KlassikWoche 50/2021

Papa­geno in der Achter­bahn

von Axel Brüggemann

13. Dezember 2021

Anna Netrebko und Rolando Villazón und ihre Traviata, Matthias Schulz als neuer Intendant der Berliner Staatsoper, der Schlussstrich in Erl

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

heute mit einem Rück­blick auf große Sänger-Vergan­gen­heiten, einem Ausblick auf wenig über­ra­schende Fest­spiele und – natür­lich – mit den aktu­ellen Impf­quoten und guter Laune – trotz allem!

NETREBKO UND VILLAZÓN: LIEBE IN DEN JAHREN 

Anna Netrebko und Rolando Villazón in "La Traviata" bei den Salzburger Festspielen

Es ist über 15 Jahre her, dass und ihre heiße Bühnen-Leiden­schaft in der legen­dären Salz­burger „La Traviata“ entfacht haben. In dieser Woche haben beide auf unter­schied­liche Art von sich reden gemacht. In einem mutigen Inter­view hat der Diri­gent gerade erklärt: „Anna Netrebko hat ohne jede Frage eine groß­ar­tige Stimme, einen unglaub­li­chen Bühnen­in­stinkt und ist eine tolle Künst­lerin. Aber sie probt nicht gern. Darum möchte ich mit ihr nicht arbeiten, weil so keine Gemein­sam­keit entsteht. Ich habe 84 Premieren in meinem Leben diri­giert und glaube, dass Oper immer ein Gesamt­kunst­werk sein muss. Wenn Netrebko nur fünf Tage vor einer Première ankommt, ist das nicht möglich.“ So selten derar­tige Posi­tio­nie­rungen sind, so wichtig scheinen sie. Denn auch bei der jüngsten Scala-Eröff­nung lebte Netrebko mal wieder von ihrer Gabe des Instinkts. Dass zu einem großen Opern­abend mehr gehört, zeigten die zahl­rei­chen „Buhs“, die sich am Ende in den Applaus mischten (siehe Play­list). Ja, verdammt: Oper braucht wieder mehr Wahr­haf­tig­keit, mehr Hingabe, mehr Ernst­haf­tig­keit der Über­zeu­gung.

#Und auch Rolando Villazón hat diese Woche von sich reden gemacht – mit einem sehr offenen Inter­view, das er der New York Times gab. Darin sprach er über die Zeit, in der er als Tenor immer weniger Töne traf, über seine Angst vor Auftritten und seine Bemü­hung, auf neuen Feldern zu agieren. So weit so gut. Villazón stellte aber auch fest: „Ich bin kein Bariton, wie Mozart ihn in der Zauber­flöte ange­legt hat.“ Dennoch singt er den Papa­geno nun an der MET (das funk­tio­nierte auf CD schon nicht, siehe Play­list). Viel­leicht, weil er im Inter­view eben­falls erklärte, dass es ihn schon lange nicht mehr inter­es­siere, was andere sagen. Inter­es­sant an den Karrieren von Villazón und Netrebko: Beide haben das gleiche Manage­ment. Das zeit­auf­wen­dige Proben oder gar eine geschmei­dige Exit-Stra­tegie scheinen da keine Alter­na­tiven zu sein – die Sänger werden einfach weiter gemolken und gemolken und gemolken. „Wie eine Achter­bahn“ käme Villazón seine Karriere vor, stöhnte er der Times, was viel darüber verrät, dass er schon lange darauf verzichtet, selber am Steuer zu sitzen. 

WAS PASSIERT AN DER STAATS­OPER IN BERLIN?

Etwas zu spät für den letzten News­letter kam die Nach­richt, dass Matthias Schulz, derzeit noch Inten­dant der Berliner Linden­oper, 2025 diesen Posten am Opern­haus in über­nimmt. In stand Schulz als Manager und Macher im Schatten von , und auch beim Zürcher Über­ga­be­foto rückt Schulz in den Hinter­grund von , der noch immer die Geschäfte in Zürich führt. Als ich die Frage „Wer soll denn nun unter Baren­boim Chef in Berlin werden?“ auf meinem Insta-Profil gestellt habe, gab es neben den aktuell-poli­ti­schen Antworten von „Angela Merkel hat ja nun Zeit“ bis zu „Heiner, der immer lauter Bach als alle anderen hört“ auch Alter­na­tiven aus der Klassik: „Endlich Bernd Loebe?“, „Maren Hofmeister wäre mal wieder ohne Job“ oder „ hat ja bald Zeit“ … Tja: alles eher humor­voll.

