Am 29. Janu­ar 2020 kommt Gia­co­mo Puc­ci­nis Oper „La Bohè­me“ mit Sony Yon­che­va als Mimì live aus dem Roy­al Ope­ra House Lon­don in die deut­schen Kinos. Charles Cas­tro­no­vo über­nimmt die Par­tie des Dich­ters Rodol­fo. Richard Jones’ hat das Werk in Sze­ne gesetzt.

Das ist ein fan­tas­ti­sches Stück“, schwärmt Jones in der bri­ti­schen Zei­tung The Guar­di­an über Puc­ci­nis La Bohè­me. Es erzäh­le vom Ver­lie­ben, Strei­ten, von Abschied und Wie­der-Zusam­men­fin­den, bis am Ende etwas Erschüt­tern­des gesche­he. Das sei groß­ar­tig. 

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Die Geschich­te von den jun­gen Men­schen auf der Suche nach sich selbst, die in eine gro­ße Stadt kom­men, um ein frei­es Leben zu füh­ren, aber statt­des­sen mit dem Tod kon­fron­tiert wer­den, „erfreut die Men­schen und bricht ihre Her­zen“.

Die Sopranistin Sony Yoncheva

Verkörpert die Rolle der Mimì: Sonya Yoncheva

(Foto: © Juli­an Har­grea­ves / Sony Music)

Jones’ Insze­nie­rung kommt mit Sonya Yon­che­va als Mimì und Charles Cas­tro­no­vo als Rodol­fo live aus dem Roy­al Ope­ra House Lon­don in die deut­schen Kinos.

Der Tenor Charles Castronovo

Übernimmt die Partie des Dichters Rodolfo: Charles Castronovo

Der ers­te Akt spielt in einer Pari­ser Man­sar­de. Hier hau­sen die vier Bohe­mi­ens, der Maler Mar­cel­lo, der Dich­ter Rodol­fo, der Phi­lo­soph Col­li­ne und der Musi­ker Schau­nard. Wäh­rend Mar­cel­lo, Col­li­ne und Schau­nard vor­aus ins Café Momus auf­bre­chen, klopft es schüch­tern an der Tür. Es ist Mimì, deren Ker­ze erlo­schen ist und die um Feu­er bit­tet. Mit Rodol­fos Arie „Che geli­da mani­na“ (Wie eis­kalt ist dies Händ­chen) und Mimìs Erzäh­lung von ihrem Dasein als Sti­cke­rin „Mi chia­ma­no Mimì“ (Man nennt mich nur Mimi) erwacht ihre Lie­be: „O soave fan­ciul­la“ (O du süßes­tes Mäd­chen).

Pariser Arkaden

Die Bohemiens stürzen sich ins Pariser Vergnügen.

(Foto © ROH / Cathe­ri­ne Ashmo­re)

Der zwei­te Akt zeigt leb­haf­tes Trei­ben vor dem Café Momus. Die Freun­de stür­zen sich ins Ver­gnü­gen. Da taucht Muset­te auf, die eins­ti­ge Gelieb­te Mar­cel­los: „Quan­do men vo“ (Will ich allein).

Szenenfoto aus "La Bohème"

Vor einer Schenke am Stadtrand klagt Mimì dem Maler Marcello ihr Leid.

(Foto © ROH / Cathe­ri­ne Ashmo­re)

Der drit­te Akt führt zu einer klei­nen Schen­ke an der Gren­ze der Stadt. Mimì klagt Mar­cel­lo ihr Leid, dass Rodol­fo sie mei­de: „Rodol­fo m’ama e mi fug­ge“ (Ach, Rodol­fo liebt mich von Her­zen). Als Rodol­fo aus der Schen­ke kommt, ver­steckt sich Mimì. Rodol­fo erzählt Mar­cel­lo, dass Mimì tod­krank sei und er ihr Dahin­ster­ben nicht ertra­gen kön­ne. Ihr Hus­ten ver­rät Mimì. Wie­der ver­si­chern die bei­den ihre Lie­be zuein­an­der, wäh­rend Mar­cel und Muset­te in der Schen­ke zan­ken.

Szenenfoto aus "Le Bohème"

Mimì und Rodolfo in der Mansarde 

(Foto © ROH / Cathe­ri­ne Ashmo­re)

Der vier­te Akt spielt wie­der in der Man­sar­de. Muset­te stürzt zu den vier Freun­den hin­ein, weil die tod­kran­ke Mimì Rodol­fo noch ein­mal sehen will. Rodol­fo legt sie aufs Bett. Muset­te geht einen Muff für ihre kal­ten Hän­de kau­fen. Col­li­ne nimmt Abschied von sei­nem Man­tel, den er ins Pfand­haus trägt, damit man den Dok­tor holen kann: „Vec­chia zimar­ra, sen­ti“ (Höre, du alter Man­tel). Mimì und Rodol­fo hän­gen dem Glück ihrer Lie­be nach. Als Muset­te mit dem Muff kommt, schläft Mimì ein. Und Rodol­fo bricht mit einem ver­zwei­fel­ten Auf­schrei über ihr zusam­men.

