Royal Opera House

O, du süßestes Mädchen

von Ruth Renée Reif

15. Januar 2020

Puccinis „La Bohème“ mit Sonya Yoncheva als Mimì live aus dem Royal Opera House in die deutschen Kinos.

Am 29. Januar 2020 kommt Giacomo Puccinis Oper „La Bohème“ mit Sony Yoncheva als Mimì live aus dem London in die deut­schen Kinos. über­nimmt die Partie des Dich­ters Rodolfo. Richard Jones’ hat das Werk in Szene gesetzt.

„Das ist ein fantas­ti­sches Stück“, schwärmt Jones in der briti­schen Zeitung The Guar­dian über Puccinis La Bohème. Es erzähle vom Verlieben, Streiten, von Abschied und Wieder-Zusam­men­finden, bis am Ende etwas Erschüt­terndes geschehe. Das sei groß­artig. 

Die Geschichte von den jungen Menschen auf der Suche nach sich selbst, die in eine große Stadt kommen, um ein freies Leben zu führen, aber statt­dessen mit dem Tod konfron­tiert werden, „erfreut die Menschen und bricht ihre Herzen“.

Die Sopranistin Sony Yoncheva

Verkör­pert die Rolle der Mimì: Sonya Yoncheva

(Foto: © Julian Hargreaves / Sony Music)

Jones’ Insze­nie­rung kommt mit als Mimì und Charles Castro­novo als Rodolfo live aus dem Royal Opera House London in die deut­schen Kinos.

Der Tenor Charles Castronovo

Über­nimmt die Partie des Dich­ters Rodolfo: Charles Castro­novo

Der erste Akt spielt in einer Pariser Mansarde. Hier hausen die vier Bohe­miens, der Maler Marcello, der Dichter Rodolfo, der Philo­soph Colline und der Musiker Schau­nard. Während Marcello, Colline und Schau­nard voraus ins Café Momus aufbre­chen, klopft es schüch­tern an der Tür. Es ist Mimì, deren Kerze erlo­schen ist und die um Feuer bittet. Mit Rodolfos Arie „Che gelida manina“ (Wie eiskalt ist dies Händ­chen) und Mimìs Erzäh­lung von ihrem Dasein als Stickerin „Mi chia­mano Mimì“ (Man nennt mich nur Mimi) erwacht ihre Liebe: „O soave fanciulla“ (O du süßestes Mädchen).

Pariser Arkaden

Die Bohe­miens stürzen sich ins Pariser Vergnügen.

(Foto © ROH / Cathe­rine Ashmore)

Der zweite Akt zeigt lebhaftes Treiben vor dem Café Momus. Die Freunde stürzen sich ins Vergnügen. Da taucht Musette auf, die eins­tige Geliebte Marcellos: „Quando men vo“ (Will ich allein).

Szenenfoto aus "La Bohème"

Vor einer Schenke am Stadt­rand klagt Mimì dem Maler Marcello ihr Leid.

(Foto © ROH / Cathe­rine Ashmore)

Der dritte Akt führt zu einer kleinen Schenke an der Grenze der Stadt. Mimì klagt Marcello ihr Leid, dass Rodolfo sie meide: „Rodolfo m’ama e mi fugge“ (Ach, Rodolfo liebt mich von Herzen). Als Rodolfo aus der Schenke kommt, versteckt sich Mimì. Rodolfo erzählt Marcello, dass Mimì todkrank sei und er ihr Dahin­sterben nicht ertragen könne. Ihr Husten verrät Mimì. Wieder versi­chern die beiden ihre Liebe zuein­ander, während Marcel und Musette in der Schenke zanken.

Szenenfoto aus "Le Bohème"

Mimì und Rodolfo in der Mansarde 

(Foto © ROH / Cathe­rine Ashmore)

Der vierte Akt spielt wieder in der Mansarde. Musette stürzt zu den vier Freunden hinein, weil die todkranke Mimì Rodolfo noch einmal sehen will. Rodolfo legt sie aufs Bett. Musette geht einen Muff für ihre kalten Hände kaufen. Colline nimmt Abschied von seinem Mantel, den er ins Pfand­haus trägt, damit man den Doktor holen kann: „Vecchia zimarra, senti“ (Höre, du alter Mantel). Mimì und Rodolfo hängen dem Glück ihrer Liebe nach. Als Musette mit dem Muff kommt, schläft Mimì ein. Und Rodolfo bricht mit einem verzwei­felten Aufschrei über ihr zusammen.