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Dabei ist die Lage für die Staats­oper durchaus ernst. Denn in Wahr­heit hat die Post-Baren­boim-Ära mit dem Abgang von Schulz wohl endgültig begonnen. Der nächste Inten­dant (die Inten­dantin) müsste, um wirk­lich neu denken und handeln zu können, wohl unab­hän­giger vom derzei­tigen Musik­chef agieren können. 

UMBAU-ENTSCHEI­DUNGEN IN WIEN UND NÜRN­BERG

Das Theater an der Wien

Dass das Theater an der mit März kommenden Jahres seine Pforten für einen massiven Umbau schließen wird, ist bekannt. Nun sickerte auch durch, dass sich die Kosten für den Umbau auf 60,05 Millionen belaufen sollen. Kein leichter Beginn für den desi­gnierten Inten­danten .

Klar­heit gibt es nun auch in – auch, wenn diese durchaus kontro­vers ist. Die Kongress­halle auf dem Nürn­berger Reichs­par­tei­tags­ge­lände wird Inte­rims-Spiel­stätte für die Nürn­berger Oper. Sowohl in der Stadt, aber auch in diesem News­letter wurde heftig darüber debat­tiert, ob die im Auftrag von Adolf Hitler erbaute und nie fertig­ge­stellte monu­men­tale Kongress­halle als Zwischen­spiel­stätte für die drin­gend sanie­rungs­be­dürf­tige Oper dienen kann. CSU, SPD und Grüne haben dem nun zuge­stimmt.

SCHLUSS­STRICH IN ERL

Der Tiroler Blogger Markus Wilhelm hatte auf seiner Seite dietiwag​.org die #metoo-Miss­stände bei den Fest­spielen in Erl bekannt gemacht und dafür gesorgt, dass Inten­dant Gustav Kuhn gehen musste. Eine Unter­las­sungs­klage, die die Fest­spiele ange­strebt hatten, wurde nun endlich abge­wiesen, 26.000 Euro Prozess­kosten müssen zurück­er­stattet waren. „Die Zivil­rechts­klage war ein ordent­li­cher Schuss ins Knie für Hans Peter Hasel­steiner, den Betreiber und Präsi­denten der Fest­spiele Erl“, sagt Markus Wilhelm dem Stan­dard. In dem drei­ein­halb Jahre dauernden Verfahren seien „immer mehr struk­tu­relle Miss­stände in Hasel­stei­ners Unter­nehmen zu Tage getreten, der Sumpf hat sich als weit tiefer erwiesen, als ich bis dahin recher­chiert hatte“, so der Blogger. Auch in der Klassik gibt es zum Glück mutigen Jour­na­lismus!

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE

Haben Sie es auch gesehen, dieses Weih­nachts­ora­to­rium auf Face­book von Jan Böhmer­mann? Die größte Stimme bei dem lustigen „Requiem“ ist der finale Abge­sang mit Sopra­nistin . Rein­hören lohnt sich! (Siehe dazu auch die Play­list) +++ Die neue Kultur­staats­mi­nis­terin Claudia Roth gab der ZEIT ein langes Inter­view, in dem sie ihre Haupt­ziele erklärte. Mehr disku­tieren wolle sie, Kultur sei ein Spiegel der Demo­kratie, keine fest­ge­legte Reprä­sen­ta­ti­ons­kunst (und darin unter­scheidet sie sich schon mal ange­nehm von ihrer Vorgän­gerin!). Es ginge ihr aber auch um Viel­falt, sie lobte das diverse Film­fest in Nürn­berg, aber auf die Frage, ob die als Leucht­turm-Orchester unter ihr Angst haben müssten, antwor­tete Roth mit einem „Nein. Über­haupt nicht.“ Außerdem erklärte sie, sie sei für Amts­zeit­be­gren­zungen in der Politik. Das Inter­view fand übri­gens ohne Klavier­be­glei­tung von statt.