Der Komponist Giacomo Puccini

In Henry Murgers Roman entdeckte Giacomo Puccini den Stoff zu seiner Oper „La Bohème“.

36 Jah­re war Puc­ci­ni alt, als ihm Hen­ry Mur­gers auto­bio­gra­fi­scher Roman Scè­nes de la vie de Bohè­me in die Hän­de fiel. Mög­li­cher­wei­se hat­te der Ver­le­ger Tito Ricor­di ihm das Buch geschickt, der wuss­te, dass der Ver­lag Son­zo­gno den Kom­po­nis­ten Rug­ge­ro Leon­ca­val­lo mit sei­ner Ver­ope­rung beauf­tragt hat­te. Fran­zö­si­sche Stof­fe und vor allem das The­ma Bohè­me wur­den um die Jahr­hun­dert­wen­de plötz­lich aktu­ell.

Luigi Illica erstellte mit Giuseppe Giacosa das Libretto.

Luigi Illica erarbeitete das Szenario zu „La Bohème“

Puc­ci­ni wand­te sich an Lui­gi Illi­ca mit dem Auf­trag, ein Sze­na­rio zu erar­bei­ten. Die Aus­füh­rung des Tex­tes und der Ver­se soll­te Giu­sep­pe Gia­co­sa über­neh­men. Die „hei­li­ge Drei­ei­nig­keit“ nann­te Tito Ricor­di sie. Doch Einig­keit war nicht immer gege­ben. Puc­ci­ni maß dem Libret­to gro­ße Bedeu­tung bei. Er wuss­te, wie wich­tig ein stim­mi­ges, wir­kungs­vol­les Libret­to für den Erfolg einer Oper war. „Ich soll mit geschlos­se­nen Augen das Evan­ge­li­um Illi­cas anneh­men?“, ent­rüs­tet er sich gegen­über Ricor­di. „Auch den Tod will ich so haben, wie ich ihn mir gedacht habe.“ Es wur­de so viel umge­schrie­ben und ver­wor­fen, dass Illi­ca spä­ter klag­te, „als die Bohè­me erschien, blie­ben uns im Kof­fer zehn Bohè­mes übrig“.

Der Schriftsteller Henry Murger

Henry Murger lieferte mit seinem Roman „Scènes de la vie de Bohème“ die Vorlage zu Puccinis Oper.

Mur­ger, der selbst das Leben eines Bohe­mi­ens führ­te, hat­te sei­ne Erleb­nis­se zunächst in loser Fol­ge in Zeit­schrif­ten ver­öf­fent­licht. 1849 kam im Théât­re des Varié­tés unter dem Titel La vie de Bohè­me eine Büh­nen­fas­sung her­aus. Und zwei Jah­re dar­auf erschien sie als Roman, in dem Mur­ger sei­ne vier Freun­de schließ­lich in ein bür­ger­li­ches Leben führt. Die Lie­bes­ge­schich­te von Mimì und Rodol­fo als roter Faden war erst die Idee der Libret­tis­ten.

Puc­ci­ni über­nahm von Mur­ger vie­le Details. Denn er war um eine far­ben­rei­che Dar­stel­lung des Milieus bemüht. Rea­le Men­schen woll­te er auf die Büh­ne brin­gen. Paris kann­te er damals noch gar nicht. Den­noch beton­te Clau­de Debus­sy spä­ter, nie­mand habe das Paris die­ser Zeit so gut beschrie­ben wie er in La Bohè­me. Zwei Jah­re nahm die Arbeit an dem Libret­to in Anspruch. Inner­halb von acht Mona­ten brach­te Puc­ci­ni sodann die Musik zu Papier.

Diese Blätter werden dich unsterblich machen!“

Sogar ein Bohè­me-Club wur­de ins Leben geru­fen. Bei Puc­ci­ni kam er zusam­men. Bewe­gend ist der oft geschil­der­te Abschluss der Kom­po­si­ti­on. Wäh­rend die Freun­de Kar­ten spie­len, arbei­tet Puc­ci­ni am Kla­vier. Um Mit­ter­nacht dreht er sich ihnen zu: „Ruhe, ihr Bur­schen! Ich bin fer­tig!“ Und er spielt ihnen den Schluss vor. „Als die zer­rei­ßen­den Akkor­de ihres Todes erklan­gen“, schreibt der Maler Fer­ru­cio Pagni, „über­lief es uns wie Schau­er, und kei­ner von uns konn­te sich der Trä­nen ent­hal­ten. Auch Gia­co­mo wein­te. Wir umring­ten ihn und umarm­ten ihn stumm. Dann sag­te einer: ‚Die­se Blät­ter wer­den dich unsterb­lich machen!‘“

Eine Pro­phe­zei­ung, die sich erfüll­te. Die Urauf­füh­rung am 1. Febru­ar 1896 im Tea­tro Regio in Turin brach­te nur freund­li­chen Bei­fall. Auch die Kri­ti­ken fie­len nicht gut aus. Erst am 13. April in Paler­mo erreich­te die Oper jene Wir­kung, von der Puc­ci­ni geträumt hat­te. 3000 Hörer woll­ten am Ende, eine Stun­de nach Mit­ter­nacht, das Haus nicht ver­las­sen, bis der Diri­gent Leo­poldo Mugno­ne mit dem noch anwe­sen­den Teil des Orches­ters und den zum Teil bereits umge­klei­de­ten Sän­ge­rIn­nen das gan­ze Fina­le wie­der­hol­te.

