Willkommen in der neuen KlassikWoche,

es ist fast Weihnachten, werden wir also besinnlich. Von wegen! Vor Jahresende scheinen noch mal alle Besen geschwungen zu werden. Wird Christian Thielemann aus Bayreuth gefegt? Räumt der RBB mit den Radio-Orchestern auf? Und warum schockt das Gericht in München mit einem (oder besser keinem) Urteil. 

BAYREUTH RINGT MIT THIELEMANN, UND SALZBURG PLANT GROSS

Es ist eine Frage, wie man Nachrichten liest: Der BR titelt optimistischBayreuther Festspiele 2021 sollen stattfinden!“, während die Wiener Zeitung die gleichen Nachrichten unter dieser Überschrift zusammenfasst: „Weniger Vorstellungen, kein Chor im Festspielhaus.“ Fakt ist: Auf dem Spielplan 2021 stehen neben der Neuproduktion „Der Fliegende Holländer“ mit Dirigentin Oksana Lyniv die Wiederaufnahmen der Produktionen „Die Meistersinger von Nürnberg“ und „Tannhäuser“. Außerdem sollen drei Vorstellungen der „Walküre“ ermöglicht werden. Katharina Wagner kündigte dafür einen „namhaften Performance-Künstler“ an.

Erstaunlich: Es wird 2021 keinen „Lohengrin“ geben, damit wird ausgerechnet jene Oper, die Christian Thielemann dirigiert hatte, gestrichen. Es könnte sich bewahrheiten, was an dieser Stelle schon seit einiger Zeit vermutet wurde: Noch ist Christian Thielemann als Musikdirektor der Bayreuther Festspiele nicht verlängert worden, nicht unmöglich, dass sein Vertrag mit dem 1. Januar 2021 sang- und klanglos ausläuft (darüber schreibt inzwischen auch der BR). In der letzten Sitzung des Verwaltungsrates konnte man sich offenbar nicht auf eine Verlängerung einigen. Erst kürzlich hatte Thielemann den Machtkampf gegen Nikolaus Bachler bei den Salzburger Osterfestspielen verloren. 

Nicht ausgeschlossen, dass Bayreuth auch deshalb wackelt, weil Thielemann in der Vergangenheit zu viele seiner Kollegen genervt hat – seine Bayreuther Auseinandersetzungen mit Kirill Petrenko und Andris Nelsons sind inzwischen legendär. Es wäre eine denkbare Überlegung, dass Bayreuth ohne einen Musik-Chef Thielemann wieder Türen für andere Dirigenten öffnet, etwa für Daniel Barenboim oder Zubin Mehta. Derweil planen die Salzburger Festspiele von Markus Hinterhäuser lustig weiter: 168 Aufführungen an 46 Tagen, zwei Drittel der Plätze sollen besetzt werden. Mit dabei unter vielen anderen Teodor Currentzis und sein Mozart-Zyklus, Franz Welser-Möst mit Strauss’ „Elektra“ und Dirigaten mit den Wiener Philharmonikern und Anna Netrebko als Tosca.

DAS ENDE DER RUNDFUNK-ORCHESTER?

Auch das, was man aus einem Spiegel-Interview macht, das RBB-Intendantin Patricia Schlesinger gegeben hat, ist am Ende eine Frage der Interpretation. Sie hat gesagt, dass die Klangkörper der ARD unverzichtbar seien, um dann sofort ein großes „ABER“ hinterherzuschieben: Man könne durchaus darüber diskutieren, „wie sie angebunden und finanziert werden“. Bereits die letzte Programm-Neustrukturierung des RBB hat Kultur und Klassik in die Nische der Nische verbannt, und in Berlin selber (also nicht im Radio, sondern im Bundesland) wird von Haushaltsexperten – so ist zu hören – bereits das Post-Corona-Szenario durchgerechnet: Immer wieder hört man von zehn Prozent Einsparungen im Kultursektor. 

Der NDR zeigt derweil weiterhin, wie man den eigenen Chor sang- und klanglos wegschrumpfen kann. Und wer versteht schon, dass die Sender der ARD zu Silvester nicht die durch Gebühren eh finanzierten Ensembles bei arte aufspielen lässt, sondern die vom Bund geförderten (und vom Sender hochbezahlten) Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko. Mit anderen Worten: Die öffentlich-rechtlichen Ensembles sind gerade in Zeiten, in denen sogar Landesregierungen an GEZ-Gebühren zu scheitern drohen, nicht mehr selbsterklärend. Umso wichtiger, dass die Orchester vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (das mit Sir Simon Rattle eher zurück in die Zukunft gehen will, als mutig vorwärts in die Zukunft) bis zur Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern selber Strategien entwickeln, mit denen sie sich unüberhörbar unabschaffbar machen! 

