzert­saal im Münchner HP8 an der Isar scheint auf gutem Weg zu sein. Die Agentur PS Music veröf­fent­lichte erste Bilder auf ihrem Insta­gram-Kanal. Darauf ist zu sehen, dass das beein­dru­ckende Haus schon nach einem echten Konzert­saal aussieht – das Beson­dere: er wird um eine bestehende Infra­struktur aus Auto­me­cha­niker und Biblio­thek herumghe­baut. 

DOMSPATZEN NEHMEN MÄDCHEN AUF

So groß die mediale Aufre­gung war, so normal war die eigent­liche Nach­richt: Das Gymna­sium der Domspatzen in Regens­burg nimmt ab dem Schul­jahr 202223 auch Mädchen auf. Die Schulen anderer Knaben­chöre machen das schon lange. Die Mädchen sollen mit ihren gesang­li­chen Fähig­keiten eine eigene neue Säule der Regens­burger Dommusik bilden, heißt es, die Regens­burger Domspatzen bleiben der Domchor und als reiner Knaben- und Männer­chor mit seinem unver­wech­sel­baren Klang in der bishe­rigen Form bestehen. Mit anderen Worten: Eigent­lich ist nicht so wahn­sinnig viel passiert. 

Wie schafft man es, sich von Corona nicht unter­kriegen zu lassen?
Arnt Cobbers fragt nach. Bei und Andreas Arend.

DIE BAYREU­THER NORNEN 

Sicher ist: Die werden dieses Jahr auf einen roten Teppich verzichten. Ansonsten ist vieles offen: Von Auffüh­rungen ohne Publikum bis zu einer etwa 50-prozen­tigen Schach­brett-Plat­zie­rung, bei der ungefä 900 Zuschauer kommen könnten, ist alles möglich. Die endgül­tige Entschei­dung wird Anfang Juli getroffen (nebenbei: Die Inzi­denz in lag diese Woche bei null!). Derweil finden die Proben unter schärfsten Sicher­heits­vor­keh­rungen (andau­ernde PCR-Tests für alle) statt. Etwas grotesk sieht die Situa­tion im Chor­pro­be­raum aus: Jede Sängerin und jeder Sänger haben eine eigene Plexi­glas-Kabine, aus der die Stimmen auf die Bühne über­tragen werden. Neben der Première des „Flie­genden Holländer“ (der wohl auch in den Kinos über­tragen wird) stehen die Wieder­auf­nahmen der Opern „Tann­häuser“ mit als Diri­genten sowie die gefei­erten „Meis­ter­singer von “ von auf dem Spiel­plan, diri­giert von . Außerdem gibt es zwei Konzerte (mit ) im Fest­spiel­haus. Als Vorläufer des neuen „Rings“ wird die „Walküre“, halb­kon­zer­tant aufge­führt.

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE

Foto: 20th Century Fox

Im Vorfeld zum „West Side Story“-Film von , erschien in den eine neue Doku über den Kompo­nisten und Diri­genten. The Holly­wood Reporter zeigt sich begeis­tert von der Doku „The Bottom Line“, in der Regis­seur Douglas Tirola beson­ders die poli­ti­sche Seite Bern­steins und sein Verhältnis zur US-Linken unter­sucht. +++ So wie Peter Jung­blut sahen viele die mit Span­nung erwar­tete Première von Wagners „Rhein­gold“ an der Deut­schen Oper in : „Statisten in Unter­wä­sche und jede Menge Rambazamba: insze­niert Wagners Musik­drama nah an Puppen­spiel und Jahr­markt-Spek­takel. Das ist furios bebil­dert, bleibt jedoch ober­fläch­lich. Dafür über­zeugen die Sänger und die Bühnen­tech­niker.“

CRESCENDO-Podcast: Hidden Secrets of Clas­sical Music
Detek­tiv­ge­schichten aus der Welt der Klassik:
Die Clementi Connec­tion – Wie Mozart, Beet­hoven und der Pop von einem frühen Influ­encer profi­tierten

+++ So viel gab es noch nie bei den Berliner Phil­har­mo­ni­kern: „Durch die konzen­trierten Proben in der Coro­na­zeit sind wir in unserer Bezie­hung weiter gekommen“, sagte er auf einer Pres­se­kon­fe­renz. „Ich weiß heute mehr darüber, was für die Musi­ke­rinnen und Musiker wichtig ist.“ Petrenko wird auch zwei Auffüh­rungen in der Wald­bühne und Fami­li­en­kon­zerte leiten, die er mode­riert. +++ Der Kompo­nist erhält den mit 250.000 Euro dotierten Ernst von Siemens Musik­preis 2021. Sein Lebens­werk stehe quer zu allen Strö­mungen und wider­setze sich schneller Einord­nung, begrün­dete die Stif­tung ihre Entschei­dung. 

UND WO BLEIBT DAS POSI­TIVE, HERR BRÜG­GE­MANN

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Viel­leicht in diesen Tagen auf dem Platz? Während Klassik-Konzerte immer noch mit Corona-Auflagen kämpfen, sind die EM-Stadien zum Teil prop­pen­voll. Und trotzdem: Die Allianz aus Fußball und Musik lebt weiter. 1990 waren es die „Drei Tenöre“, die eine WM als Anlass für das größte Marke­ting-Projekt der Musik genutzt haben. Auch bei den Bayreu­ther Fest­spielen wurde lange gekickt, die Sänger traten unter dem Namen „FC Walhall“ an (auf dem Foto u.a. Peter Hoff­mann). Ich selber durfte bei einem Match zwischen und Berliner Phil­har­mo­ni­kern im Olym­pia­sta­dion in Peking mitki­cken. Und letzte Woche traten die gegen die (Bild rechts) an (5:0). Dabei sein ist alles!

In diesem Sinne, eine span­nende EM, und halten Sie die Ohren steif!

Ihr

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Fotos: , Semper­oper, PS Music, Regens­burger Domspatzen, 20th Century Fox