Der Komponist Giacomo Puccini

In Henry Murgers Roman entdeckte Giacomo Puccini den Stoff zu seiner Oper „La Bohème“.

36 Jahre war Puccini alt, als ihm Henry Murgers auto­bio­gra­fi­scher Roman Scènes de la vie de Bohème in die Hände fiel. Mögli­cher­weise hatte der Verleger Tito Ricordi ihm das Buch geschickt, der wusste, dass der Verlag Sonzogno den Kompo­nisten mit seiner Verope­rung beauf­tragt hatte. Fran­zö­si­sche Stoffe und vor allem das Thema Bohème wurden um die Jahr­hun­dert­wende plötz­lich aktuell.

Luigi Illica erstellte mit Giuseppe Giacosa das Libretto.

Luigi Illica erar­bei­tete das Szenario zu „La Bohème“

Puccini wandte sich an Luigi Illica mit dem Auftrag, ein Szenario zu erar­beiten. Die Ausfüh­rung des Textes und der Verse sollte Giuseppe Giacosa über­nehmen. Die „heilige Drei­ei­nig­keit“ nannte Tito Ricordi sie. Doch Einig­keit war nicht immer gegeben. Puccini maß dem Libretto große Bedeu­tung bei. Er wusste, wie wichtig ein stim­miges, wirkungs­volles Libretto für den Erfolg einer Oper war. „Ich soll mit geschlos­senen Augen das Evan­ge­lium Illicas annehmen?“, entrüstet er sich gegen­über Ricordi. „Auch den Tod will ich so haben, wie ich ihn mir gedacht habe.“ Es wurde so viel umge­schrieben und verworfen, dass Illica später klagte, „als die Bohème erschien, blieben uns im Koffer zehn Bohèmes übrig“.

Der Schriftsteller Henry Murger

Henry Murger lieferte mit seinem Roman „Scènes de la vie de Bohème“ die Vorlage zu Puccinis Oper.

Murger, der selbst das Leben eines Bohe­miens führte, hatte seine Erleb­nisse zunächst in loser Folge in Zeit­schriften veröf­fent­licht. 1849 kam im Théâtre des Variétés unter dem Titel La vie de Bohème eine Bühnen­fas­sung heraus. Und zwei Jahre darauf erschien sie als Roman, in dem Murger seine vier Freunde schließ­lich in ein bürger­li­ches Leben führt. Die Liebes­ge­schichte von Mimì und Rodolfo als roter Faden war erst die Idee der Libret­tisten.

Puccini über­nahm von Murger viele Details. Denn er war um eine farben­reiche Darstel­lung des Milieus bemüht. Reale Menschen wollte er auf die Bühne bringen. Paris kannte er damals noch gar nicht. Dennoch betonte später, niemand habe das Paris dieser Zeit so gut beschrieben wie er in La Bohème. Zwei Jahre nahm die Arbeit an dem Libretto in Anspruch. Inner­halb von acht Monaten brachte Puccini sodann die Musik zu Papier.

„Diese Blätter werden dich unsterb­lich machen!“

Sogar ein Bohème-Club wurde ins Leben gerufen. Bei Puccini kam er zusammen. Bewe­gend ist der oft geschil­derte Abschluss der Kompo­si­tion. Während die Freunde Karten spielen, arbeitet Puccini am Klavier. Um Mitter­nacht dreht er sich ihnen zu: „Ruhe, ihr Burschen! Ich bin fertig!“ Und er spielt ihnen den Schluss vor. „Als die zerrei­ßenden Akkorde ihres Todes erklangen“, schreibt der Maler Ferrucio Pagni, „über­lief es uns wie Schauer, und keiner von uns konnte sich der Tränen enthalten. Auch Giacomo weinte. Wir umringten ihn und umarmten ihn stumm. Dann sagte einer: ‚Diese Blätter werden dich unsterb­lich machen!‘“

Eine Prophe­zeiung, die sich erfüllte. Die Urauf­füh­rung am 1. Februar 1896 im Teatro Regio in Turin brachte nur freund­li­chen Beifall. Auch die Kritiken fielen nicht gut aus. Erst am 13. April in erreichte die Oper jene Wirkung, von der Puccini geträumt hatte. 3000 Hörer wollten am Ende, eine Stunde nach Mitter­nacht, das Haus nicht verlassen, bis der Diri­gent Leopoldo Mugnone mit dem noch anwe­senden Teil des Orches­ters und den zum Teil bereits umge­klei­deten Sänge­rInnen das ganze Finale wieder­holte.

