Willkommen in der neuen KlassikWoche,

Steht Wiesbadens Intendant Uwe Eric Laufenberg vor der Entlassung? Und wo ist eigentlich MET-Dirigent Yannick Nézet-Séguin, während sein Orchester abgeschafft wird? Gestern Abend wurde in Berlin die „Walküre“ in der Regie von Stefan Herheim gefeiert – erste Eindrücke hier. Aber beginnen wir mit einem Gerücht, das wir in diesen Tagen ziemlich oft, besonders aus Amsterdam, hören. 

VON LEIPZIG NACH AMSTERDAM? 

Der Musikdirektor des Gewandhausorchesters in Leipzig, Andris Nelsons

Der Kapellmeister des Gewandhausorchesters in Leipzig, Andris Nelsons, scheint nun doch ernsthaft Interesse zu haben, neben seinem Job in Boston auch das Concertgebouworkest in Amsterdam zu übernehmen (trotz der dort sehr kritischen finanziellen Situation). Das hört man auf jeden Fall immer öfter aus der holländischen Hauptstadt. Noch ist alles ein Gerücht, aber schon nächste Woche könnte es eine handfeste Meldung sein.

Dann wird es natürlich auch um die Frage gehen, wer Andris Nelsons in Leipzig ersetzen könnte. Das wiederum wird wohl erst entschieden werden, nachdem das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks einen Nachfolger für Mariss Jansons gekürt hat – denn das Orchester in München scheint derzeit noch attraktiver zu sein als Leipzig.     

CORONA-FALL BEIM BRSO

Corona schreckt doch mehr Menschen, als einige Intendanten glauben. In Wien sind nicht einmal die Konzerte der Wiener Philharmoniker ausverkauft – das Publikum scheint ängstlich. Berlins Konzerthauschef Sebastian Nordmann zitiert eine eigene Umfrage: 25% seines Publikums wollen keine Masken während der Konzerte tragen. Gleichzeitig erinnert die Wiener Staatsoper auf Facebook an das bestehende „Bravo-Verbot“: Wer in die Oper kommt, scheint auch jubeln zu wollen. Außerdem: Der Opernball in Wien wurde abgesagt, die Wiener Philharmoniker glauben indes noch an eine Form des Tanzes.

Eskaliert ist die Situation im Teatro Real in Madrid. Hier hat das Publikum auf den Rängen gegen eine zu enge Sitzanordnung protestiert, so lautstark, dass die Vorstellung abgebrochen werden musste. Und gestern hat es dann auch das Orchester des Bayerischen Rundfunks in München erwischt. Dort wurde ein Konzert abgesagt, auf der Homepage hieß es: „Beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wurde im Rahmen des gegenwärtigen Projektes der musica viva-Konzertreihe im Prinzregententheater ein Mitglied positiv auf das Corona-Virus getestet. Die betreffende Person hat sich in Quarantäne begeben. (…) In Absprache mit der Leitung des Prinzregententheaters hat sich der Bayerische Rundfunk als Veranstalter entschlossen, die für den heutigen Sonntag anberaumte musica viva-Veranstaltung abzusagen, um dem Symphonieorchester für die kommende Woche eine medizinisch durchgetestete Fortführung der Konzerte zu ermöglichen.“ Wir werden uns an derartige Meldungen gewöhnen müssen – das BRSO handelt vorbildlich!

CORONA-DICKSCHÄDEL VOR ENTLASSUNG? 

Uwe Eric Laufenberg in Wiesbaden wollte um jeden Preis Musik ermöglichen.

Und dann ist da noch unser alter Freund in Wiesbaden, Intendant Uwe Eric Laufenberg. Wir erinnern: Einst bekam er eine Abmahnung seiner Dienstherrin, weil er mich mit historisch schrägen Beschimpfungen beleidigte, dann aber – und das sage ich in aller Offenheit – hat er auch mir imponiert: als Intendant, der um jeden Preis Musik möglich machen wollte. Nun scheint Jan Philipp (ja, Insider!) den Bogen allerdings überspannt zu haben. Laufenberg hat mit seiner Auslastungspolitik das hessische Sicherheitskonzept ignoriert. Die Konsequenz: Die Wochenend-Vorstellungen in Wiesbaden wurden abgesagt.

