Willkommen in der neuen KlassikWoche,

in der Normandie geht es zu, als würde Donald Trump ein Opernhaus leiten, in Bayern wächst der Frust über die Kulturpolitik, und in Leipzig konnte man Andris Nelsons nun doch halten.  

CORONA-CHAOS IN DER NORMANDIE

Corona-Chaos an der Opéra de Rouen in der Normandie

Nein, es geht nicht um die Pariser Oper und nicht um Jonas Kaufmann, „dann wäre das sicherlich eine größere Geschichte geworden“ – so haben es mir einige Kollegen in den letzten Tagen erklärt. Als ob der fahrlässige Umgang mit Corona an europäischen Provinz-Theatern nicht so schlimm wäre. Anlass meiner Neugier waren mehrere Anrufe, die ich bekommen hatte. Künstler haben mir über die katastrophale Corona-Situation an der Opéra de Rouen berichtet: Corona-Tests wurden hier nur auf freiwilliger Basis angeboten, der erste Corona-Fall heruntergespielt, weitere Mitglieder der „Tannhäuser“-Produktion steckten sich während der Proben an (unter ihnen auch Tenor Stefan Vinke, der zum Glück nur schwache Symptome hatte), und das künstlerische Betriebsbüro in Rouen fragte offensichtlich Einspringer-Sängerinnen an, ohne sie über die aktuellen Corona-Fälle am Haus zu informieren. Bis heute heißt es auf der Website der Oper, dass es sich lediglich um einen Infektionsfall handle – tatsächlich sind mindestens fünf Beteiligte der Produktion positiv getestet worden.

Auf Anfrage von CRESCENDO konnte Intendant Loïc Lachenal keinen der gegen ihn erhobenen Vorwürfe entkräften und verwies lediglich darauf, sich an die französische Rechtslage gehalten zu haben. Nach Veröffentlichung des Artikels in CRESCENDO haben sich weitere Betroffene gemeldet und die Verhältnisse in der Normandie ebenfalls aufs schärfste verurteilt, anonym, da sie Repressalien fürchten. Das Ärgerliche: Während Häuser in Wien, Berlin und anderenorts durch Transparenz, Vorsicht und umfangreiches Testen für Vertrauen bei Künstlern und Publikum sorgen (gerade berichtete die Camerata Salzburg offen von sieben Fällen, und Manuel Brug beschreibt in der „Welt“ die optimistische Corona-Politik in Wien), verspielen Theater wie jenes in Rouen diese positive Wirkung dieser mühsamen ersten Schritte. Alle Hintergründe zum Corona-Chaos in Rouen hier. Dazu passt die Meldung: Auch im Mariinski-Theater von Valery Gergiev nimmt man es mit der Transparenz nicht ganz so genau. Angeblich seien inzwischen die Hälfte des Chores und 30 Mitglieder des Orchesters positiv auf Covid-19 getestet worden.

INDIVIDUELLE TEST-WAHRHEITEN

Die Pool-Methode senkt die Kosten von Corona-Tests. An der Staatsoper Wien wird in der Regel einmal die Woche getestet.
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Nachdem ich den Artikel über Rouen auf meiner Facebook-Seite verlinkt hatte, wurde die Kommentar-Spalte zu einer Plattform für ziemlich ungesicherte Theorien und krude Behauptungen: So hieß es (wie derzeit öfter im Netz), dass die Staatsoper in Wien für Corona-Tests eine Million Euro pro Monat ausgebe. Das ist allerdings vollkommener Quatsch. Inzwischen gibt es bereits Kohorten-Tests, bei denen die Kosten pro Künstler lediglich 6,50 Euro betragen, 100 Mitglieder eines Ensembles also für 650 Euro getestet werden können (hinzu kommt professionelles Personal für die Abstriche). Getestet wird in der Regel einmal die Woche. Das Testen wird also immer günstiger und stellt sich als derzeit beste Lösung für eine Normalisierung des Spielbetriebes heraus. Die Kommentare waren für mich ein Paradebeispiel dafür, zu sehen, wie Unwahrheiten sich als bloße Behauptungen Bahn brechen und selbst dann, wenn sie entkräftet werden, mit einem Satz wie „faszinierend und erschütternd, wie gewisse Herrschaften mit ihrem Corona-Gehorsam jubelnd in den kulturellen Ruin laufen…“ negiert werden. Musik ist emotional, ja – aber ihre Ermöglichung muss ein Akt höchster Rationalität sein und bleiben! Und, ja, es läuft viel falsch in diesen Tagen, aber den Pfad der Fakten zu verlassen, wäre das Allerfalscheste.    

