KlassikWoche 51/2020

Bayreuth ohne Lohengrin und Salzburg mit so ziemlich allem

von Axel Brüggemann

14. Dezember 2020

Die offene Zukunft Christian Thielemanns in Bayreuth, die Planungen der Salzburger Festspiele, die prekäre Lage der öffentlich-rechtlichen Ensembles

Willkommen in der neuen KlassikWoche,

es ist fast Weih­nachten, werden wir also besinn­lich. Von wegen! Vor Jah­res­ende scheinen noch mal alle Besen geschwungen zu werden. Wird aus Bay­reuth gefegt? Räumt der mit den Radio-Orches­tern auf? Und warum schockt das Gericht in mit einem (oder besser keinem) Urteil. 

BAYREUTH RINGT MIT THIELEMANN, UND SALZBURG PLANT GROSS

Es ist eine Frage, wie man Nach­richten liest: Der BR titelt opti­mis­tisch 2021 sollen statt­finden!“, wäh­rend die Wiener Zei­tung die glei­chen Nach­richten unter dieser Über­schrift zusam­men­fasst: „Weniger Vor­stel­lungen, kein Chor im Fest­spiel­haus.“ Fakt ist: Auf dem Spiel­plan 2021 stehen neben der Neu­pro­duk­tion „Der Flie­gende Hol­länder“ mit Diri­gentin die Wie­der­auf­nahmen der Pro­duk­tionen „Die Meis­ter­singer von “ und „Tann­häuser“. Außerdem sollen drei Vor­stel­lungen der „Wal­küre“ ermög­licht werden. kün­digte dafür einen „nam­haften Per­for­mance-Künstler“ an.

Erstaun­lich: Es wird 2021 keinen „Lohen­grin“ geben, damit wird aus­ge­rechnet jene Oper, die Chris­tian Thie­le­mann diri­giert hatte, gestri­chen. Es könnte sich bewahr­heiten, was an dieser Stelle schon seit einiger Zeit ver­mutet wurde: Noch ist Chris­tian Thie­le­mann als Musik­di­rektor der Bay­reu­ther Fest­spiele nicht ver­län­gert worden, nicht unmög­lich, dass sein Ver­trag mit dem 1. Januar 2021 sang- und klanglos aus­läuft (dar­über schreibt inzwi­schen auch der BR). In der letzten Sit­zung des Ver­wal­tungs­rates konnte man sich offenbar nicht auf eine Ver­län­ge­rung einigen. Erst kürz­lich hatte Thie­le­mann den Macht­kampf gegen Niko­laus Bachler bei den Salz­burger Oster­fest­spielen verloren. 

Nicht aus­ge­schlossen, dass Bay­reuth auch des­halb wackelt, weil Thie­le­mann in der Ver­gan­gen­heit zu viele seiner Kol­legen genervt hat – seine Bay­reu­ther Aus­ein­an­der­set­zungen mit und Andris Nel­sons sind inzwi­schen legendär. Es wäre eine denk­bare Über­le­gung, dass Bay­reuth ohne einen Musik-Chef Thie­le­mann wieder Türen für andere Diri­genten öffnet, etwa für oder . Der­weil planen die von Markus Hin­ter­häuser lustig weiter: 168 Auf­füh­rungen an 46 Tagen, zwei Drittel der Plätze sollen besetzt werden. Mit dabei unter vielen anderen und sein Mozart-Zyklus, mit Strauss’ „Elektra“ und Diri­gaten mit den Wiener Phil­har­mo­ni­kern und als Tosca.

DAS ENDE DER RUNDFUNK-ORCHESTER?

Auch das, was man aus einem Spiegel-Inter­view macht, das RBB-Inten­dantin Patricia Schle­singer gegeben hat, ist am Ende eine Frage der Inter­pre­ta­tion. Sie hat gesagt, dass die Klang­körper der ARD unver­zichtbar seien, um dann sofort ein großes „ABER“ hin­ter­her­zu­schieben: Man könne durchaus dar­über dis­ku­tieren, „wie sie ange­bunden und finan­ziert werden“. Bereits die letzte Pro­gramm-Neu­struk­tu­rie­rung des RBB hat Kultur und Klassik in die Nische der Nische ver­bannt, und in selber (also nicht im Radio, son­dern im Bun­des­land) wird von Haus­halts­ex­perten – so ist zu hören – bereits das Post-Corona-Sze­nario durch­ge­rechnet: Immer wieder hört man von zehn Pro­zent Ein­spa­rungen im Kultursektor. 

Der zeigt der­weil wei­terhin, wie man den eigenen Chor sang- und klanglos weg­schrumpfen kann. Und wer ver­steht schon, dass die Sender der ARD zu Sil­vester nicht die durch Gebühren eh finan­zierten Ensem­bles bei auf­spielen lässt, son­dern die vom Bund geför­derten (und vom Sender hoch­be­zahlten) unter Kirill Petrenko. Mit anderen Worten: Die öffent­lich-recht­li­chen Ensem­bles sind gerade in Zeiten, in denen sogar Lan­des­re­gie­rungen an GEZ-Gebühren zu schei­tern drohen, nicht mehr selbst­er­klä­rend. Umso wich­tiger, dass die Orchester vom (das mit eher zurück in die Zukunft gehen will, als mutig vor­wärts in die Zukunft) bis zur Deut­schen Radio Phil­har­monie Kai­sers­lau­tern selber Stra­te­gien ent­wi­ckeln, mit denen sie sich unüber­hörbar unab­schaffbar machen! 