Puccinis Verleger Ricordi

Begleitete Puccini zur ersten Aufführung von „La Bohème“ in England: der Verleger Tito Ricordi

Noch im sel­ben Jahr wur­de die Oper zum ers­ten Mal in Eng­land gezeigt. Das Come­dy Thea­t­re in Man­ches­ter spiel­te am 22. April „The Bohemi­ans“ in eng­li­scher Spra­che. Weil er der Auf­füh­rung bei­woh­nen woll­te, über­quer­te Puc­ci­ni in Beglei­tung sei­nes Ver­le­gers Tito Ricor­di erst­mals den Kanal. Der Musik­kri­ti­ker der Sunday Times schil­dert die bei­den: „Noch nie habe ich zwei jun­ge Män­ner gese­hen, die in einer so ver­zag­ten Fas­sung und eines Fehl­schla­ges so sicher waren. Die Pro­ben waren schlecht gegan­gen, und es schien unmög­lich, dass die Oper Erfolg haben soll­te. Ihre schmerz­li­chen Ahnun­gen haben sich aber nicht bewahr­hei­tet…“ Fünf Mona­te dar­auf, am 2. Okto­ber 1897, kam die Oper aber­mals in eng­li­scher Spra­che am Covent Gar­den her­aus.

Der bewusste Weg zum unbewussten Schaffen

Richard Jones’ Insze­nie­rung hat­te am 11. Sep­tem­ber 2017 Pre­mie­re. Wie Jones gegen­über The Guar­di­an erzählt, durch­leb­te er nach sei­nem Anthro­po­lo­gie-Stu­di­um selbst eine Bohe­mi­en-Peri­ode. Er arbei­te­te als Jazz-Pia­nist in Bars und wirk­te in Shows im Lon­do­ner West End mit. So fand er Ein­gang in die Welt des Thea­ters. Inspi­riert fühl­te er sich von den Insze­nie­run­gen John Dex­ters und dem klas­si­schen Bal­lett.

Verlangte die vollkommene Verkörperung einer Rolle: Konstantin Stanislawski

Inspiration für Richard Jones: der Begründer des Moskauer Künstlertheaters Konstantin Stanislawski

Auch die Beschäf­ti­gung mit dem Schau­spie­ler, Regis­seur und Mit­be­grün­der des Mos­kau­er Künst­ler­thea­ters Kon­stan­tin Sta­nislsw­ski übte gro­ßen Ein­fluss auf ihn aus. Die­ser streb­te nach der voll­kom­me­nen Ver­kör­pe­rung einer Rol­le. Er nann­te es den bewuss­ten Weg zum unbe­wuss­ten Schaf­fen, wenn er vom Schau­spie­ler ver­lang­te, sich in das Erle­ben, Den­ken und Füh­len einer Figur hin­ein­zu­ver­set­zen. Sogleich nach sei­ner ers­ten Regie­ar­beit für das Thea­ter wand­te sich Jones der Oper zu. La Bohè­me setz­te er erst­mals 2001 bei den Bre­gen­zer Fest­spie­len auf der See­büh­ne in Sze­ne.

der Dirigent Emmanuel Villaume

Übernimmt die musikalische Leitung: Emmanuel Villaume

(Foto © Mar­co Borg­gre­ve)

Julia Bur­bach, die als Regis­seu­rin ihre ers­te Begeg­nung mit La Bohè­me an der Baye­ri­schen Staats­oper an der Sei­te von Chris­toph Loy hat­te, erweck­te Richard Jones’ Insze­nie­rung zu neu­em Leben. In den Büh­nen­bil­dern und der Aus­stat­tung von Ste­wart Laing stu­dier­te sie sein Regie­kon­zept mit den Sän­ge­rIn­nen ein. Der Bari­ton Andrzej Filońc­zyk singt die Par­tie des Mar­cel­lo, wäh­rend die Sopra­nis­tin Aida Gari­ful­li­na als Muset­ta ihr Debüt an der Roy­al Ope­ra gibt. Der Bari­ton Gyu­la Nagy über­nimmt die Par­tie von Schau­nard, und der Bass Peter Kell­ner steht als Col­li­ne auf der Büh­ne. Die musi­ka­li­sche Lei­tung liegt in den Hän­den von Emma­nu­el Vil­lau­me.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen: www.rohkinotickets.de

Wei­te­re Über­tra­gun­gen aus dem Roy­al Ope­ra House:
Der Nuss­kna­cker, Dorn­rös­chen

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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