Singen, studieren – stem­peln

von Axel Brüggemann

13. Mai 2019

Will­kommen in der neuen Klassik-Woche,

brau­chen wir eine neue Hymne? Warum sagt seine Auftritte ab? Und warum landet der Sänger-Nach­wuchs immer öfter beim Arbeitsamt?

WAS IST 

Das „Lied der Deut­schen“ von Hein­rich Hoff­mann von Fallers­leben auf Helgo­land geschrieben – brau­chen wir eine neue Hymne?

GEIGER GREIFT AN 

Er ist einer der geni­alsten Geiger unserer Zeit: für hat Musik so gar nichts mit Äußer­lich­keit zu tun. Auch deshalb ekelt ihn der aktu­elle Klassik-Betrieb oft an. In einem Gespräch mit Bern­hard Neuhoff vom Baye­ri­schen Rund­funk lehnt er sich weit aus dem Fenster und wettert gegen die Plat­ten­firmen: „Was die Plat­ten­firmen heut­zu­tage von einem verlangen für eine lumpige CD! Sagen wir es ruhig: Bei der Deut­schen Gram­mo­phon wird von diesen Jung­stars verlangt, dass sie denen Prozente von ihren Gagen abtreten – als Dank dafür, dass sie dort ihre Platte aufnehmen dürfen. Ich sage das jetzt ganz offen.“ Stoff für eine span­nende Debatte!

EINE NEUE HYMNE?

Was ist denn das Bitte­schön für eine Debatte? Bodo Ramelow will eine neue Natio­nal­hymne. Und Jan Böhmer­mann wittert per Twitter sofort eine neue Show: sucht die Super-Hymne. Mal im Ernst: Wer soll die neue Hymne denn schreiben? ? Oder Dieter Bohlen? Oder beide zusammen? Ich finde: Teil der Klassik ist es auch, dass sie Geschichte wie einen Mythos aufsaugt und mitträgt. Haydns Melodie war einst Öster­rei­chi­sche Kaiser­hymne, wurde zur Hymne der Deut­schen, ja, sie schleppt auch heute noch das Erbe der Nazi-Herr­schaft mit sich, ebenso wie die verpasste Chance, zur Verei­ni­gung wirk­lich eine neue Hymne beider Deutsch­lands zu finden. „Einig­keit und Recht und Frei­heit“ – für mich ein State­ment, das heute beson­ders wichtig ist! Wenn es nach mir geht, ziehen wir weiter, „brüder­lich mit Herz und Hand“ gegen das Vergessen und gegen die zeit­geis­tige Schnell­schuss-Verjün­gung unserer Hymne. 

GATTIS NEUES ORCHESTER

In den letzten Wochen haben wir berichtet, dass Diri­gent , nachdem sich das Concert­ge­bouw Orchestra wegen #MeToo-Vorwürfen von ihm getrennt hatte, wieder viel beschäf­tigt ist. Nun legt er selber nach: Gerade hat er mit der Filar­mo­nica di ein neues Orchester gegründet. Es besteht aus Musi­kern der Orchester der Comu­nale di , des Fenice di Venecia und der Ópera di , aber auch Musiker aus den Berliner und Wiener Phil­har­mo­ni­kern sollen betei­ligt sein. Diri­giert wird es nicht nur von Gatti, sondern auch von Diri­genten der Mailänder Scala, der und des . Die Solisten Frank Peter Zimmer­mann und haben zuge­sagt, gemeinsam mit Gattis neuem Ensemble aufzu­treten. 


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NEUAN­FANG IN ERL

Bernd Loebe, neuer Inten­dant der Tiroler Fest­spiele in Erl (neben seinem Job in ), meint es offenbar ernst mit dem Neuan­fang. Sein Vorgänger Gustav Kuhn wurde wegen sexu­eller Über­griffe gefeuert. Loebe setzt nun bewusst auf viele Frauen und auf ein inno­va­tives und modernes Gegen­pro­gramm: „Wir stehen mit der Came­rata in Gast­spiel­ver­hand­lungen“, verriet er der Abend­zei­tung. „Mit Helmut Deutsch hoffe ich Lied­kultur nach Erl zu bringen. Mit Neil Shicoff wird über eine Meis­ter­klasse verhan­delt und even­tuell sogar ein Konzert. Mein Gene­ral­mu­sik­di­rektor, der an der Metro­po­litan Opera gefei­erte Sebas­tian Weigle, wird mit unserem Frank­furter Muse­ums­or­chester gastieren. Und dann insze­niert ab 2021 einen neuen Ring des Nibe­lungen.“ Diesen Sommer eröffnet Loebe Erl ausge­rechnet mit einer Oper von Kuhns größtem Kritiker: Auf dem Programm steht Caliban von . Da wird der Ex-Chef sich wahr­schein­lich vor Wut im Ruhe­stands­bett umdrehen! 

WAS WAR

Erfülltes Leben mit blei­benden Begeg­nungen: Verleger Fried­rich Häns­sler starb mit 92 Jahren.