KEINE VERGEWALTIGUNG – EIN SCHOCK

Der ehe­ma­lige Musik­hoch­schul-Pro­fessor Hans-Jürgen von Bose ist vom Vor­wurf der Ver­ge­wal­ti­gung frei­ge­spro­chen, aber wegen uner­laubten Besitzes von Betäu­bungs­mit­teln in nicht geringen Mengen zu einer Bewäh­rungs­strafe von sechs Monaten ver­ur­teilt worden. Die dritte Straf­kammer am Land­ge­richt Mün­chen führte aus, warum sie glaube, dass Bose im Jahr 2006 und 2007 bei seiner dama­ligen Lebens­ge­fährtin dreimal den Geschlechts­ver­kehr gegen ihren Willen aus­ge­führt habe – und warum das rein aus juris­ti­schen Gründen nicht bestraft werden könne. Mich erreichten zahl­reiche Mails, unter anderem von Kom­po­nist, Münchner Pro­fessor und Beob­achter der Vor­fälle in Mün­chen, , der mir schrieb: „Wir sind geschockt.“ Kann man auch sein, wenn man sich vor Augen führt, was der Spiegel bereits 2018 berichtet hatte.

PERSONALIEN DER WOCHE

Die Dirigentin Marie Jacquot im Live-Stream der Wiener Symphoniker

Letzte Woche habe ich an dieser Stelle das Wohn­zim­mer­kon­zert der Wiener Sym­pho­niker mit gepostet – nun ist es offi­ziell: Der israe­li­sche Diri­gent wird neuer Musik­di­rektor der Volks­oper an der Seite von . Nächsten Freitag um 20:15 Uhr ist im Live-Stream der Wiener Sym­pho­niker die Fran­zösin zu hören – mal sehen, welche Per­so­na­lien wir da in den kom­menden Wochen ver­künden können 🙂 +++ Die Inten­dantin der Ber­liner Phil­har­mo­niker, Andrea Zietz­sch­mann, hat ihren Ver­trag um drei wei­tere Jahre ver­län­gert. Auch wenn sie zwi­schen­zeit­lich wohl andere Ambi­tionen hatte, ist die Stif­tung der Ber­liner Phil­har­mo­niker nun froh, ihren Ver­trag vor­zeitig ver­län­gert zu haben. Die Inten­dantin habe den Auf­bruch der Phil­har­mo­niker mit Chef­di­ri­gent Kirill Petrenko erfolg­reich mit­ge­staltet, erklärte Kul­tur­se­nator Klaus Lederer (Linke). +++

Wir haben das Pro und Contra von Live-Streams an dieser Stelle letzte Woche mal wieder debat­tiert – und dann haben wir die Sai­son­er­öff­nung der Mai­länder Scala gesehen: Sehr wenig sehr Gutes, sehr viel sehr Mit­tel­mä­ßiges und vor allen Dingen: eine Orgie des Kit­sches. Es fällt uns Musik­jour­na­listen nicht immer leicht, Freund Manuel Brug zu zitieren, aber sein Text für die Welt traf den Nagel wohl auf den Kopf: „‚A riveder le stelle‘– ‚Die Sterne wie­der­sehen‘ – heißt der vorab in Bits & Pieces für die Kameras zusam­men­ge­bos­selte Gala­abend. Und es hätte ein viel gese­henes Mani­fest für die Rele­vanz der Gat­tung Oper werden können. Aber es prä­sen­tiert wort- und sinn­frei alt­mo­di­sche Tra­di­tion im scheinbar modernen, völlig aus­tausch­baren Video­ani­ma­ti­on­s­kleid.“ +++ Die Gei­gerin Marie-Luise Dingler hat nicht nur ein Buch, son­dern auch eine Mail an mich geschrieben – und zwar mit einem Link, in dem sie alle Kol­le­gInnen auf­listet, die die Corona-Flaute genutzt haben um zu schreiben. Ein Ver­weis auf faire, hilf­reiche und vor allen Dingen span­nende Weih­nachts­ge­schenke in diesen Tagen. Check it out. Mit dabei: Silke Aich­horn, Christin Henkel und Markus Francke. +++ Der Ver­trag von Bre­mens nicht gerade opern-affinem Thea­ter­in­ten­danten Michael Bör­ger­ding wurde ver­län­gert, sein GMD, , hat sich der­weil ent­schieden, den Rücken zu kehren. 

DER NACHKLAPP

Ein wenig lustig waren meh­rere Reak­tionen auf meine Mel­dung von letzter Woche, dass die in die Corona-Zwangs­pause nutze, um seine 25 Tonnen schwere Orgel mit 4.765 Pfeifen zu säu­bern. Was in der Bericht­erstat­tung (warum auch immer) ver­gessen wird, ist der Grund der Rei­ni­gung: Noch nachdem die Orgel in das Haus ein­ge­baut wurde, ist der Holz­boden kräftig geschliffen worden – gegen die aus­drück­liche Anwei­sung der Orgel­bauer! Das führte dazu, dass das Mil­lionen-Instru­ment vom ersten Tag an dre­ckig war. Die Säu­be­rungs­kosten musste übri­gens die Bau­firma über­nehmen. Ein­fach nur ein wei­terer, kleiner Fauxpas im Haus der Groß-Denker! Ach, ja – und da ich immer noch an Alex Ross« Wagner-Buch lese, habe ich mich sehr dar­über gefreut, dass mir jemand fol­genden Link geschickt hat, in dem der Jour­na­list mit für die Musik­hoch­schule über Wagner redet. Viel Spaß dabei!

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

[email protected]​crescendo.​de