KEINE VERGEWALTIGUNG – EIN SCHOCK

Der ehemalige Musikhochschul-Professor Hans-Jürgen von Bose ist vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen, aber wegen unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln in nicht geringen Mengen zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten verurteilt worden. Die dritte Strafkammer am Landgericht München führte aus, warum sie glaube, dass Bose im Jahr 2006 und 2007 bei seiner damaligen Lebensgefährtin dreimal den Geschlechtsverkehr gegen ihren Willen ausgeführt habe – und warum das rein aus juristischen Gründen nicht bestraft werden könne. Mich erreichten zahlreiche Mails, unter anderem von Komponist, Münchner Professor und Beobachter der Vorfälle in München, Moritz Eggert, der mir schrieb: „Wir sind geschockt.“ Kann man auch sein, wenn man sich vor Augen führt, was der Spiegel bereits 2018 berichtet hatte.

PERSONALIEN DER WOCHE

Die Dirigentin Marie Jacquot im Live-Stream der Wiener Symphoniker

Letzte Woche habe ich an dieser Stelle das Wohnzimmerkonzert der Wiener Symphoniker mit Omer Meir Wellber gepostet – nun ist es offiziell: Der israelische Dirigent wird neuer Musikdirektor der Volksoper Wien an der Seite von Lotte de Beer. Nächsten Freitag um 20:15 Uhr ist im Live-Stream der Wiener Symphoniker die Französin Marie Jacquot zu hören – mal sehen, welche Personalien wir da in den kommenden Wochen verkünden können :-) +++ Die Intendantin der Berliner Philharmoniker, Andrea Zietzschmann, hat ihren Vertrag um drei weitere Jahre verlängert. Auch wenn sie zwischenzeitlich wohl andere Ambitionen hatte, ist die Stiftung der Berliner Philharmoniker nun froh, ihren Vertrag vorzeitig verlängert zu haben. Die Intendantin habe den Aufbruch der Philharmoniker mit Chefdirigent Kirill Petrenko erfolgreich mitgestaltet, erklärte Kultursenator Klaus Lederer (Linke). +++

Wir haben das Pro und Contra von Live-Streams an dieser Stelle letzte Woche mal wieder debattiert – und dann haben wir die Saisoneröffnung der Mailänder Scala gesehen: Sehr wenig sehr Gutes, sehr viel sehr Mittelmäßiges und vor allen Dingen: eine Orgie des Kitsches. Es fällt uns Musikjournalisten nicht immer leicht, Freund Manuel Brug zu zitieren, aber sein Text für die Welt traf den Nagel wohl auf den Kopf: „‚A riveder le stelle‘– ‚Die Sterne wiedersehen‘ – heißt der vorab in Bits & Pieces für die Kameras zusammengebosselte Galaabend. Und es hätte ein viel gesehenes Manifest für die Relevanz der Gattung Oper werden können. Aber es präsentiert wort- und sinnfrei altmodische Tradition im scheinbar modernen, völlig austauschbaren Videoanimationskleid.“ +++ Die Geigerin Marie-Luise Dingler hat nicht nur ein Buch, sondern auch eine Mail an mich geschrieben – und zwar mit einem Link, in dem sie alle KollegInnen auflistet, die die Corona-Flaute genutzt haben um zu schreiben. Ein Verweis auf faire, hilfreiche und vor allen Dingen spannende Weihnachtsgeschenke in diesen Tagen. Check it out. Mit dabei: Silke Aichhorn, Christin Henkel und Markus Francke. +++ Der Vertrag von Bremens nicht gerade opern-affinem Theaterintendanten Michael Börgerding wurde verlängert, sein GMD, Yoel Gamzou, hat sich derweil entschieden, Bremen den Rücken zu kehren. 

DER NACHKLAPP

Ein wenig lustig waren mehrere Reaktionen auf meine Meldung von letzter Woche, dass die Elbphilharmonie in Hamburg die Corona-Zwangspause nutze, um seine 25 Tonnen schwere Orgel mit 4.765 Pfeifen zu säubern. Was in der Berichterstattung (warum auch immer) vergessen wird, ist der Grund der Reinigung: Noch nachdem die Orgel in das Haus eingebaut wurde, ist der Holzboden kräftig geschliffen worden – gegen die ausdrückliche Anweisung der Orgelbauer! Das führte dazu, dass das Millionen-Instrument vom ersten Tag an dreckig war. Die Säuberungskosten musste übrigens die Baufirma übernehmen. Einfach nur ein weiterer, kleiner Fauxpas im Haus der Groß-Denker! Ach, ja – und da ich immer noch an Alex Ross‘ Wagner-Buch lese, habe ich mich sehr darüber gefreut, dass mir jemand folgenden Link geschickt hat, in dem der Journalist mit Kirill Gerstein für die Hanns Eisler Musikhochschule über Wagner redet. Viel Spaß dabei!

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In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann

[email protected]

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