Puccinis Verleger Ricordi

Beglei­tete Puccini zur ersten Auffüh­rung von „La Bohème“ in England: der Verleger Tito Ricordi

Noch im selben Jahr wurde die Oper zum ersten Mal in gezeigt. Das Comedy Theatre in Manchester spielte am 22. April „The Bohemians“ in engli­scher Sprache. Weil er der Auffüh­rung beiwohnen wollte, über­querte Puccini in Beglei­tung seines Verle­gers Tito Ricordi erst­mals den Kanal. Der Musik­kri­tiker der Sunday Times schil­dert die beiden: „Noch nie habe ich zwei junge Männer gesehen, die in einer so verzagten Fassung und eines Fehl­schlages so sicher waren. Die Proben waren schlecht gegangen, und es schien unmög­lich, dass die Oper Erfolg haben sollte. Ihre schmerz­li­chen Ahnungen haben sich aber nicht bewahr­heitet…“ Fünf Monate darauf, am 2. Oktober 1897, kam die Oper aber­mals in engli­scher Sprache am Covent Garden heraus.

Der bewusste Weg zum unbe­wussten Schaffen

Richard Jones’ Insze­nie­rung hatte am 11. September 2017 Première. Wie Jones gegen­über The Guar­dian erzählt, durch­lebte er nach seinem Anthro­po­logie-Studium selbst eine Bohe­mien-Periode. Er arbei­tete als Jazz-Pianist in Bars und wirkte in Shows im Londoner West End mit. So fand er Eingang in die Welt des Thea­ters. Inspi­riert fühlte er sich von den Insze­nie­rungen John Dexters und dem klas­si­schen Ballett.

Verlangte die vollkommene Verkörperung einer Rolle: Konstantin Stanislawski

Inspi­ra­tion für Richard Jones: der Begründer des Moskauer Künst­ler­thea­ters Konstantin Stanis­lawski

Auch die Beschäf­ti­gung mit dem Schau­spieler, Regis­seur und Mitbe­gründer des Moskauer Künst­ler­thea­ters Konstantin Stanislswski übte großen Einfluss auf ihn aus. Dieser strebte nach der voll­kom­menen Verkör­pe­rung einer Rolle. Er nannte es den bewussten Weg zum unbe­wussten Schaffen, wenn er vom Schau­spieler verlangte, sich in das Erleben, Denken und Fühlen einer Figur hinein­zu­ver­setzen. Sogleich nach seiner ersten Regie­ar­beit für das Theater wandte sich Jones der Oper zu. La Bohème setzte er erst­mals 2001 bei den Bregenzer Fest­spielen auf der Seebühne in Szene.

der Dirigent Emmanuel Villaume

Über­nimmt die musi­ka­li­sche Leitung: Emma­nuel Villaume

(Foto © Marco Borg­greve)

Julia Burbach, die als Regis­seurin ihre erste Begeg­nung mit La Bohème an der Baye­ri­schen Staats­oper an der Seite von Chris­toph Loy hatte, erweckte Richard Jones’ Insze­nie­rung zu neuem Leben. In den Bühnen­bil­dern und der Ausstat­tung von Stewart Laing studierte sie sein Regie­kon­zept mit den Sänge­rInnen ein. Der Bariton Andrzej Filończyk singt die Partie des Marcello, während die Sopra­nistin als Musetta ihr Debüt an der Royal Opera gibt. Der Bariton Gyula Nagy über­nimmt die Partie von Schau­nard, und der Bass Peter Kellner steht als Colline auf der Bühne. Die musi­ka­li­sche Leitung liegt in den Händen von Emma­nuel Villaume.

Weitere Infor­ma­tionen: www​.rohki​no​ti​ckets​.de

Weitere Über­tra­gungen aus dem Royal Opera House:
Der Nuss­kna­cker, Dorn­rös­chen