Laufenberg erklärte, dass er bereits vor der Änderung der Hygiene-Regelung Karten verkauft hätte und er das nun neu organisieren müsse. Ganz anders sieht das laut FAZ Hessens Kunstministerin Angela Dorn:Das Ministerium habe nicht die Durchführung von Vorstellungen untersagt. Das Gesundheitsamt der Landeshauptstadt habe dem Theater keine Sitzordnung genehmigt, die einen geringeren Mindestabstand als die durch die Landesverordnung vorgeschriebenen 1,50 Meter nach allen Seiten zulasse. Dies sei dem Theater in Gesprächen mitgeteilt worden.  ‚Es ist die ureigene Aufgabe der Leitung eines Staatstheaters, den Spielbetrieb unter Einhaltung aller geltenden Gesetze und Verordnungen zu gewährleisten‘, so Dorn. ‚Die Theaterleitung missachtet mit ihrer Entscheidung ausdrückliche Anweisungen des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst, das den Vorgang und seine Konsequenzen zeitnah prüfen wird.‘“ Hört sich nicht gut an für Laufenberg, auch, weil das bedeutet, er hätte sein Ego über die Gesundheit der Besucher gestellt. Besonders ärgerlich für ihn: Sollte es zu einer zweiten Abmahnung und damit zur Entlassung kommen, würde er nicht nur wegen seiner Corona-Pionierarbeit gehen müssen, sondern auch wegen seiner ärgerlichen Unbeherrschtheit.  

AUS DER FILMINDUSTRIE

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Man konnte neugierig sein, als Amazon angekündigt hat, ins Klassik-Geschäft zu gehen. Erstes Projekt: Ein Film über Jonas Kaufmann. Würde dem privaten Anbieter vielleicht ja eine journalistisch-kreative Alternative zu den oft klamaukigen ZDF-Bio-Pics über Klassik-Künstler à la Rrrrrrrrrrolandoooooo gelingen? Pustekuchen! Kritiker Uwe Friedrich ordnet die Doku im BR wie folgt ein: „‚Ein Weltstar ganz privat‘“ seien „75 Minuten Eigenwerbung im Hochglanzformat“. Dann doch lieber gleich einen Großmeister engagieren, mag sich Pianist Lang Lang gedacht haben. Dessen Management hat nun Ron Howard für einen Bio-Pic gewonnen. Der hatte gerade in seiner Luciano-Pavarotti-Doku gezeigt, dass Oper für ihn vor allen Dingen eines ist: eine Hollywood-Soap-Opera.     

DIE DIRIGENTIN

Oksana Lyniv dirigiert die Eröffnung der Bayreuther Festspiele 2021

Die Dirigentin“ ist der Titel eines Filmes, der gerade angelaufen ist und die Geschichte der Dirigentin Antonia Brico erzählt: Etwas pathetisch und vollkommen ohne Rücksicht auf musikalische Authentizität von Regisseurin Maria Peters Szene gesetzt. Da ist es lohnenswerter, die Augen auf eine der vielen Nachfolgerinnen von Brico zu richten, auf die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv. Sie soll die Bayreuther Festspiele 2021 mit dem „Fliegenden Holländer“ eröffnen. Der BR führte ein Interview mit ihr und fragte schnippisch, ob sie Probleme damit hätte, wenn Christian Thielemann, als „Direktor der Bayreuther Festspiele“ ihre Arbeit diskutieren wolle. Abgesehen davon, dass diese Position noch immer nicht verlängert wurde, antwortete Lyniv souverän: „Nein, ich diskutiere gern über Musik und Interpretationen. Es ist sehr interessant, wenn man sich mit Kollegen austauschen kann. Was die technische und musikalische Umsetzung betrifft, kann ich nur froh sein, mehrere Meinungen zu hören. Aber entscheiden muss ich selbst. Ich stehe ja am Ende allein am Pult und trage die Verantwortung für die Leistung.“ Bereits vor zwei Jahren hatte das VAN-Magazin die Dirigentin an ihrer Wirkungsstätte in Graz besucht und ausführlich porträtiert. 

DER US-SCHOCK

Sie werden entlassen: Chor und Orchester der MET. Und wie äußert sich Yannick Nézet-Séguin dazu?

Die MET hat angekündigt, dass sie die Türen für ein weiteres Jahr schließt. Und zwar mit für Europa unmöglichen Konsequenzen: Orchester und Chor werden entlassen – es wird nichts anderes als die Krankenkasse gezahlt. Wo ist in dieser Situation eigentlich Chefdirigent Yannick Nézet-Séguin? Der postete in den letzten Wochen auf Instagram lustige Bilder vom idyllischen Privat-Rückzug in die Berge. Muss man von einem Orchesterchef nicht mehr Engagement, Lautstärke und Unterstützung für das eigene Ensemble erwarten? Andere US-Orchester verzichten kollektiv, inklusive Administration und künstlerische Leitung, auf erhebliche Teile des Einkommens, um das Ensemble als ganzes über Wasser zu halten. Nézet-Séguin brauchte bis Samstagmorgen für ein eher lauwarmes Statement. Auch Peter Gelb hat sich in seiner internen Ansprache nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. Eines auf jeden Fall ist sicher: Unsolidarischer als in den USA ist Kultur an kaum einem anderen Ort. Um so absurder erscheint es, dass nun auch noch herauskam, dass die MET dem Dirigenten James Levine (noch vor Corona) eine Abfindung von 3,5 Millionen Dollar gezahlt hat – als Vergleich nach den Vorwürfen sexueller Übergriffe.   