erzählte im Guar­dian davon, dass er im Studium massiv sexuell bedrängt wurde: Er solle mit in eine Sauna kommen, um einen Lieder­abend in einem großen Konzert­saal zu bekommen. Ein lesens­wertes Inter­view, in dem es unter anderem auch um Cancel-Culture geht. +++ Letzte Woche sorgte das kleine Video von für Aufmerk­sam­keit, in dem der Diri­gent einem fran­zö­si­schen Orchester auf, sagen wir mal: sehr deut­sche Art die Bruckner-Töne beibrachte. Eine aufmerk­same Leserin hat noch mal genau hinge­hört und mich darauf aufmerksam gemacht, dass der Oboist sich diesen Umgang nicht gefallen lässt und ein vergif­tetes „fait chier“, vulgär über­setzt: „geh pissen“, in die Probe haucht. Andere Kommen­ta­toren machten mich darauf aufmerksam, dass Janowski auch deshalb bei einigen Orches­tern den Spitz­namen „der nette Hans“ trägt. +++ Der Bariton Benjamin Appl, das Lite­ra­tur­ar­chiv in Marbach, der und die Konfe­renz der Landes­mu­sik­räte wollen das deut­sche Kunst­lied ins imma­te­ri­elle Kultur­erbe der UNESCO aufnehmen. +++ Ich habe letzte Woche an dieser Stelle auch über die Impf-Kampagne der Semper­oper in berichtet, der sich inzwi­schen auch die Staats­ka­pelle ange­schlossen hat. 300 Menschen ließen sich am ersten Tag in dem Haus impfen – begleitet von Musik­ensem­bles des Hauses. Bravo! +++ Apropos, Rein­hard J. Brem­beck vermutet in der Süddeut­schen Zeitung, dass die Impf­quote in Orches­tern höher ist als in ihren jewei­ligen Bundes­län­dern: „In liegt die Impf­quote laut RKI bei knapp 59 Prozent, bei der sind 73 Prozent der Musiker geimpft. Bei den Berliner Phil­har­mo­ni­kern sind 95 Prozent der Orches­ter­mit­glieder geimpft, während die allge­meine Impf­quote in Berlin bei 70 Prozent liegt.“ (siehe Play­list)

Schon ein biss­chen komisch, dass alle Medien schrieben, Helga Rabl-Stadler hätte die kommende Saison der Salz­burger Fest­spiele ange­kün­digt, die doch eigent­lich in der Hand von Markus Hinter­häuser liegen. Als Opern-Neuin­sze­nie­rungen auf dem Programm: Puccinis „Il trit­tico“ mit Welser-Möst, „Herzog Blau­barts Burg“ von , „Katja Kaba­nova“ von und „Das Spiel vom Ende der Zeiten“ von mit . Tja – vorher­sehbar. Hoffent­lich rückt Hinter­häu­sers Program­matik in Zukunft mal wieder mehr in den Vorder­grund und wird dann irgend­wann wieder wich­tiger als das „hammer­harte“ Schi­cki­micki-Karus­sell der letzten Monate! 

UND WO BLEIBT DAS POSI­TIVE, HERR BRÜG­GE­MANN?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn! Im Zweifel immer dort, wo man es selber macht: Ich durfte – dem verdammten Öster­reich-Lock­down sei Dank – zwei kurz­wei­lige Wohn­zim­mer­kon­zerte der Wiener Sympho­niker präsen­tieren. Unter anderen diri­gierte die Zweite Sinfonie von .

Aber noch viel posi­tiver ist, dass das alte Karl-Kraus-Kritiker-Wort noch immer Bestand hat. „Was trifft, trifft zu“, hatte der Jour­na­list einmal geschrieben. Wir Kritiker erleben das immer wieder. Erst letzte Woche haben Sänge­rInnen-Freunde des Wiener „Don Giovanni“ mir Paroli für meine Kritik geboten (eine grund­sätz­liche Antwort über die Wich­tig­keit und die gleich­zei­tige Bedeu­tungs­lo­sig­keit von Kritiker-Worten habe ich aus Zeit­mangel noch nicht verfassen können), und Betei­ligte des Advents-Konzertes beim haben mir lustig-vergif­tete Blumen­grüße auf meiner Face­book-Seite hinter­lassen, um sie dann aber (warum eigent­lich?) sofort wieder zu löschen. Hey, liebe Leute: Meinungs­un­ter­schiede gehören doch dazu. Nehmen wir all das nicht persön­lich! Und solltet Ihr in noch was Passendes für Eure Klassik-Weih­nachts­sen­dung suchen – im Netz kursiert derzeit eine Schlager-Version der Königin der Nacht … ein biss­chen in oran­genes Licht getaucht, begleitet von Eurem Jonas … das könnte doch ganz gut passen 🙂

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

brueggemann@​crescendo.​de

Und hier, wie nun jede Woche, die Play­list zum News­letter (einfach beim Lesen anhören – und gern auch abon­nieren)

Fotos: , Theater an der Wien