DIE KÜR DER BESTEN

Axel Brüggemann im Auto der besten Opernproduktion des Jahres: Tobias Kratzers Bayreuther "Tannhäuser"

Ich durfte auch drinsitzen: im Auto, das durch die „Beste Opernproduktion“ des Jahres fuhr, durch Tobias Kratzers Bayreuther „Tannhäuser“. Die Zeitschrift Opernwelt kürte außerdem die Frankfurter Oper und das Grand Théâtre in Genf zu den besten Opernhäusern. Die Sopranistin Marlis Petersen (sie ist Gast in meinem nächsten Podcast) und der Countertenor Jakub Józef Orliński wurden als beste Sänger gewählt. Zum neunten Mal wurde das Bayerische Staatsorchester „Orchester des Jahres“, dessen bisheriger Generalmusikdirektor Kirill Petrenko sich in diesem Jahr den Titel als „Dirigent des Jahres“ mit dem Schweizer Titus Engel teilt. 

KLAGEN GEGEN DIE PROBLEM-POLITIK

Das Stadttheater Schweinfurt muss saniert werden. Sonst gehen 2022 die Lichter aus.

Werden unsere Stadttheater die Corona-Maßnahmen überleben? Schon jetzt geht es etablierten Häusern an den Kragen, so wie dem Stadttheater in Schweinfurt – dort muss neben den Corona-Kosten auch noch für 40 Millionen Euro saniert werden. Sollte sich der Stadtrat gegen die Sanierungen aussprechen, gehen im Frühjahr 2022 in Schweinfurt die Lichter aus. Denn dann verliert das Haus seine Betriebserlaubnis. Überhaupt scheint die Politik noch immer überfordert und im Sommer nur wenig für den anstehenden Herbst geregelt zu haben. Davon zeugen mehrere Meldungen in dieser Woche: Der BR berichtet vom Ende der Soforthilfen für Solo-Selbstständige und Künstler in Bayern und zieht eine verheerende Bilanz: Ein Großteil der Gelder sei nicht abgerufen worden, da die Kriterien nicht der Praxis entsprachen, die Hilfe habe keine Linderung gebracht, es bestünde kein Konzept für den Winter und die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen sei im Sande verlaufen. „Die Kulturszene fürchtet mit dem Ende des Programms umso mehr um ihren Status“, konstatiert der BR. Gleichzeitig kommentiert Robert Braunmüller in der Abendzeitung die 200-Zuschauer-Politik in Bayern: „Bernd Siblers (Kunstminister Anm. die Red.) Pilotversuch wird bald verbrannte Erde zurücklassen. Ein schwacher Minister, der sich im Kabinett nicht durchsetzen kann und mit seinem Spiel auf Zeit das kulturelle Leben ruiniert, ist überflüssig.“ In der Süddeutschen berichtet Helmut Mauró über die Münchner Konzertveranstalterin Alexandra Schreyer, die erklärt, dass ein Großteil ihrer Kollegen vor dem Bankrott stünde. Der Sänger Christoph Filler beschreibt auf seiner Facebook Seite in einem klugen und lesenswerten Text die konkreten Probleme freischaffender Künstler. Der Druck wächst, unter anderem, weil die Abschlagszahlungen nur zwischen 0% und 50% liegen, neue Verträge den Künstlern 100% der Ausfall-Last anhängen wollen, den Künstlern verboten wird, sich mit Personen außerhalb der Produktion zu treffen, außerdem würden Künstlergagen niedriger angesetzt, weil die Branche gelitten habe.

WIESBADENS „LAUFEN VON BERG

Mein Kollege Volker Milch vom Wiesbadener Kurier hat mich gestern noch gefragt, ob ich mehr wüsste – wusste ich aber nicht. Er hatte Eins und Eins zusammengezählt und seine Rechnung nun veröffentlicht: Bayreuth-Geschäftsführer Holger von Berg soll auffällig oft in Wiesbaden gesichtet worden sein. Milchs These: Er wird dort am 1. April 2021 Bernd Fülle (mit dem Holger von Berg sich intensiv unterhalten haben soll) beerben und Intendant Uwe Eric Laufenberg als Geschäftsführer an die Seite gestellt. Bei entsprechender Nachfrage wurde Milchs Vermutung weder von der Politik noch vom Hause selber dementiert. Von Berg hat sich vertraglich versichern lassen, dass er nach dem Bayreuth-Ende eine Job-Garantie beim Freistaat in München in führender Position haben wird (nicht wenige in Bayreuth sollen ihm hinter vorgehaltener Hand den Chefposten bei „irgendeinem Eisenbahn-Modell-Museum in der fränkischen Provinz“ gewünscht haben). Das Duett „LaufenVonBerg“ kennt sich bereits von den Bayreuther Festspielen, als der Regisseur hier „Parsifal“ inszenierte und mit seiner Arbeit eigentlich nur den damaligen Geschäftsführer begeisterte.