PERSONALIEN DER WOCHE

Igor Levit wird mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Als klar wurde, dass Igor Levit am kommenden Donnerstag das Bundesverdienstkreuz erhält, hat mich der SWR um einen Gast-Kommentar gebeten. Meine Meinung: Ich gönne es ihm, finde es aber erstaunlich, dass Levit den politisch Unangepassten gibt, in Wahrheit aber ein vollkommener Repräsentant des selbstverständlichen und humanistischen Polit-Konsens‘ ist, und ich befürchte, dass die Auszeichnung ein kulturpolitisches Ablenkungsmanöver ist, das das Scheitern der Kulturpolitik von Monika Grütters übertünchen soll. Hier der ausführliche Kommentar, warum Levit der Rückhalt unter Musiker-Kollegen fehlt. +++ Anna Netrebko postet schon wieder aus dem Corona-Krankenhaus: Zum einen erklärte sie ihre Solidarität mit allen Künstlern der MET, auf der anderen Seite ist sie unbelehrbar und findet alle kulturellen Corona-Einschränkungen einfach „dumm“. +++ Und auch das Macho-Gehabe hört einfach nicht auf. Nachdem Zubin Mehta als Ehrenpräsident des Maggio Musicale in Florenz nach den Engagements von Plácido Domingo und James Levine befragt wurde, antwortete er allen Ernstes: „Die schwarzen Listen überlassen wir dem amerikanischen Puritanismus. Levine ist von den US-Medien ruiniert worden. Domingo hat die Los Angeles Oper verlassen müssen, die vor ihm nichts wert war. Und alles nur wegen Klagen, die nach 30 Jahren von verfehlten Künstlern stammen. Das klingt nach Rache“. +++ Kirill Petrenko fordert im „Tagesspiegel“ eine Lockerung von Abstandsregeln im Orchester: „Unsere Arbeit vollzieht sich vor allem in nonverbaler Kommunikation“, sagt Petrenko und vergleicht die Interpretation einer Sinfonie mit dem Flug eines Vogelschwarms gen Süden. Beides sind große Reisen, in beiden Fällen ist der körperliche Kontakt konstitutiv fürs Gelingen. Darum kämpfen die Berliner Philharmoniker hinter den Kulissen intensiv dafür, dass sich schnell etwas ändert an ihren Abstandsregeln. +++ Komponist Moritz Eggert schreibt in einem schonungslos ehrlichen Text in der NMZ über seine Motivationslosigkeit in der Covid-Krise und darüber, warum er derzeit lieber läuft als Noten aneinander zu reihen. +++ Sie war auch ein Klassiker! Kerstin Gallmeyer ruft hier der Muse von Saint-Germain-des-Prés, Juliette Gréco nach.

VERRISS DER WOCHE

Szenenfoto von "Boris Godunow" am Opernhaus Zürich

So richtig sauer war Kritiker Christian Berzins im Tagblatt über das Experiment an der Oper Zürich. Dort wurde die Oper „Boris Godunow“ aufgeführt – trotz Corona. Mit einem technischen Kniff: Das Orchester spielte live an einem anderen Ort und wurde technisch in den Saal geschaltet, wo Barrie Koskys Regie gezeigt wurde. Während viele Kollegen allein den Versuch dieses Unterfangens begrüßten, tobte Berzins in wunderbarer Rage. „So fürchterlich war eine Saisoneröffnung noch nie“, titelte er und schrieb: „Galt es da der Kunst? Muss man beschreiben, wie schrecklich es ist, wenn das Orchester nicht im Haus ist, wenn es sich dort nur via Glasfaser entfalten kann? Soll man schreiben, dass im Fortissimo Chor und Orchester zu einem brutalen, dröhnenden Metall-Klang wurden? Dass es in den stillen Einleitungen, wo noch keine Handlung zu sehen war, klang, als schlage da die Totenglocke?“ 

FRIEDENSPFEIFE

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Wir waren keine Freunde: Ich habe immer wieder die Kosten und die Konsequenzen der Elbphilharmonie für den NDR vorgerechnet, und er hat immer wieder bei Chefredakteuren angerufen und sich über meine Kritik beschwert. Dann war lange Funkstille. Aber irgendwie fanden wir, dass es an der Zeit sei, eine Friedenspfeife zu rauchen! Und das haben wir nun getan, fast zwei Stunden lang und dabei über eine Jugend in Wien, über Theater-Vollblüter wie Ioan Holender und Alexander Pereira, aber auch über den Wandel der Kultur- und Klassik-Szene gesprochen. Hier ist Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter im XXL-Gespräch.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr 

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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