SÄNGER IM PREKA­RIAT

Eine neue Studie der Bertels­mann-Stif­tung hat heraus­ge­funden: Nie landeten so viele Gesang­stu­denten beim Sozi­alamt wie heute. Die Gründe: Unsere Hoch­schulen nehmen zu viele Studenten auf, denn nur Masse garan­tiert staat­liche Gelder. Profes­soren kümmern sich zwar um das Hohe C und das perfekte Legato – aber nicht um den Berufs­alltag. Einen Plan B gibt es im Studium meist nicht. Und das, obwohl Plan A inzwi­schen nur für einen kleinen Teil der Absol­venten aufgeht. Selbst wenn junge Sänger an einem Stadt­theater unter­kommen, verdienen Solisten hier meist weniger als ein Chor­sänger. Fakt ist: Von Anna Netrebkos Abend­gage (bei gede­ckelten Auffüh­rungen 20.000 Euro) könnte man einen Stadt­theater-Sopran ein Jahr lang beschäf­tigen. Passend dazu forderte Bernd Loebe, Inten­dant der Frank­furter Oper, höhere Gehälter für Musiker. Er findet es depri­mie­rend, dass deut­sche Orchester auf Platz 27 des inter­na­tio­nalen Lohn-Rankings stehen (ein biss­chen lustig, da die Gehälter in Erl wahr­schein­lich noch weiter hinten liegen). So oder so ist es an der Zeit, umzu­denken: Weniger Studenten aufnehmen, mehr berufs­be­glei­tend studieren und vor allen Dingen: Wir müssen die Stadt­theater stärken! Sie sind einmalig, aber nur, wenn sie als Ensemble funk­tio­nieren und dem Nach­wuchs eine faire Chance für die Zukunft geben. 



SEREBREN­NI­KOWS NEUE FREI­HEIT

Wir haben berichtet, dass der russi­sche Theater- und Opern­re­gis­seur Kirill Serebren­nikow in Moskau unter Auflagen frei gelassen wurde. In einem span­nenden Porträt beschreibt Kerstin Holm in der FAZ nun, was Serebren­nikow derzeit treibt: „Im von ihm gelei­teten Gogol Center mode­rierte er an zwei Abenden ein Konzert seiner Sänger-Schau­spieler zu Ehren der sowjet­rus­si­schen Chanson-Legende Alla Pugat­schowa, die jüngst siebzig wurde. Im ausver­kauften Saal saßen außer der Jubi­larin die Menschen­recht­lerin Alla Gerber, aber auch die Tochter von Boris Jelzin, Tatjana Juma­schewa, die Serebren­nikow demons­trativ umarmte; außerdem der Diri­gent und Vertraute von Präsi­dent Putin Wladimir Spiwakow.

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE

Ein lokales Bündnis in ruft am 17. Mai zu einer Demons­tra­tion gegen den Diri­genten auf. Am Tag gegen Homo­phobie wolle man gegen Bayreuths neuen Tann­häuser-Diri­genten auf die Straße gehen. Die Veran­stalter nehmen dem Diri­genten homo­phobe Aussagen übel. Ihr Demo-Aufruf: „Gergiev (für Bayreuth) zu enga­gieren heißt, seine Unter­stüt­zung von menschen­ver­ach­tender Politik zu akzep­tieren. Wer das akzep­tiert, der ebnet den Weg für Homo­se­xu­el­len­feind­lich­keit und Diskri­mi­nie­rung.“ +++ Thomas Wörde­hoff hat die zu neuen Höhen geführt – nun verab­schiedet er sich als Inten­dant und legt dabei ein Buch vor, in dem er die High­lights Revue passieren lässt. +++ Jonas Kauf­mann musste einige Auffüh­rungen absagen, seine Nach­richt an die Fans klang drama­tisch: „Vor ein paar Tagen hatte ich mich beim derart verschluckt, dass ich mich nur durch heftiges Husten von der Atemnot befreien konnte. Leider war dieses ‚Frei­husten‘ nicht gut für meine Stimme.“ +++ Der Kompo­nist und Schüler von , Georg Katzer, ist gestorben. Er war führender Kompo­nist der DDR, seine Kompo­si­tionen waren stets auch hoch­po­li­ti­sche Draht­seil­akte. Frederik Hanssen ruft ihm im Tages­spiegel nach. +++ Eben­falls gestorben, im Alter von 92 Jahren, ist der Gründer des Labels , Fried­rich Häns­sler. Bewe­gend, wie sich Wegge­fährten auch auf Face­book von diesem zutiefst gläu­bigen Menschen mit sehr persön­li­chen Erin­ne­rungen verab­schiedet haben. Sein Sohn, Günter Häns­sler, führt das Label schon seit Jahren erfolg­reich weiter. Er schrieb die bewe­genden Worte: „Mein geliebter Vater ist heute Nacht von uns gegangen. Er stand tief im Glauben. Als ich mich am Sonntag mit einem „auf Wieder­sehen“ verab­schie­dete, sagte er: “ ja- so oder so…