PERSONALIEN DER WOCHE

Nachdem ich letzte Woche an dieser Stelle meinen Kommentar für SWR2 über Igor Levit zur Debatte gestellt habe, hat Hartmut Welscher im Deutschlandfunk nun nachgelegt mit einem – wie ich finde – wunderbaren Satz, den sich so mancher Feuilletonist an die Pinnwand tackern sollte: „In Interviews und Porträts werden Levits Selbstinszenierung und Pose der Widerständigkeit oft unhinterfragt übernommen. Die Grenzen zwischen Kultur und Kommerz, Journalismus und Marketing sind dabei nicht immer leicht zu erkennen. Dabei wird Musikjournalismus ohnehin schon zu oft als Cheerleading missverstanden.“ +++ Anna Netrebko ist nach eigenen Angaben von Corona genesen und will am 21. Oktober wieder an der Mailänder Scala singen, ein Programm mit Opernarien von Giuseppe Verdi, Amilcare Ponchielli, Francesco Cilea und Giacomo Puccini. Anna Netrebko soll außerdem zwei weitere Konzerte an der Scala geben – am 15. November und am 21. Februar. +++ Ulf Schirmer, Generalmusikdirektor und Intendant der Leipziger Oper, will sich mit einem „Jahrhundertklang“ verabschieden: Schon seit einigen Monaten plakatiert die Leipziger Oper unter anderem in Bayreuth – dem eigentlichen Zuhause der Wagner-Festspiele – mit dem Vorhaben „Wagner22“. Wie die Oper am Mittwoch mitteilte, sei der Plan, alle vollendeten Opern von Richard Wagner in chronologischer Reihenfolge in „Drei Wochen Unendlichkeit“ aufzuführen. +++ Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) gerät derzeit offensichtlich wegen Täuschungsvorwürfen unter Druck. Nach Recherchen von WELT AM SONNTAG hat er dem Untersuchungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses Unterlagen vorenthalten. Es geht um die Kündigung des auf DDR-Unrecht spezialisierten Historikers Hubertus Knabe, dem vorgeworfen wurde, strukturellen Sexismus an der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen geduldet zu haben.

WAS SCHERT MICH DAS GERÜCHT DER LETZTEN WOCHE?

Andris Nelsons geht nicht ans Concertgebouw, sondern bleibt beim Gewandhausorchester in Leipzig.

Jede Woche fasst die CRESCENDO-KlassikWoche zusammen, was die Kollegen über die Klassik geschrieben haben, und regelmäßig sickern auch bei mir Informationen durch. Egal, ob der Rauswurf von Christian Thielemann bei den Salzburger Osterfestspielen, die Ernennung von Stephan Pauly zum neuen Chef des Wiener Musikvereins oder Geschichten wie jene um das Opernhaus in Rouen werden im Vorfeld genau recherchiert. Daneben gibt es den „Klatsch und Tratsch“, den ich auch gern so benenne, oder „Gerüchte“, die – wenn sie nachvollziehbar genug sind – als solche weitergeflüstert werden. Letzte Woche stellten wir die Frage, ob Andris Nelsons ans Concertgebouw nach Amsterdam wechseln wird, eine Theorie, die am Dienstag auch die Leipziger Volkszeitung aufnahm. Fakt ist, dass es konkrete Verhandlungen gab, die inzwischen wohl aber gescheitert sind. Auf jeden Fall ist für heute, Montagnachmittag, eine Pressekonferenz des Gewandhausorchesters in Leipzig anberaumt – mit Andris Nelsons und einer Schalte nach Boston. „Es wird sicherlich nicht darum gehen, dass wir in Leipzig verkünden, dass Nelsons nach Amsterdam geht“, heißt es aus dem Gewandhaus mit einem Augenzwinkern. Also schlussfolgern wir mit aller uns zur Verfügung stehenden Schärfe: Es kann nur um Nelsons Vertragsverlängerung in Leipzig gehen. Für das Concertgebouw bleibt allerdings auch heute nur wieder ein Gerücht: Angeblich verhandelt man dort inzwischen mit dem Dirigenten Iván Fischer.    

Und sonst? Hat mich diese Woche eine Widmung besonders gefreut. Nachdem der Komponist Moritz Eggert letzte Woche in einem Essay erklärt hat, warum das Komponieren ihm derzeit so schwer fällt, und warum er lieber läuft, widmete er mir in einem Facebook-Post seinen 8,4‑Kilometer-Lauf in entspannten 48 Minuten – bei dem Tempo hätte Moritz mindestens nebenbei noch ein Chanson aus dem vorletzten Loch pfeifen können! Ich habe mich trotzdem sehr gefreut! 

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

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