AUF UNSEREN BÜHNEN

ist nicht nur ein genialer Sänger, sondern auch ein Bühnen-Tier. Nun wird er auch in den gefeiert. Gleich mehrere Kritiker der New York Times staunen in einer ulti­ma­tiven Lobhu­delei über seinen Wotan an der MET. +++ Viel zu disku­tieren gibt es über ein Inter­view, das Julian Warner und Elisa Liepsch diese Woche dem Deutsch­land­funk Kultur gegeben haben. Ihre These: Unsere Theater werden noch immer im Geiste von bösen weißen Männern geführt. Die Ensem­bles wären zwar Multi­kulti-Gruppen, in denen aber jeder nur auf die Stereo­type seines Landes zurecht­ge­stutzt würde. Liepsch findet: „Die Theater, so wie sie jetzt sind, machen ein Programm an der diversen und pluralen Gesell­schaft Deutsch­lands vorbei. Die Theater, die wir jetzt haben, sind eigent­lich eine Lüge.“ +++ Rein­hard Kager findet in der FAZ, dass die Umar­bei­tung seiner Oper Koma dem Werk von Fried­rich Haas bei der Neuin­sze­nie­rung durch an der Oper gut getan hat: „Mit dieser Auffüh­rung stellt das Klagen­furter Stadt­theater, dessen Inten­dant Florian Scholz auf eine Mischung aus fesselnd insze­nierten Reper­toire­stü­cken, Rari­täten und Zeit­ge­nös­si­schem setzt, erneut unter Beweis, dass es derzeit eine der span­nendsten Länder­bühnen Öster­reichs ist.“ 


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WAS LOHNT

Die feiert ihr 150. Jubi­läum.

150 JAHRE WIENER STAATS­OPER

Am Rande der Pres­se­kon­fe­renz zum 150. Jubi­läum der Wiener Staats­oper nahm mich Inten­dant Domi­nique Meyer irgend­wann zur Seite: „—ören Sie daaas?“, fragte er mich mit seinem fran­zö­si­schen Akzent, als wir durch die Gänge der Oper schlen­derten, „das sind die Proben zur Frau ohne Schatten. Wollen Sie Mal schauen?“ Dann holte er einen Logen-Schlüssel aus der Tasche, öffnete die Tür und klet­terte auf die kleine Empore der letzten Stuhl­reihe. Von hinten sah er aus wie ein kleiner Schul­junge, der sich heim­lich in die Oper geschli­chen hatte und nun darüber staunte, was auf der Bühne passiert: , und ein Korre­pe­titor steckten mitten in der Probe. „Schauen Sie“, flüs­tert Meyer, „fünf oder sechs Leute – in diesem großen Haus. Ist das nicht eine verrückte Kunst?“ Am liebten hätte er jetzt einfach weiter zuge­schaut, was sein Haus jeden Tag auf die Beine stellt und den Presse-Empfang einfach vergessen.


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Man kann über die Ära Meyer streiten, was aber unbe­streitbar ist: seine leiden­schaft­liche Begeis­te­rung für die Oper. Die setzt er nun noch einmal opulent in Szene. Natür­lich mit der Jubi­läums-Première der Frau ohne Schatten, aber auch mit einem gigan­ti­schen Open-Air-Konzert vor der Staats­oper für die Bürger Wiens, bei dem am 26. Mai das Who is Who der Oper auftritt, unter anderem Jonas Kauf­mann, Nina Stemme, , , , , . Im Kino wird die opulente Doku Back­stage Wiener Staats­oper zu sehen sein, die für den Stan­dard etwas zu sehr auf Hoch­glanz poliert ist, in der aber die Viel­falt eines großen Opern-Damp­fers in Szene gesetzt wird. Lohnens­wert neben dem Buch Wir vom Steh­platz, einer Hommage der Drama­turgen Andreas und Oliver Láng an verrückte Opern­fans und ihre Geschichten ist beson­ders die zwei­bän­dige Staats­opern-Chronik Geschichte der Oper in Wien. Oliver Rath­kolb liefert auf 864 lesens­werten Seiten span­nende Essays von groß­ar­tigen Autoren, wunder­bare Illus­tra­tionen und Geschichten rund und das Haus am Ring, das hier im künst­le­ri­schen Europa-Kosmos veran­kert wird.

Das 150. Jubi­läum wird die letzte große Sause für Inten­dant Meyer sein, ihm wird Bogdan Roščić folgen. Als ich Meyer nach seinen Gefühlen über den Abgang frage, wurde er ein biss­chen melan­cho­lisch. „Wandel ist normal“, sagte er, „aber wissen Sie, was ich jeden Tag denke, wenn ich durch das Haus gehe? – Wie sehr ich die Menschen an diesem Haus vermissen werde. Und diese einzig­ar­tige Begeis­te­rung der Wiener und der Öster­rei­cher für ihre Oper.“ Wie es für Meyer weiter­gehen wird, steht noch nicht fest. 

In diesem Sinne – halten Sie die Ohren steif.

Ihr

[email protected]​crescendo.​de